GlaubeDarf man sich seinen Glauben selbst basteln?
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Contra: Der Glaube fängt mit Gott an, nicht mit uns

Contra: Patrik Schwarz will Gott nicht neu erfinden: Denn der Glaube fängt mit Gott an, nicht mit uns

Einige meiner besten Freunde sind Bastler. Sie werden überrascht sein, mich auf dieser Seite der Barrikade zu finden: Nein, Glaubens-Basteln geht nicht. In vielen Kreisen gehört es zum guten Ton, gepflegt an-spiritualisiert zu sein, es aber mit dem Glauben bloß nicht zu weit zu treiben. Ich habe lange mit dieser Haltung sympathisiert, aber ich kann sie im Grunde nicht mehr teilen. Basteln oder nicht – das ist ein Unterschied ums Ganze. Es ist der Unterschied zwischen der Überzeugung: Gott ist auch ohne mein Zutun da, und der Idee: das bisschen Gott, das ich brauche, mache ich mir selber.

Natürlich kann man die Vorstellung schrecklich anti-individualistisch finden, es komme beim Glauben erst auf Gott an und dann auf mich. Es mag auch bedeutend weniger kreativ oder anspruchsvoll erscheinen, einer überlieferten Religion zu folgen oder sich einer Kirche zu verschreiben. Aber um diese Individualisierungslogik geht es beim Glauben nicht.

Glauben fängt mit Gott an, nicht mit mir. Deswegen ja ist der Weg zum Glauben für uns moderne Selbstbestimmer so schwer zu finden (und letzte Gewissheit erreichen wir nie): Ich kann mir Gott nicht passend machen, sonst wäre er nicht Gott.

Wahrscheinlich verstehen sich darum der gläubige Muslim und der gläubige Christ oft besser als der Kirchgänger und der Kunde auf der Esoterik-Messe. Zugegeben, der dogmatisch Gläubige ist der ständigen Versuchung zur Borniertheit ausgesetzt. Wer an Gott glaubt und daran, dass er sich – und sei es auf seinen eigenen Wegen – zu erkennen gibt, der muss aber darum das Suchen nicht aufgeben.

Vielmehr wird die Suchbewegung eine gerichtete: Der Gläubige versucht zu verstehen, worum es Gott geht, nicht, Gott beständig etwas aufzuschwatzen. Natürlich ist im Namen von Religionen viel Unsinn verbreitet worden – vom Unrecht ganz zu schweigen –, aber 2000 Jahre Geschichte des Christentums hat eben auch als Unsinnsfilter gewirkt: Der Kanon des Glaubens, der sich erhalten hat, vereint ein gewisses Maß an Weisheit und Unfugsresistenz in sich.

Ich meine bei vielen Glaubens-Shoppern eine Angst vor der Festlegung zu beobachten – und mit den Jahren eine beträchtliche Erschöpfung vom Überangebot im Supermarkt der Weltanschauungen. Dabei sperrt einen der Verzicht aufs Basteln bei Weitem nicht so ein, wie es Regelverächter und Kirchengegner gern suggerieren.

Ich bin nicht ärmer geworden, sondern reicher, seit ich für denkbar halte, dass vieles von dem stimmt, was das Christentum ausmacht. Weil ich mich nun seltener frage, was an meinem Gott faul sein könnte (oder wo ich einen neuen hernehme), wird meine Suche ernsthafter. Wer sich auf einen Glauben einlässt, erfährt auch die Chance der Vertiefung.

Und meine Freunde mit ihren Heilsteinen, Tarotkarten und Sonderbotschaftern des Engelsuniversums? Wenn es der Vertiefung ihres Glaubens dient, bitte. Ich selber habe schon genug mit der Dreifaltigkeit zu tun. Gottvater, Gottsohn und Heiliger Geist – bis ich das auf die Reihe bekomme, bin ich gut ausgelastet.

 
Leser-Kommentare
  1. etwas haben, woran man glauben kann?

    Ich bete zu nichts und niemand. Wozu auch?

    Wir sollten vielmehr anfangen, uns um dringende Probleme unseres Menschseins zu kümmern: Überbevölkerung, Klimawandel, Bildungsnotstände, Hunger, soziale Ungerechtigkeit usw. usw...

    Eine Schande, wie unendlich viel geistige und spirituelle Kompetenz sinnlos verschwendet wird.

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    "Eine Schande, wie unendlich viel geistige und spirituelle Kompetenz sinnlos verschwendet wird."

    Allerdings ist es auch eine Schande, wieviel rationale und psychische Energie dadurch verschwendet wird, dass man sich zu wenig mit den geistigen Inhalten beschäftigt.

    Ich möchte nicht wissen, wieviel Schaden durch Sinnlehre und Orientierungslosigkeit entsteht, die sich in bekannten Krankheiten wie Burnout, Depression und Sucht auswirkt...

    "Wir sollten vielmehr anfangen, uns um dringende Probleme unseres Menschseins zu kümmern: Überbevölkerung, Klimawandel, Bildungsnotstände, Hunger, soziale Ungerechtigkeit usw. usw..."

    Warum sollten wir uns dann darum kümmern, wenn doch nichts einen höheren Sinn hat? Was ist denn das Menschensein? Warum lohnt es sich ihrer Meinung nach, sich überhaupt um das Menschensein zu kümmern?

    Warum glauben? Weil der Mensch ohne Sinn nicht sein kann! Glauben ist die geniale Kunst der Naivität, die uns leicht abhanden kommen kann.

    "Eine Schande, wie unendlich viel geistige und spirituelle Kompetenz sinnlos verschwendet wird."

    Allerdings ist es auch eine Schande, wieviel rationale und psychische Energie dadurch verschwendet wird, dass man sich zu wenig mit den geistigen Inhalten beschäftigt.

    Ich möchte nicht wissen, wieviel Schaden durch Sinnlehre und Orientierungslosigkeit entsteht, die sich in bekannten Krankheiten wie Burnout, Depression und Sucht auswirkt...

    "Wir sollten vielmehr anfangen, uns um dringende Probleme unseres Menschseins zu kümmern: Überbevölkerung, Klimawandel, Bildungsnotstände, Hunger, soziale Ungerechtigkeit usw. usw..."

    Warum sollten wir uns dann darum kümmern, wenn doch nichts einen höheren Sinn hat? Was ist denn das Menschensein? Warum lohnt es sich ihrer Meinung nach, sich überhaupt um das Menschensein zu kümmern?

    Warum glauben? Weil der Mensch ohne Sinn nicht sein kann! Glauben ist die geniale Kunst der Naivität, die uns leicht abhanden kommen kann.

  2. Ob ich mich mit mehreren Religionen beschäftige oder die Inhalte verschiedener spiritueller Richtungen anschaue, ist doch durchaus legitim, wenn ich dadurch im Geist weiter werde.

    Wichtig ist doch das, was ich daraus mache. Ich kann es nutzen, um mich regressiv auf mich selbst zu beziehen, wie es in der Esoterik sehr oft vorkommt. Oder ich kann es nutzen, um die Gedanken der Transzendenz des Menschen - der Verbundenheit mit den anderen und mit Gott - auszuweiten, um einfach nur besser zu verstehen. In diesem Sinn finde ich eine Eklektik durchaus nicht verwerflich, da man dann, wenn man vieles verstanden hat meist bei einer Glaubensrichtung ankommt und diese ist weniger dadurch definiert, was mir am besten passt, sondern was mir eine fruchtbare Gemeinschaft mit den anderen bringt. Diese Richtung ist dann doch meist der traditionelle Glauben der jeweiligen Region, da ich hier dann die grössten Gemeinschaften und die grösste Wirkung finde...

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  3. "Eine Schande, wie unendlich viel geistige und spirituelle Kompetenz sinnlos verschwendet wird."

    Allerdings ist es auch eine Schande, wieviel rationale und psychische Energie dadurch verschwendet wird, dass man sich zu wenig mit den geistigen Inhalten beschäftigt.

    Ich möchte nicht wissen, wieviel Schaden durch Sinnlehre und Orientierungslosigkeit entsteht, die sich in bekannten Krankheiten wie Burnout, Depression und Sucht auswirkt...

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    Antwort auf "Warum denn überhaupt"
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    Nicht, dass ich mich unklar ausgedrückt habe:

    Die Beschäftigung mit geistigen Inhalten befürworte ich ausdrücklich. Nur eben nicht mit Religion - danke für Ihren Hinweis!

    Nicht, dass ich mich unklar ausgedrückt habe:

    Die Beschäftigung mit geistigen Inhalten befürworte ich ausdrücklich. Nur eben nicht mit Religion - danke für Ihren Hinweis!

  4. Klar darf man das!

    2 Leser-Empfehlungen
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    • AllEin
    • 08.04.2012 um 19:58 Uhr

    Interessant. Erzählen Sie mal.^^

    • AllEin
    • 08.04.2012 um 19:58 Uhr

    Interessant. Erzählen Sie mal.^^

  5. ...darf jeder glauben was er will. Das ist ein Gebot der Toleranz und es steht ja so auch im Grundgesetz.

    Was überhaupt nicht geht ist Mission und Bekehrung - ich jedenfalls verbitte mir eine derartige Belästigung.

    14 Leser-Empfehlungen
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    • _bla_
    • 09.04.2012 um 8:42 Uhr

    "Natürlich darf jeder glauben was er will. Das ist ein Gebot der Toleranz und es steht ja so auch im Grundgesetz."

    Ihnen muss doch eigentlich klar sein, das "darf" sich hier nicht auf eine juristische Zulässigkeit bezieht? Ähnlich wie die Frage, ob man Fleisch essen darf. Juristisch ist die Sache klar, und diese juristische Lage will auch praktisch niemand ändern, dennoch gibt es viele gute Gründe, die den einzelnen Menschen davon überzeugen können, dass man Fleisch nicht essen darf.

    "Was überhaupt nicht geht ist Mission und Bekehrung - ich jedenfalls verbitte mir eine derartige Belästigung."

    Juristisch ist Mission und Bekehrung aber selbstverständlich auch erlaubt.

    • _bla_
    • 09.04.2012 um 8:42 Uhr

    "Natürlich darf jeder glauben was er will. Das ist ein Gebot der Toleranz und es steht ja so auch im Grundgesetz."

    Ihnen muss doch eigentlich klar sein, das "darf" sich hier nicht auf eine juristische Zulässigkeit bezieht? Ähnlich wie die Frage, ob man Fleisch essen darf. Juristisch ist die Sache klar, und diese juristische Lage will auch praktisch niemand ändern, dennoch gibt es viele gute Gründe, die den einzelnen Menschen davon überzeugen können, dass man Fleisch nicht essen darf.

    "Was überhaupt nicht geht ist Mission und Bekehrung - ich jedenfalls verbitte mir eine derartige Belästigung."

    Juristisch ist Mission und Bekehrung aber selbstverständlich auch erlaubt.

    • TDU
    • 08.04.2012 um 19:44 Uhr

    "Nicht also zur privaten Problemlösung bastelt man sich sein religiöses Ding. Man tut es, um einen eigenen Zugang zur Idee der Liebe und des Friedens auf Erden, ja zum Universellen zu finden".

    So ist es doch "legitim" und ein diesbezüglich Beschäftigter kann Frieden in sich finden, jenseits des Hypes von Lebenskonzepten, die gerade mal wieder entdeckt werden und sich damit als beliebig auch zum Partygespräch über den Beruhigungscocktail erweisen.

    Vielleicht würde auch Gott genau das wollen. Bezogen auf Ihn, ihn sich aber eben nicht "passend machen", sondern mit ihm und der Welt selber zurecht kommen. Einschliesslich des Unsicherheitsfaktors oder den Glauben an die "Errettung" durch ein Leben danach.

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  6. Nicht, dass ich mich unklar ausgedrückt habe:

    Die Beschäftigung mit geistigen Inhalten befürworte ich ausdrücklich. Nur eben nicht mit Religion - danke für Ihren Hinweis!

    5 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Verschwendung"
    • AllEin
    • 08.04.2012 um 19:50 Uhr

    Zen-Buddhismus eine Religion? Wo muss da etwas für wahr gehalten werden?

    Mir ist es gleich: Es ist wie es ist und wenn mir Yoga und Meditation etwas gibt, so werde ich mich damit beschäftigen.

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