Mit dem Schuh, der seinen Träger schneller machen soll, läuft man wie auf Sand. Man sinkt ein. Auf der Sohle des "On" sitzen 13 kleine Gummischläuche, die sich verformen, wenn man auftritt. Der On ist die derzeit ungewöhnlichste Entwicklung auf dem Laufschuhmarkt.

Die 17 Millionen Hobbyläufer in Deutschland wollen Laufschuhe, die leicht sind, bequem, leistungsfördernd, gelenkschonend, muskelauf-, fettabbauend. Die Hersteller liefern so einiges. Vor allem Versprechungen. Jedes Jahr kommen Hunderte neue Modelle auf den Markt. Aber was macht überhaupt einen guten Laufschuh aus? In den Füßen stecken rund ein Viertel der mehr als 200 Knochen des menschlichen Körpers, 33 Gelenke, 107 Bänder. Wer dafür eine passende Hülle finden will, muss Bescheid wissen. Über Pro- und Supination, Vor-, Mittel- und Rückfußlauf, Dämpfung, Sprengung, Schuh oder Anti-Schuh.

Der On ist schlicht und einfarbig, anders als die etwa hundert anderen Modelle in dem vollgestopften Raum. Neben der Tür steht ein Umzugskarton voller Schuhkartons. Schuhe, am Stück oder zerschnitten, stehen und liegen auf Regalen, Schränken und dem Boden. Aus dem Chaos ragt ein Schreibtisch, hinter dem Gerd Brüggemann sitzt. Er spielt mit dem Skelettmodell eines Fußes und sagt: "In den letzten Jahrzehnten lief in der Laufschuhkonstruktion ganz viel falsch."

Brüggemann leitet das Institut für Biomechanik und Orthopädie an der Sporthochschule Köln . Er forscht seit 1986 in Sachen Interface – so nennt er die Verbindung aus Fuß, Schuh und Boden. Er hat etliche Schuhtrends miterlebt, der aktuelle heißt "Natural Running" – zurück zur natürlichen Bewegung, zur Freiheit des Fußes. Bis vor einigen Jahren sollten immer dickere Gel-, Gummi- oder Luftkissen in den Sohlen den Fuß vor Stößen schützen, Stützsysteme seine Einwärtsdrehung beim Aufsetzen, die Pronation, verhindern. Heute weiß man, dass die Pronation um zehn Grad eine natürliche Bewegung ist und ebenso wenig schadet wie die Stoßkräfte beim Aufsetzen des Fußes.

Das künstliche Ding zwischen dem Menschen und der Erde, auf der er wandelt, ist nur einige Millimeter dick. Doch die Schuhsohle wird ständig neu erfunden. Die des On sei eine gute Idee, sagt Gerd Brüggemann – "theoretisch". Theoretisch gibt die Sohle aus röhrenförmigen Gummis nach, wenn der Fuß auftritt, sie verlängert Weg und Zeit des Aufpralls, verlangsamt den Impuls des Stoßes. "Wenn ein Muskel langsamer kontrahieren kann, hat er ein größeres Kraftpotenzial." In der bislang einzigen Studie mit den On-Schuhen fanden Forscher der ETH Zürich tatsächlich einen Effekt. Im Vergleich zum Lauf mit ihren eigenen Schuhen hatten die 37 Probanden mit den Ons an den Füßen eine signifikant niedrigere Herzfrequenz und eine um 5,4 Prozent niedrigere Laktatkonzentration im Blut – ein möglicher Hinweis darauf, dass der Körper Energie spart.