DIE ZEIT: Herr Kirschner, Sie haben ja eine fantastische Aussicht auf Leipzig – vom 15. Stock aus! Und die Platte ist gar nicht grau, sondern bunt gestrichen.

Harald Kirschner: Ich nenne das »kosmetische Behandlung«. Manchmal nimmt die groteske Züge an. Ich mag die alte Platte lieber, sie ist ehrlicher, weil sie die Zeit ausstrahlt, die vergangen ist.

ZEIT: Offenbar hat sich hier nicht jeder wohlgefühlt: Ihre Bilder zeigen Balkone, die mit Kirchtürmen und Schwarzwald-Motiven verziert sind.

Kirschner: Ja, zu DDR-Zeiten war solcher Schmuck beliebt. Die Menschen haben mit Wagenrädern und allerlei Kram ihren Balkon verschönert – oder eben Bilder gemalt. Die Balkone waren Orte des Träumens, wo man sich Vorstellungen und Illusionen hingegeben hat: »Da möchte ich mal hin.«

ZEIT: 1976 war Spatenstich in Grünau , 1981 zogen Sie ein. Wie lange mussten Sie mit Baustellen leben?

Kirschner: Grünau war immer Baugebiet! Eigentlich sollten nur 20.000 Wohnungen entstehen, Ende 1988 gab es aber schon 36.000. Es herrschte Wohnungsnotstand. Also zog man ein; egal, ob die Straße fertig war. Ein Abenteuer! Wir hatten vorher eine wunderschöne Ladenwohnung in der Südvorstadt, aber ohne Bad. Der Wohnkomfort in Grünau war dagegen angenehm. Wir mussten trotzdem lange überlegen: Wer hier wohnt, ist von der Kultur abgeschnitten. Kein Kino, kein Theater, keine Musik.

ZEIT: Die Zuzügler kamen von überallher.

Kirschner: Ja, hier wohnte der Professor neben dem Arbeiter neben dem Künstler – erst mit der Wende hat die Entmischung angefangen.