Todesschützen: Ist das die Schule des Tötens?
Die Schriftstellerin Ines Geipel hat den Fall Erfurt analysiert. Ein Gespräch über die Rolle der Medien
DIE ZEIT: In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie die Medialisierung von Amokläufen neue produziert. Sollte man über Taten wie die von Robert Steinhäuser überhaupt noch berichten?
Ines Geipel: Unbedingt. Allein schon, weil im Fall von Erfurt die so nötige Aufklärung gedeckelt wurde und noch heute nicht abgeschlossen ist. Transparenz verkürzt bei Angehörigen und Überlebenden die Traumaphase.
ZEIT: Aber die Berichterstattung über das Massaker in Littleton 1999 wurde zum, wie Sie schreiben, Referenzsystem für spätere Taten. Was war daran so speziell?
Geipel: Erstmals zeigte ein Video die Täter, wie sie losgehen, um zu morden. Danach kleideten sich Amokläufer plötzlich wie Eric Harris und Dylan Klebold und gingen bei ihren Taten ähnlich strategisch vor – auch Robert Steinhäuser war ein Nachahmungstäter. Das Internet ermöglichte die mediale Verbreitung, sodass Amok zum globalen Handlungsmuster wurde. Diese Schule des Tötens hat etwas Dynamisches und mittlerweile zur Folge, dass der Todesauftritt an sich für Täter heute weniger wichtig ist als die erhoffte mediale Rezeption.
ZEIT: Ein Grund mehr, darüber zu schweigen.
Geipel: Man kann, wird und sollte die Berichterstattung nicht unterbinden. Die Frage lautet vielmehr: Wie berichtet man? Nach Winnenden etwa ging es um ein anderes journalistisches Credo. Ich sehe, dass die Öffentlich-Rechtlichen mittlerweile anders mit Traumafällen dieser Art umgehen. Die Berichterstattung ist differenzierter. Man wurde sich der Gefahr bewusst, Amokschläfern neue Handlungsanreize zu liefern. Plötzlich entstand ein Bewusstsein dafür, dass das Wesen des systematischen Amoks darin besteht, die Vortat zu toppen. Das Ganze ist ein realer und medialer Wettbewerb. So gibt es etwa ein Internet-Amok-Ranking und sogar einen Amok-Simulator als Kostenlos-Download.
ZEIT: Aber wie berichtet man nun richtig?
Geipel: Jedem ist klar, dass der Schock medial immer eine Gratwanderung ist. Mein Vorschlag: Indem man wiederkehrende Handlungsmuster analysiert und an die Stelle von Katastrophenjournalismus wirkliche Systemberichterstattung setzt. Es geht nicht darum, sich im Phänomen Amok einzurichten – sondern anders damit umzugehen.





... sehr gut, sehr wichtig. Dieses Geschrei vom Monster lässt uns alle im Schwarz-Weiß-Denken verharren, wo Otto Normalverbraucher so gern behauptet zu wissen, was "gut" und was "böse" ist. Und dann haben wir den Lynchmob von Emden...
Nichtsdestotrotz stellt es Lehrer und Mitschüler natürlich vor eine gewaltige Aufgabe, einen Amoklauf rational und emotional einordnen zu können, davor habe ich absolute Hochachtung. Wir hatten an unserer eigenen Schule einen Fall von Gewaltandrohung, und Sie stehen da nicht wirklich entspannt an Ihrem Lehrerpult (= das erste, was jemand sieht oder mit einem Anschlag erwischen könnte, wenn er die Tür öffnet). Außerdem kriegt man die Wut, wenn die Schüler auf ihren Stühlen vor Schreck zusammenfahren, weil draußen eine Tür laut ins Schloss fällt. Da wird man schon mal wild und denkt "Monster".
Trotzdem - es ist im Interesse unseres eigenen Mensch-Seins, jemand anderem, egal was er getan hat, seine Menschlichkeit nicht abzusprechen, daran glaube ich nach wie vor...
Endlich spricht mal jemand aus, dass die Schule der Beschämung Folgen hat. Und ich bin sicher, wir kennen alle jemanden aus unserer eigenen Schulzeit der/die durch eine ähnliche Hölle gegangen ist. Die Schule sollte für jedes Kind ein Ort der Geborgenheit sein. Egal, ob Kinder klug,schnell, witzig oder langsam sind und manche Kinder sind auch mal nicht nett - trotzdem- alle Kinder habe es verdient, um ihrer selbst willen einen Platz der Geborgenheit zu haben.
Leider wird Mobbing in der Schule immer noch verharmlosend als "Kinder sind halt so" abgetan oder mit "ein Kind muss lernen, sich zu wehren" (= der/die Gemobbte ist selbst schuld). Auch Lehrer nehmen das Thema häufig nicht ernst oder fühlen sich nicht zuständig. Schulpsycholog/inn/en gibt es meistens nicht.
Die Tochter einer Freundin wurde gemobbt, weil sie künstlerisch begabt ist und keine Markenklamotten trägt. Es war ein mühsamer Prozess, bis das Thema ernst genommen und auf Elternversammlungen diskutiert wurde.
Manche Menschen leiden bis in ihre mittleren Jahre unter diesen als einschneidend erlebten Erfahrungen. Fazit: das Thema "Mobbing" sollte in jeder Schule Thema sein, es sollte Zeit und Raum geben, jeweils altersgerecht über Prozesse in der Gruppe zu sprechen, (neue) Umgangsformen zu lernen etc. An jeder Schule sollte es eine Vertrauensperson geben, an die Kinder sich wenden können.
Leider wird Mobbing in der Schule immer noch verharmlosend als "Kinder sind halt so" abgetan oder mit "ein Kind muss lernen, sich zu wehren" (= der/die Gemobbte ist selbst schuld). Auch Lehrer nehmen das Thema häufig nicht ernst oder fühlen sich nicht zuständig. Schulpsycholog/inn/en gibt es meistens nicht.
Die Tochter einer Freundin wurde gemobbt, weil sie künstlerisch begabt ist und keine Markenklamotten trägt. Es war ein mühsamer Prozess, bis das Thema ernst genommen und auf Elternversammlungen diskutiert wurde.
Manche Menschen leiden bis in ihre mittleren Jahre unter diesen als einschneidend erlebten Erfahrungen. Fazit: das Thema "Mobbing" sollte in jeder Schule Thema sein, es sollte Zeit und Raum geben, jeweils altersgerecht über Prozesse in der Gruppe zu sprechen, (neue) Umgangsformen zu lernen etc. An jeder Schule sollte es eine Vertrauensperson geben, an die Kinder sich wenden können.
Dass hier niemand versucht die Täter zu entschuldigen sollte klar sein, dennoch sollte man auf die Suche nach den Beweggründen dieser Menschen gehen, schon um zukünftige Anschläge zu verhindern. Damit müssen wir uns natürlich auch die unangenehme Frage stellen, welchen Anteil die Gesellschaft oder auch der Einzelne an den Ursachen für solche Amokläufe hat. Mir gefällt vor folgender Satz aus dem Interview:
„Wer im Täter allein das Monster sieht, garantiert den nächsten Mordakt.“
In dieser Richtung biete ich zwei weitere Zitate:
1.
„Und dann hatten wir diesen Robert Steinhäuser, der in Erfurt seine halbe Klasse erschossen hat und dann sich selbst. Dann haben wir drei Wochen über Computerspiele gesprochen und dann ist das ergebnislos versandet. Und dann haben wir zweimal geschlafen und letztes Jahr hatten wir
Emsdetten, weil dazwischen nichts passiert ist, nichts!
Die notwendigen Diskurse werden nicht geführt, weil sie offensichtlich nicht geführt werden wollen. Weils wahnsinnig mühsam ist. Uns reicht so ne kleine Gruselgänsehaut aufm Spiegel oder bei Kerner oder bei Beckmann.
[…] und ich warte auf das nächste Emsdetten. Wenn wir uns in einem Jahr wiedersehen, habe ich neue Spiegel, die genau die gleichen Spiegel sind.“
Hagen Rether, zu finden auf der CD Liebe II, Track „Hühnerfresser“, ab ca. 8:30 Min. Ein wirklich hörenswertes Stück, das sich noch längere Zeit um das Thema dreht. Den gesamten Text finde ich leider nirgends, aber google kann trotzdem hilfreich sein.
2.
„Und ich frage mich wann man in diesem Land endlich kapiert,
Dass ein Kind so lange eines anderen Kinder massakriert,
Wie man es in Schweigen kettet und ihm Ängste nicht erlaubt,
Auf der Schulbank, im Zuhause das Gesicht, den Willen raubt.“
Ausschnitt aus dem recht drastisch formuliertem Lied „Amok“ der Band Weena Morloch, enthalten auf dem gleichnahmigen Album.
Zu finden ist der Text zum Beispel hier: http://lyrics.wikia.com/W... . Ich würde den Text zwar so nicht unterschreiben, aber er
bringt mich häufiger mal zum nachdenken ist ist der Wahrheit und Lösung vermutlich näher als die meiste Berichterstattung, die ja auch im Artikel
selbst kritisiert wird.
Zudem ergänzt der Text an anderer Stelle perfekt die Aussage meines Vorposter Simt Aussage über die Rolle von Mobbing und ähnlichem.
(Ein wenig) weiterführende Informationen zur Werther-Effekt genannten Nachahmungstendenz aufgrund von erhöher Berichterstattung finden sich übrigens im Wikipedia-Artikel: http://de.wikipedia.org/w...
Zum Schluss vielen Dank an Frau Geipel und Herrn Löbbert für dieses Interview. Ich hoffe, dass dieses und auch meine zwei Zitate einen bescheidenen Teil dazu beitragen, einem viel zu oft übersehenem Thema zu mehr Aufmerksamkeit (und vorurteilsfreier, sachlicher Diskussion) zu verhelfen.
„Sie stammten aus guten Familien.“
Solche Sätze sind es, die ein tieferes Ursachenverständnis verhindern und die mich immer wieder Kopfschütteln lassen...
Kann man sich einen Menschen vorstellen, der von seinen Eltern als Kind geherzt und gedrückt wurde, mit dem die Eltern fürsorglich, achtsam und respektvoll umgingen, der eine Freude für sie war und der dann kaltblütig andere Menschen umbringt und anschließend sich selbst richtet?
Ich kann mir einen solchen Menschen nicht vorstellen und ich habe ihn auch noch nicht gefunden.
Mich wundert immer wieder, warum fast keine Zeitung über die Kindheit von Breivik berichtet hat, obwohl er ursprünglich sogar in ein Heim kommen sollte, nachdem ein Psychologe die Familie begutachtet hatte. (http://www.welt.de/politi...)
Sie werden ebenso keinen politischen „Amokläufer“ (Diktatoren und ähnliche) finden, der nicht eine ungemein destruktive Kindheit hatte. Googeln sie mal dazu. Als ZEITLeser schrieb ich einst auch etwas dazu: http://community.zeit.de/...
Einer der besten Texte zum Thema Amoklauf findet man auf der Homepage der Kindheitsforscherin Alice Miller: http://www.alice-miller.c...
"Indem man wiederkehrende Handlungsmuster analysiert und an die Stelle von Katastrophenjournalismus wirkliche Systemberichterstattung setzt"
Und das tun die deutschen Medien NICHT!
Und das tun sie bis heute nicht und das nicht nur bei Amokläufen...
Es ist immer derselbe Handlungsablauf: Katastrophe - Leichte Fakten - mehr Fakten - Vermutete Gründe - "Expertenmeinungen" - Generalisierte und kopierte Meinung anderer Artikel - und dann irgendwann etwa 1 Jahr später die tatsächlichen Hintergründe die aber selbst bei ausländischen Medien schon längst stehen...
Das Schlimme ist nur, dass Expertenmeinungen und Vermutungen mittlerweile mehr Wert beigemessen wird als realen Fakten!
Leider wird Mobbing in der Schule immer noch verharmlosend als "Kinder sind halt so" abgetan oder mit "ein Kind muss lernen, sich zu wehren" (= der/die Gemobbte ist selbst schuld). Auch Lehrer nehmen das Thema häufig nicht ernst oder fühlen sich nicht zuständig. Schulpsycholog/inn/en gibt es meistens nicht.
Die Tochter einer Freundin wurde gemobbt, weil sie künstlerisch begabt ist und keine Markenklamotten trägt. Es war ein mühsamer Prozess, bis das Thema ernst genommen und auf Elternversammlungen diskutiert wurde.
Manche Menschen leiden bis in ihre mittleren Jahre unter diesen als einschneidend erlebten Erfahrungen. Fazit: das Thema "Mobbing" sollte in jeder Schule Thema sein, es sollte Zeit und Raum geben, jeweils altersgerecht über Prozesse in der Gruppe zu sprechen, (neue) Umgangsformen zu lernen etc. An jeder Schule sollte es eine Vertrauensperson geben, an die Kinder sich wenden können.
Wohl kaum. Eine gute Familie produziert keinen Massenmörder . Wohlhabend zu sein heißt nicht, gut zu sein. Ich frage mich schon immer, wie es möglich sein kann, dass Eltern es nicht mitbekommen, dass ihr Kind täglich unglücklich aus der Schule kommt, weil es da gemobbt wird. Gute Familie, ganz toll. Oder aber ihr Kind selber so verkorksen, dass es zum Amokläufer wird.
Bitte bleiben Sie differenzierter. Danke, die Redaktion/se
Gute Familie meint ja auch nicht : zufriedene/glückliche und zusammenhaltende Familie.
Es meint Familien aus mindestens dem Mittelstand, gut situiert, Haus oder mehr, Autos, akad. Berufe etc.. Und wie es hinter den Türen aussieht - geht niemanden was an!?
Von daher stimmt dann natürlich die Bezeichnung "gute Familie. - Oder haben Sie den Begriff schon mal im Zusammenhang mit einer z.B. Arbeiterfamilie gehört?
Gute Familie meint ja auch nicht : zufriedene/glückliche und zusammenhaltende Familie.
Es meint Familien aus mindestens dem Mittelstand, gut situiert, Haus oder mehr, Autos, akad. Berufe etc.. Und wie es hinter den Türen aussieht - geht niemanden was an!?
Von daher stimmt dann natürlich die Bezeichnung "gute Familie. - Oder haben Sie den Begriff schon mal im Zusammenhang mit einer z.B. Arbeiterfamilie gehört?
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