Neue BiografieEr ist der Boss

Die Mick-Jagger-Biografie von Marc Spitz porträtiert den Rolling-Stones-Sänger als unumschränkten Chef der Band. von Stefan Hentz

Mick Jagger vor fast 20 Jahren

Mick Jagger vor fast 20 Jahren  |  © MARIA R. BASTONE/AFP/Getty Images

Mick Jagger ? Keine Ahnung, wo der sich aufhält. Vielleicht kommt er gleich um die Ecke, vielleicht auch nicht. Vielleicht ist Mick Jagger nur eine Fiktion. Ein magischer Spiegel, der das, was man auf ihn projiziert, zurückwirft. Natürlich in schönerer, drastischerer, noch sinnlicherer Form. Ein Popstar, der in einem halben Jahrhundert auf der Bühne die Gleichsetzung von Musik und Musiker unter dem Banner der Authentizität überwunden und es verstanden hat, sich so hell anstrahlen zu lassen, dass das Licht seine Konturen verwischt und ihm ein Stück Intimität lässt. Mick Jagger? Genaueres weiß keiner, auch nicht Marc Spitz, der New Yorker Schriftsteller und Musikjournalist , der gerade ein Buch geschrieben hat: Mick Jagger – Rebell und Rockstar, mit dem die Band wieder ins Rampenlicht rückt, nachdem schon letztes Jahr Keith Richards’ Autobiografie Life so überaus erfolgreich war.

Bereits im Untertitel, im englischen Original ergänzt um die Begriffe rambler und rogue, also etwa »Flaneur« und »Schurke« oder freundlicher: »Spitzbub«, wird sein Dilemma deutlich: dass sich das Bild allenfalls in einzelnen Facetten erzählen lässt, die sich wie in einem Kaleidoskop permanent gegeneinander verschieben. Es sind die vertrauten Stationen, die Spitz heranzieht und in der Geschichte des Pop verankert.

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Da ist die erstaunliche Begegnung eines Business-School-Studenten mit einem Art-School-Drop-out auf dem Bahnsteig einer Vorortbahn, die zur Entdeckung gemeinsamer Musikvorlieben führt. Da sind das Eintauchen in die angesagten Clubs in London , die Bekanntschaft mit dem so coolen wie musikalischen Brian Jones , der erste Auftritt unter dem Namen Rollin’ Stones am 12. Juli 1962 im Marquee Club . Das Apartment am Edith Grove, das kleine, heruntergewirtschaftete Loch, in dem Jagger, Jones und Richards in der Gründungsphase der Band hausten. Die Frauen Jaggers, Chrissie Shrimpton und Marianne Faithfull , Anita Pallenberg und Marsha Hunt, Bianca Jagger und später Jerry Hall bis hin zu Jaggers aktueller Lebensgefährtin L’Wren Scott. Die Drogengeschichten. Im Unterschied zu Keith Richards hat Jagger hier immer eine Reserve bewahrt, die ihn vor dem Absturz schützte. Die revolutionäre Phase, in der Jagger Teil der revoltierenden Jugend wurde und in Street Fighting Man seine revolutionäre Perspektive erläuterte. Schritt für Schritt verfolgt Spitz die Laufbahn der Rolling Stones und kehrt Jaggers Führung der Band heraus, für die er als Einziger über die nötige Klarheit verfügt habe.

Doch so beredt Spitz sich in den ekklesiastischen Auseinandersetzungen der Rolling-Stones-Gemeinde auf die Seite des Sängers schlägt, so viele Fakten er auch auffährt, sein Buch krankt daran, dass er zu Jagger und dem engeren Kreis der Beteiligten an der Geschichte keinen Zugang hat. So gerät das Werk zu einer weiteren – gut lesbaren – Zusammenfassung der Geschichte der Rolling Stones. Der Person Mick Jagger begegnet man hier nicht.

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    • Schlagworte Mick Jagger | Boss | Brian Jones | Keith Richards | Band | Biografie
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