Angehörige des Attentäters Mohammed Merah bei der Bestattung © ERIC CABANIS/AFP/Getty Images

Bevor jemand wieder zu einem »Der Islam ist Frieden« ansetzt, sollten wir innehalten und uns klarmachen, was geschehen ist. Ein Mann, der den Namen des Propheten trägt, hat in Toulouse drei jüdische Kinder und einen Rabbiner hingerichtet. Zuvor hatte er drei französische Soldaten getötet, zwei von ihnen waren Muslime.

Im Koran steht: »Aus diesem Grunde haben wir den Kindern Israels angeordnet, dass, wer einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen oder Unheil im Lande angerichtet hat, wie einer sein soll, der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer ein Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten.« Dieser Text ist universal gültig. Er erteilt den Gläubigen die Weisung: Du sollst nicht töten! Hab Ehrfurcht vor dem Leben!

Mohamed Merah hatte diese Ehrfurcht nicht. Nun sagen viele Muslime: Er war gar kein Muslim, da Muslime so etwas eben nicht tun. Aber diese Stimmen sollten jetzt lieber schweigen. Denn mit diesem Argument ersparen sich die Muslime die Auseinandersetzung mit den ideengeschichtlichen Wurzeln der Gewalt im Namen Gottes. Menschen wie Mohamed Merah berufen sich bei ihren Taten auf eine selektive Lesart des Korans. Sie glauben, gottgefällig zu handeln. Da sie sich aber als gläubige Muslime ansehen, sind sie auch Teil der muslimischen Gemeinschaft.

Seit dem 11. September verspürten Muslime die Verpflichtung, den Islam zu verteidigen, indem sie die Täter außerhalb der Religion stellten. Nun sind die Muslime keine Terroristen. Aber Terroristen, die sich auf den Islam berufen, gehören in der Regel dem Wahhabismus an. Deshalb ist es an der Zeit, sich kritisch mit dieser islamischen Strömung auseinanderzusetzen.

Aus den Wirren des ersten islamischen Bürgerkriegs im 7. Jahrhundert entstanden die Sunniten und die Schiiten, aber auch die kurzlebige Splittergruppe der Charidschiten. In ihrem extremen Denken sahen sie sich als die einzig wahren Muslime an und überzogen bald den Irak mit Terror. Jeden, der sich ihnen nicht anschloss, töteten sie mitsamt seiner Familie. Sie glaubten, dass der Gläubige Erlösung nur innerhalb der »wahren« Gemeinschaft finden könne. Alle, die außerhalb dieser stehen, seien zu töten. Ihre theologische Legitimation diente später Extremisten als Grundlage für Mord und Terror.

Der Begründer des Wahhabismus, Mohammed ibn Abdel Wahhab, folgte dieser terroristischen Linie der Charidschiten. Er kam 1740 auf die Arabische Halbinsel und schmiedete Allianzen, um den Islam von allen Neuerungen zu säubern, die sich im Laufe der Jahrhunderte eingeschlichen hatten. Die Lehre des Wahhabismus wurde zur vorherrschenden religiösen Richtung auf der Arabischen Halbinsel, und 1932 gelang es den Wahhabiten, das heutige Saudi-Arabien zu gründen. Ihre Gewaltexzesse richteten sich vorwiegend gegen Sufis und Schiiten. So überfielen die Wahhabiten 1802 die irakische Stadt Kerbala und ermordeten 2000 schiitische Muslime.

Zunächst galt der Wahhabismus in der muslimischen Welt als Sekte. Das hat sich zum einen geändert, weil die Wahhabiten zu Ölreichtum kamen und ihr Islamverständnis durch Moscheebau, Spenden und die Verbreitung kostenloser Literatur in andere Länder exportierten. Zum anderen kontrollierten sie die heiligen Stätten Mekka und Medina.