Als mein Vater ins Krankenhaus kam, versuchten die Ärzte, etwas für ihn zu tun, im engen Rahmen des Möglichen. Eine Krankenschwester sagte zu seiner Frau, sinngemäß, dass sie die hektische Aktivität nicht verstehe. Der Mann sei doch schon sehr alt. Man solle ihn gehen lassen. So etwas hört man oft.

Das Verrückte ist, dass man das Leben oft erst dann so richtig zu schätzen weiß, wenn nicht mehr viel davon übrig ist. Am Anfang hält man alles für selbstverständlich, Glück, Genüsse, Spaß, davon ist scheinbar genug da, wenn nicht heute, dann morgen. Ein großer Irrtum. Inzwischen glaube ich, dass viele von uns mit achtzig oder neunzig, sofern sie kein schweres Leiden haben, mehr am Leben hängen als mit zwanzig. Ich, auf halber Strecke, merke das auch schon. Eigentlich wird das Leben besser, so von der Einstellung her. Die meisten haben gelernt, mühsam und langwierig, mit den Unerfreulichkeiten der Existenz umzugehen und sich am Positiven zu erfreuen, aber kaum hat man es halbwegs kapiert, dann wird die Zeit auch schon knapp. Je höher die Nachfrage nach Leben, desto geringer das Angebot. Es müsste umgekehrt sein, man müsste mit der geistigen Verfassung eines Neunzigjährigen anfangen und sich dann im Laufe der Zeit seelisch in einen Zwanzigjährigen verwandeln. Der Abschied fiele leichter. Zwanzigjährige bringen sich relativ oft um. Neunzigjährige niemals, außer, sie sind schwer krank. Deswegen finde ich es richtig, um die wertvollen letzten Jahre oder Monate zu kämpfen, völlig egal, was Krankenschwestern oder Versicherungsmathematiker dazu sagen.

Als mein Vater mit seiner Frau nach Südafrika auswanderte, zum ersten Mal ein Haus mit Pool kaufte und ein neues Leben anfing, war er ein gutes Stück über siebzig, und viele erklärten ihn für verrückt. Lohnt sich das noch? Aber er wollte eben aus dem Leben so viel wie möglich herausholen, statt herumzusitzen und auf den Tod zu warten. Er feierte, aß gut, schlief wenig, trank mehr Wein, als der Doktor empfiehlt, rauchte, solange es mit dem Herzen irgendwie ging, lebte überhaupt ziemlich ungesund und schaute – da versank ich als Junge manchmal vor Scham in den Boden – immer gern hübschen Frauen nach, keineswegs unauffällig. Wenn er sich besonders wohl fühlte, fing er an, halblaut zu singen, auch wenn Leute dabei waren. Wegen meines Vaters glaube ich daran, dass Lebenslust der Gesundheit ebenso zuträglich sein kann wie Askese. Viele Jahre vergingen. Er hatte seine Ausgehsachen an und wollte gerade in ein gutes Restaurant essen gehen, als er sich hinsetzte und sagte: Es geht nicht.

Aber er will nicht, dass es aufhört. Im Krankenhaus kämpft er, während ich dies schreibe, er kämpft um jede Sekunde Leben und verblüfft die Ärzte, die ihn schon zweimal aufgegeben haben. Sein Herz hat noch fünf Prozent Leistungsfähigkeit, aber sollten sie ihm ein Schollenfilet und ein Glas Rheingauer Riesling anbieten, dann würde er sicher nicht Nein sagen.

Zum ersten Mal wollte ich die Kolumne absagen. Jeder hätte das akzeptiert, nur ich nicht. Und er wahrscheinlich auch nicht. Mein Vater ist in Ostpreußen aufgewachsen. Er machte nächtelang einen drauf, er hatte Krisen, aber er ging in jedem Zustand zur Arbeit. Pflichterfüllung, sich nicht hängen lassen, sich durchkämpfen, das war seine zweite Botschaft. Leider habe ich davon viel mehr mitbekommen als von seiner Lebenslust. Aber noch habe ich die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, ihm ähnlich zu werden, vielleicht als alter Mann.

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