GlaubeKirche ist ein cooler Ort

Eine Erweckungsgeschichte aus dem multireligiösen Berlin von 

Wir sind die Leute, von denen die Rede ist, wenn über den Prenzlauer Berg geschimpft wird. Nicht mehr ganz junger, halbwegs wohlhabender Mittelstand, der irgendwann im Nordosten Berlins gelandet ist, als es hier noch billig war, und der gerne geblieben ist, als es langsam schick wurde. Wie die meisten unserer Nachbarn haben wir erst eine Familie gegründet, als es dafür fast schon zu spät war.

Samia hat ein Kind, ich habe zwei, bei Tatjana ist der dritte Sohn gerade unterwegs. Wir sind alle berufstätig, unsere Kinder gehen in dieselbe Kita. Dass wir uns regelmäßig an der Gethsemanekirche treffen, hat vor allem praktische Gründe. Es gibt dort einen schönen Spielplatz, übersichtlich, von alten Bäumen umstanden und nicht zu sonnig. Die nächste Eisdiele ist nicht weit.

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Natürlich wissen wir, dass diese kleine Kirche, die so postkartenschön aus dem Gründerzeitgeschachtel heraussticht, in der friedlichen Revolution vor 20 Jahren eine heroische Rolle gespielt hat. Und dass sie heute zu den erfolgreichsten Gotteshäusern der Republik gehört. Sagenhafte 4000 Mitglieder, eng getaktete Hochzeitswochenenden, Massentaufen und höllisch laute Kindergottesdienste.

Es gibt viele Erklärungsversuche für das Wunder von Gethsemane, mitten im gottlosen Berlin : die Geschichte, der tolle Pfarrer, die Lage. Aber vielleicht leben in diesem Sprengel einfach nur besonders viele Menschen, die sich jetzt, da sie selber Kinder haben, wieder nach den Traditionen ihrer Eltern sehnen.

Samia, Tatjana und ich gehören nicht zu diesen Menschen. Unser Verhältnis zur Religion ist komplizierter. Man könnte sagen, wir schauen dabei zu, wie sich die Religion langsam wieder in unser Leben einschleicht .

Samia kommt aus Syrien und verstößt als Bankerin täglich und mit einem gewissen Genuss gegen das Zinsverbot ihrer muslimischen Vaterreligion. Tatjana ist Russin, Schauspielerin, in St. Petersburg orthodox getauft und in Berlin mit einem iranischstämmigen Künstler verheiratet, der gern damit kokettiert, nicht nur Muslim, sondern "sogar Schiit" zu sein.

Ich habe meinen katholischen Kinderglauben während der Pubertät irgendwo im Rheinland verloren. Meine Kinder taufen zu lassen, weil das so ein schöner Brauch ist, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Mein Freund und ich waren uns immer einig, dass sie später selber entscheiden sollen, ob sie sich einer Religionsgemeinschaft anschließen.

Und während wir uns am Anfang öfter mal Gedanken machten, auf welcher Grundlage sie diese Entscheidung eigentlich treffen sollten, wenn wir ihnen keine Hinweise geben, war für Samia immer klar, dass sie die Religion von ihrer Tochter fernhalten würde.

Sie ist in der Altstadt von Damaskus aufgewachsen, im Haus ihrer Großeltern. Wenn sie davon erzählt, klingt das immer sehr malerisch. Ein Hof voller Verwandter, eine große Tafel, an der sie zusammen aßen. Doch wenn der Muezzin rief, wurde es ernst. Das Gebet war eine Pflicht, und wer ihr nicht nachkam, musste mit Konsequenzen rechnen. Mit Allah war nicht zu verhandeln.

Wie die meisten Frauen in ihrer Familie ist sie nie tiefer in den Koran vorgedrungen, das war Männersache. Samia kann deshalb nicht mit Sicherheit sagen, dass der Furcht einflößende Gott ihrer Kindheit der Gott aller Muslime ist. Doch für den Fall, dass es so sein sollte, will sie ihre Tochter vor diesem ungnädigen Herrscher beschützen, der ihr als Kind ständig das Gefühl gab, nicht gut genug zu sein. "Ich möchte sie zu einem selbstbewussten Menschen erziehen", sagt sie.

Das wollen alle Eltern. Meine Nachbarin schickt ihre Kleinen zum Yoga , seit sie drei sind, damit sie nicht "so gebückt durchs Leben gehen". Andere versuchen mit Kinder-Englisch oder Chinesisch für Babys, mit Entspannungstherapien oder mathematischen Frühförderprogrammen, ihren Nachwuchs aufs Leben vorzubereiten.

Und Tatjana, die Russin vom Gethsemane-Spielplatz, ist der festen Überzeugung, dass die Religion in einer Welt, die sich ständig ändert, das stärkste Rückgrat garantiert. Aber nicht etwa, weil der unnahbare Gott der Ostkirche ein wackerer Weggefährte wäre. "Kinder haben ein Recht auf einen Kinderglauben, auf etwas, das ihnen zu verstehen gibt: Du bist nie allein." Sie selbst habe noch zu ihrem Schutzengel gebetet, als sie Anfang der neunziger Jahre in die Schweiz ging, um Geld zu verdienen.

Dass sie ihren ersten Sohn taufen lassen würde, war für sie so selbstverständlich, dass sie mit ihrem Mann, dem iranischen Künstler, nie ausführlich darüber gesprochen hat. Es ist dann "passiert", als er auf Dienstreise war. Nach seiner Rückkehr flog erst mal ein Fernseher auf die Straße. Es hat eine Zeit gedauert, bis ihre Beziehung sich davon erholt hatte. "Doch da mussten wir durch", sagt Tatjana. Die Gewissheit, dass ihre Jungs nun besser durchs Leben getragen werden, war ihr den Krach wert.

Leserkommentare
    • bugme
    • 09. April 2012 17:05 Uhr
    1. Hadsch

    Das mit der Pilgerfahrt nach Mekka wird für nicht gläubige (also Leute, die "nur" an den Gott Abrahams aber nicht an Mohamed als Propheten glauben) unmöglich sein.
    Der Zutritt ist nicht gestattet und ich würde die Saudis in dieser Richtung auch nicht provozieren.

    An sonsten spannender Text, aber eventuell lösen sich ja einige Fragen (z.B. wer begründet wie, warum was echt ist) der Damen durch ein intensiveres Beschäftigen mit dem Thema.

    • xpeten
    • 09. April 2012 17:14 Uhr

    für die Kirche sinnvolle Investition in zukünftige Kirchensteuerzahler.

    Mir wäre wohler, wenn der Staat die Milliardenzahlungen an die Kirche reduzieren würde und Spielplätze, Schulen und Kindertagesstätten kommunal finanzieren würde. Das brächte Säkulare Bildungsstrukturen, Transparenz bei der Verwendung von Steuergeldern, viele Arbeitsplätze, weniger "Gläubige" und mehr "Wissende".

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    • bugme
    • 09. April 2012 17:29 Uhr

    Ein Teil war ein Vertrag, der aus alten Enteignungen der Kirche stammen. Von daher wäre es aus meiner Sicht verhandelbar aber nicht nochmals enteignungsfähig.

    Für soziale Dinge wie Krankenhäuser, Kitas, Schulen etc. bekommen die Kirchen die gleichen zuschüsse, wie auch andere private betreiber.

    Dann bleiben noch die Subventionen für Kulturgüter a la Kölner dom. In diesem Bereich habe ich aus Mangels an Interesse nie recherchiert. Kennen Sie noch weitere Gebiete, in denen der Staat der Kirche Gelder transferiert?

  1. Stimmt, die kirche ist ein kalter Ort.Da kann man jetzt viel hinein interpretitieren.

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    Ich wollte Ihren Gedanken in Beitrag 3 nicht kopieren. Mein Beitrag ist Ihrem, unbeabsichtigt, ziemlich ähnlich. Meinen habe ich wohl zu lange unbearbeitet stehen lassen, und vor dem Versenden nicht noch einmal auf die Entwicklung hier im Forum geschaut.

    Aufgrund der Ähnlichkeit hätte ich ihn sonst nicht veröffentlicht.Ich bitte um Nachsicht.

  2. "Kirche ist ein cooler Ort"

    Kirche ist ein kühler Ort.

    • bugme
    • 09. April 2012 17:29 Uhr

    Ein Teil war ein Vertrag, der aus alten Enteignungen der Kirche stammen. Von daher wäre es aus meiner Sicht verhandelbar aber nicht nochmals enteignungsfähig.

    Für soziale Dinge wie Krankenhäuser, Kitas, Schulen etc. bekommen die Kirchen die gleichen zuschüsse, wie auch andere private betreiber.

    Dann bleiben noch die Subventionen für Kulturgüter a la Kölner dom. In diesem Bereich habe ich aus Mangels an Interesse nie recherchiert. Kennen Sie noch weitere Gebiete, in denen der Staat der Kirche Gelder transferiert?

    • xpeten
    • 09. April 2012 17:51 Uhr

    (50-60 sogar, genau weiß das niemand, es wird ja verdunkelt wo man nur kann) an die Kirche überweist,

    dann spricht das für sich.

    Es gibt freilich noch andere Gebiete, wie die völlig unverständliche Übernahme von Personalkosten für Kirchbedienstete incl. Repräsentationskosten wie Hauspersonal und "Firmenwagen" durch den Steuerzahler,

    auch die Einsammlung der Kirchensteuer wird vom Staat erledigt und diesem mit einem angeblichen Satz vergütet - was ja angesichts der Gesamthöhe aller staatlichen Transferleistungen ein seichter Witz ist.

    Bildung und Kindergärten gehören jedenfalls nicht in die Hand der Kirche.

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    • _bla_
    • 10. April 2012 8:42 Uhr

    50-60 Mrd. und auch noch direkt an die Kirche überwiesen?

    Diese Zahlen sind völlig unrealistisch. Wie bitte kommen Sie auf diese Zahlen? Der Kirchenkritiker Carsten Frerk rechnet alles zusammen was irgendwie entfernt mit Kirche zu tun hat, völlig unabhängig davon, ob diese Zahlungen wirklich der Kirche zu gute kommen. Da werden dann subventionierte Kindergartenplätze zu 100% als Subvention für die Kirche gerechnet und nicht etwa als Subvention für die Eltern. Mit dieser höchst unrealistischen Rechnung kommt Frerk auf rund 10 Mrd. an direkten Subventionen, von "an die Kirche überwiesen" kann man dabei nur bei einem kleinen Teil sprechen: Punkte wie Religionsunterricht durch staatliche Lehrer, kostenloses Studium der Theologie (Ist das ebenfalls kostenlose Ingenieursstudium etwa eine Industriesubvention?) ist ganz klar, das diese nie "an die Kirchen" überwiesen werden. Zusätzlich behauptet er dann noch mal rund 10 Mrd. Steuern, die man angeblich zusätzlich einziehen könnte. Woher and warum die beiden Kirchen diese 10 Mrd. Steuern zahlen können sollten, wo sie über die Kirchensteuern nur rund 8 Mrd. einnehmen, bleibt völlig offen. Sie übertreffen diese ohnehin schon höchst unseriöse Rechnung von Herrn Frerk noch mal um den Faktor 2,5 bis 3 und behaupten dann auch noch eine direkte Überweisung an die Kirche. Tatsächlich betragen die Staatsleistungen weniger als 0,5 Mrd. für beide Kirchen zusammen, sie liegen als um den Faktor 100 daneben.

  3. 7. ?????

    was will uns die autorin jetzt mitteilen? wie das leben so spielt im kleinbürgerlichen milieu? daß kinder ängstlicher sind,als erwachsene? daß kinder gern spielen und singen?

    • Osterp
    • 09. April 2012 18:22 Uhr

    Entfernt. Verzichten Sie auf diffamierende und polemische Äußerungen. Die Redaktion/mak

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    • Osterp
    • 09. April 2012 18:30 Uhr

    Entfernt. Kritik an der Moderation können Sie an community@zeit.de senden. Den Kommentarbereich nutzen Sie bitte ausschließlich zur sachlichen Diskussion des Artikelthemas. Die Redaktion/mak

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