Attentat von Erfurt: Davongekommen
Robert Kiehl überlebte 2002 den Amoklauf von Erfurt. Wie kann er danach noch Lehrer sein?
Vor zehn Jahren begann Robert Kiehl, seinen Vornamen zu hassen. Damals war er Referendar am Erfurter Gutenberg-Gymnasium und wusste noch nicht, wie er heute sagt, ob der Lehrerberuf der richtige für ihn ist. Denn ein Lehrer muss stets Herr der Lage und Klasse sein. Die Schüler sollen zu ihm aufschauen. Das braucht Erfahrung, und genau die fehlte Robert Kiehl.
Am 26. April 2002 stürmte Robert Steinhäuser – 19 Jahre, Sportschütze und kurz vor dem Abitur der Schule verwiesen – mit einer Glock 17 und einer Vorderschaftrepetierflinte ins Gutenberg-Gymnasium und tötete 17 Menschen, darunter sich selbst. Es war der erste Amoklauf dieses Ausmaßes an einer deutschen Schule, und es ist der einzige bisher, der die Herren der Lage selbst zum Ziel hatte: Lehrer.
Zwölf von ihnen sterben. Kiehl überlebt, weil ein Schüler ihm zurief, sich in Sicherheit zu bringen. Das Schlimmste für ihn sei der Tod seiner Mentorin gewesen, erzählt Kiehl leise. Der Mittdreißiger sitzt im Wohnzimmer seines Hauses in Neunkirchen. Seine Mentorin habe ihm, dem Saarländer, geholfen, sich einzuleben im Osten, in Thüringen, sagt er. Und als er seine erste Stunde gab, war sie es, die ihn »an die Hand nahm« und ihm beibrachte, dass auch der Schüler Macht über den Lehrer habe. Die Macht, ihm das Lehren zur Hölle zu machen. Daher sollten Lehrer Schüler respektieren, dann müssten sie eines nie haben vor ihnen: Angst.
An jenem Tag im April 2002 erschießt Robert Steinhäuser die Mentorin von Robert Kiehl aus nächster Nähe. Er zielt stets auf den Kopf. Drei Schüsse Minimum. Dann tötet er zwei Schüler. Robert Kiehl hatte sie in seiner ersten Stunde unterrichtet. Sie werden durch die Klassenzimmertür getroffen. Steinhäuser weiß nicht, wen er tötet.
Als seine Mentorin beerdigt wird, ist Robert Kiehl unter den Trauernden. Es regnet. So viele Beerdigungen habe es in der Zeit nach dem 26. April gegeben, erzählt er, dass man gar nicht auf jede gehen konnte. Zum Teil wurde parallel bestattet. Er besuchte die Beerdigung seiner Mentorin und eine weitere. Mehr habe er nicht ausgehalten, sagt er und will nicht weiter darüber reden. Er habe keine Worte mehr. Er schaut aus dem Fenster. Schon wieder Regen. Dann seufzt er. Er habe alles aufgeschrieben. Ja, Robert Kiehl hat ein Buch veröffentlicht. Es ist keine Analyse, keine hundertste Antwort auf die Frage, wie sich die Tat hätte verhindern lassen können. Es ist seine Geschichte – aus Erinnerungen, Gefühlen, alles hoch subjektiv und, so wie schlimme Erinnerungen oft, chaotisch und voller Schmerz. Dennoch: Aus dem Buch spricht eine objektive Erschütterung. Lehrer sein nach Erfurt – geht das überhaupt?
Lange ging es nicht: »An normalen Unterricht war in den Wochen nach der Tat nicht zu denken.« Dennoch werden Lehrer wie Schüler magisch angezogen vom Tatort. Man steht zusammen, umarmt sich, redet über seine Albträume. Kiehl sagt: »Albträume verbanden uns.« Er selbst weint in der Öffentlichkeit nur einmal, in einem Café. Einige seiner Schüler spielen Billard, sie lachen, als wäre nichts geschehen. Da bricht es aus ihm heraus, bitterlich weint Kiehl. Unendlich peinlich ist ihm das. Denn die Schüler sehen natürlich, was mit ihm los ist, ihrem Robert, spielen aber weiter. Dass Menschen – Schüler wie Lehrer – spontan in Tränen ausbrechen, ist in jenen Tagen nichts Besonderes. Man tröstet, lässt sich aber auch in Ruhe, wenn es nötig ist. »Wir waren eine Schicksalsgemeinschaft.«
Doch wie kann eine Schicksalsgemeinschaft wieder zum Alltag übergehen? Wie kann man in einer Schule unterrichten, in der 17 Menschen starben? Oder als Lehrer einen Schüler objektiv benoten, mit dem man dasselbe Trauma teilt? Und: Kann man auch gerecht sein zu denen, die das Massaker nicht erlebt und überlebt haben? In ihrem Buch Der Amok-Komplex zitiert die Publizistin Ines Geipel eine Kollegin von Kiehl. Neue Lehrer hätten es demnach lange schwer gehabt am Gutenberg-Gymnasium. Die Schicksalsgemeinschaft wollte unter sich bleiben. Fremde, so der Glaube, würden nie nachvollziehen können, was Amok heißt: das Ende aller Sicherheit.





Lehrer - einer der schwierigsten Jobs der Welt. Ich bin keiner und weiß, daß viele das anders sehen. (Darunter der glorreichste "S"PD-Bundeskanzler aller Zeiten, aber lassen wir das.)
Und einer der unterschätztesten, der zudem von fast durch die Bank unfähigen (Bildungs)-Politikbürokraten permanent unter Druck gesetzt wird. Mit meist schwachsinnigen "Reformen", die sich gegenseitig ad absurdum führen und oft lediglich die Existenz des jeweiligen "Initiators" rechtfertigen sollen.
Zum Glück wird der Job halbwegs angemessen bezahlt - wenn auch keineswegs überbezahlt.
Den Banken paar Milliarden weniger hinterherwerfen und lieber in die Schulen stecken - DAS wäre doch was! Mit Sicherheit sinnvoller als die nächsten fünfzig "Reformen"...
Danke für den einfühlsam geschriebenen Text.
Allerdings ist die Aussage falsch, dass der Täter mindestens immer drei Schüsse auf seine Opfer abgefeuert hat. Eine Lehrerin wurde laut Gasser-Bericht mit einem einzigen Schuss ermordet - nachdem sie ihm den "Scheibenwischer" gezeigt haben soll. Auch halte ich, folgt man den Ausführungen der Kommission, die Aussage für fragwürdig, der Täter habe immer gezielt auf den Kopf gezielt.
http://www.thueringen.de/...
danke für den verlinkten Bericht. Leider wird im Zusammenhang mit Amoklagen allerlei Unsinn per "stiller Post" weiterverbreitet. Auch in diesem Fall, es mag exemplarisch die letzte Zeugenaussage auf Seite 72 gelten.
Bedauerlicherweise führen solche zitierten Aussagen zu einer völlig verzerten Wahrnehmung des Sachverahltes der eigentlich nur (mit der leider nicht öffentlich möglichen) Diskussion der einzelne Sektionsbefunde begegnet werden könnte.
MfG Karl Müller
danke für den verlinkten Bericht. Leider wird im Zusammenhang mit Amoklagen allerlei Unsinn per "stiller Post" weiterverbreitet. Auch in diesem Fall, es mag exemplarisch die letzte Zeugenaussage auf Seite 72 gelten.
Bedauerlicherweise führen solche zitierten Aussagen zu einer völlig verzerten Wahrnehmung des Sachverahltes der eigentlich nur (mit der leider nicht öffentlich möglichen) Diskussion der einzelne Sektionsbefunde begegnet werden könnte.
MfG Karl Müller
danke für den verlinkten Bericht. Leider wird im Zusammenhang mit Amoklagen allerlei Unsinn per "stiller Post" weiterverbreitet. Auch in diesem Fall, es mag exemplarisch die letzte Zeugenaussage auf Seite 72 gelten.
Bedauerlicherweise führen solche zitierten Aussagen zu einer völlig verzerten Wahrnehmung des Sachverahltes der eigentlich nur (mit der leider nicht öffentlich möglichen) Diskussion der einzelne Sektionsbefunde begegnet werden könnte.
MfG Karl Müller
Der Gasser-Kommission lagen die Sektionsberichte vor. Auf sie wird an einigen Stellen auch eingegangen. Hörensagen ist bei dem Punkt, auf den ich hinwies, also ausgeschlossen.
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