Jetzt will man also frei von Klischees und Vorurteilen zur Piratenpartei gehen und sich das Wirtschaftsprogramm erklären lassen. Und was ist? Man landet im obersten Stockwerk des Berliner Abgeordnetenhauses, bekommt eine Club-Mate in die Hand gedrückt – ein Kultgetränk unter Programmierern, das die Durchhaltekraft vor dem Bildschirm stärkt und heftiges Aufstoßen hervorruft – und sitzt vor Pavel Mayer (47), wirtschaftspolitischer Sprecher der Fraktion und Internetunternehmer. Seit 1980 Hard- und Softwareentwickler. Mitwirkender im Chaos Computer Club , Experte in 3-D-Programmierung.

Und kaum sind die ersten Höflichkeiten ausgetauscht, redet Mayer vom » Star Trek -Sozialismus«. »In der Science-Fiction-Welt von Star Trek «, führt der Fraktionsexperte aus, »spielen materielle Güter dank der Replikator-Technologie eine untergeordnete Rolle.« Replikatoren? In der amerikanischen Fernseh- und Filmserie können solche Geräte auf Knopfdruck Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände aus der Luft zaubern.

Pavel Mayer, das sagt er gleich, hat ungefähr 600 Folgen von Star Trek gesehen. Er sei aber eigentlich kein » Trekkie« , nicht im engeren Sinne, und er habe auch 3.000 bis 4.000 ganz andere Scifi-Romane gelesen. Bei ihm zu Hause stehe da eine »größere Bibliothek«. Sollten wir darüber reden, um das Wirtschaftsprogramm der Piraten zu verstehen? »Direkte Ideen beziehe ich aus so etwas nicht«, sagt Mayer, gelassen und amüsiert, »das ist eher eine Lockerungsübung fürs Gehirn. Um sich Großes vorstellen zu können.«

An Pavel Mayer kann geraten, wer sich bei der Piratenpartei nach einem Experten in Sachen Wirtschaft erkundigt. Einen einzigen offiziellen bundesweiten Oberexperten gibt es so wenig wie ein ausformuliertes Wirtschaftsgrundsatzprogramm, und daher kommt es, dass man mal an dieses und mal an jenes Mitglied verwiesen wird. Die Kollegen von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wurden vergangene Woche nach Bayern geschickt, zum Wirtschaftssprecher der dortigen Landespartei; das Handelsblatt landete mal bei dem Finanzanalysten und Bundesvorstandsmitglied Matthias Schrade. Die ZEIT traf auf Pavel Mayer.

Und der stellt sich wirklich gerne Großes vor. »Eine wesentliche Frage ist: Wie kann Wirtschaft in einer Informationsgesellschaft aussehen?« Das hat er gleich zu Beginn des Gesprächs als Thema gesetzt. Dann ist er ein paar Gemeinplätze losgeworden – über die Notwendigkeit, die Wirtschaft wandelbarer zu machen als bisher, über die Vorzüge eines gesunden Nebeneinanders großer, kleiner und winziger Unternehmungen, über die Bedeutung der Ökologie und das Ziel einer »besseren sozialen Marktwirtschaft«. Aber die Sprüche sind nur zum Aufwärmen.

Eigentlich, das merkt man schnell, sitzt da ein wissbegieriger Mensch in einer beneidenswerten Position: Er kann sich eine neue Wirtschaftspolitik ausdenken – für eine Partei, die bisher keine hat. Zu »Pflichtthemen« wie der Euro-Debatte, den Feinheiten der Steuerpolitik oder der Drogeriekette Schlecker haben sich Piraten selten klar geäußert, und Mayer fängt damit auch nicht an. Er verzichtet sogar weitgehend auf glatt geschliffene, programm- und wahlkampftaugliche Politikerformulierungen.

Und welchen Sinn sollten die auch haben? Bei den Piraten ist nicht vorgesehen, dass sich alle dauerhaft auf ein Programm festlegen. Die Piratenpartei will laufend zu allen Themen ihre Mitglieder befragen, und man kann nicht zugleich Basisdemokratie und die Treue zu einem Fertigprogramm pflegen. Der Wirtschaftsexperte hat wohl auch deshalb kein Problem damit, jetzt anderthalb Stündchen Club-Mate zu trinken und über das große Ganze zu philosophieren.

Aber Star Trek? Das Ende aller materiellen Knappheit dank Science-Fiction-Technik? »Da laufen wir definitiv in die Richtung, und teilweise haben wir es schon erreicht«, sagt Mayer. Und ehrlich gesagt: Wenn man sich mit ihm in das Thema vertieft, dann kommt einem der Vergleich nicht mehr ganz so exzentrisch vor. Dann wird er zur Metapher des Strukturwandels. Die rein materiellen Bedürfnisse, sagt Mayer, seien heute ja im Allgemeinen gesichert, und daher funktioniere das Wirtschaften auch ganz anders. »Die Menschheit nähert sich einem Punkt, an dem die Menschen nicht mehr bereit sind, für ein Mehr an materiellen Gütern noch zu arbeiten. Dafür werden postmaterielle Güter wichtiger. Freiheit, Selbstentfaltung, Erhaltung der Umwelt, ethisches Handeln.« Ganz bestimmt wollten im Jahr 2100 nicht mehr so viele Menschen als Konzernsoldaten in Großunternehmen vor sich hin schaffen.