Deutschlandreise"Wie kannst du so leben? Geh fort!"

Weil er immer wieder die Machenschaften der Mafia offenlegt und die Bosse beim Namen nennt, lebt der Journalist Roberto Saviano seit Jahren unter ständigem Polizeischutz. Für die ZEIT schildert er seine Eindrücke einer Lesereise durch Deutschland. von Roberto Saviano

Roberto Saviano

Roberto Saviano  |  © Vittorio Zunino Celotto/Getty Images

Am 18. März verlasse ich Rom in Richtung Köln . Ich bin zum Abendessen eingeladen und treffe auf ungewöhnliche Tischgenossen: Martin Amis und Jeffrey Eugenides . Ich fühle mich befangen und ungewohnt frei zugleich. Sie haben mich nicht erkannt, und so bin ich in der seltenen Lage, ihrer Unterhaltung als stiller Zuhörer folgen zu dürfen.

Irgendwann beschließe ich, ihnen für das zu danken, was sie für mich getan haben. Immer wieder treffe ich Schriftsteller, die mir vor Jahren mit ihrer Unterschrift ihre Solidarität bekundet haben , ohne dass ich mich bei ihnen hätte bedanken können. Wenn ich ihnen dann oft rein zufällig begegne, ist dies das Erste, was ich tue.

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»Danke, Jeffrey. Danke, dass du 2008 diesen Unterstützungsaufruf für mich unterschrieben hast. Er ist ein Appell für die Meinungsfreiheit.« Eugenides sieht mir in die Augen. »Selbstverständlich. Ich habe deine Situation nicht angesprochen, weil ich nicht aufdringlich sein wollte, aber erzähl: Wie ist dein Leben? Wie lebst du? Wo?«

Jeffrey hatte mich sehr wohl erkannt, aber eine Diskretion an den Tag gelegt, wie ich sie seit Jahren nicht mehr erlebt habe: Da ist einer, der spürt, dass man einfach nur dasitzen und etwas essen möchte, anstatt ständig über sich selbst und seine Situation zu reden.

Ich erzähle ihm von meinem Leben, dessen Widrigkeiten, meinen Plänen in Amerika . Wir tauschen unsere E-Mail-Adressen aus. »Wieso lebst du nicht hier – oder besser dort?« Er lacht, wir sind ja in Köln. »Komm nach Amerika.«

Was mir an Eugenides so gefällt, ist sein Blick beim Schreiben. Diese nahezu einmalige Besonderheit, dass seine Geschichten von anderen Standpunkten als dem eigenen ausgehen. In seinen Büchern findet sich nie nur der alleinige Blick des Erzählers, sondern eine Vielfalt von Stimmen. Weil er öffentliche Auftritte scheut und man kaum etwas über sein Privatleben weiß, könnte man meinen, wenigstens in seiner Arbeit gäbe er sich preis und ließe seinem Ich freien Lauf, doch dem ist nicht so: Seine Bücher sind Choräle. Eine seltene Gabe.

Kaum habe ich Martin Amis begrüßt, sagt er: »Keine Sorge, du kommst aus dieser elenden Sache raus. Genauso wie Salman Rushdie, wie Pamuk. Und wenn es so weit ist, werden wir da sein. Wir Schriftsteller werden da sein.« Amis’ Memoiren Die Hauptsachen habe ich geliebt. Ein ehrliches, äußerst klar blickendes Selbstbildnis, das dem Leser die nackte Seele offenbart. Beim Lesen war ich berührt, erschreckt, empört, als wären diese Tode meine, als gingen diese Medienattacken gegen mich, als widerführe all das mir und ich durchlitte es am eigenen Leib. Als hätte ich mit diesem Leben etwas zu tun. Und dann Koba der Schreckliche, diese wichtige Erzählung über die Kommunistische Partei Englands, der auch Amis’ Vater angehörte und die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von sämtlicher Verantwortung und Konnivenz lossagte, statt sich zu reformieren oder neu zu erfinden. Der Untertitel spricht Bände: Die zwanzig Millionen und das Gelächter. Seit Jahren lese ich Martin Amis, ich las ihn schon, als ich selbst noch gar nicht schrieb, und es ist ein seltsames Gefühl, Schriftstellern zu begegnen, die einen geprägt haben. Gleichaltrige Autoren zu treffen, die mehr oder weniger zeitgleich mit einem selbst debütiert haben, oder solche, die man gelesen hat, als man selbst schon schrieb, ist leichter. Aber Schriftstellern zu begegnen, ohne die man niemals mit dem Schreiben angefangen hätte, ist schwer. Martin Amis ist einer von ihnen. Ich habe seine Bücher verschlungen, seinen Lesungen entgegengefiebert, und ihm jetzt gegenüberzusitzen ist ein wenig so, als begegnete man dem Teil von sich, der einen mal unnachgiebig, mal nachsichtig sein lässt, der einem Kühnheit und gleich darauf Besonnenheit verleiht. Fragmente des eigenen Wesens, die diesen Büchern entstiegen sind und sich in einem Menschen bündeln.

Dann kehrt man wie immer ins Hotel zurück. Wenn ich nicht in einer Kaserne untergebracht bin, werde ich mit einer strengen Eskorte in ein Hotel eingeschlossen. Es ist schrecklich, auf Reisen zu sein und nichts zu Gesicht zu bekommen als vollkommen identische Hotelzimmer.

Am 19. März treffe ich meine Leser zu einer Podiumsdiskussion mit dem stern- Journalisten Dominik Wichmann. Wichmann ist kaum älter als ich, blickt mich mit wachen, blauen Augen an und drückt mir lächelnd die Hand. Mehrere Stunden unterhalten wir uns vor über tausend Zuschauern, als säßen wir gemütlich bei Freunden im Wohnzimmer. Mein letzter Deutschlandbesuch im Oktober 2010 anlässlich eines Auftritts in der Berliner Volksbühne ist bereits eine Weile her, doch die Anteilnahme und Empathie ist gleich geblieben. Ich stoße auf Interesse, auf den aufrichtigen Wunsch, zu verstehen, sich hineinzudenken. Ich stoße auf aufgeschlossene Menschen, die Einzelfälle wie die des sich verändernden Italiens als universale Geschehnisse begreifen, als universale Schicksale, die uns alle betreffen und von denen das Überleben Europas abhängt. Diese großartige Eigenschaft überrascht mich stets aufs Neue und macht mir vor allem Hoffnung, dass sich eine gemeinsame Basis des Denkens finden lässt.

Leserkommentare
    • Akka1
    • 08. April 2012 22:17 Uhr

    Chapeau Signore Saviano!

    2 Leserempfehlungen
    • essilu
    • 08. April 2012 23:02 Uhr

    ...schliesse ich mich an. Ein Mensch!

  1. Ein Mensch - und ein großer Poet noch dazu! Ich wünsche Ihnen noch viel schönes Leben, Roberto Saviano!
    Schön, daß es Sie gibt- Danke!

  2. ...die Welt braucht mehr Menschen wie Sie.

    3 Leserempfehlungen
  3. 5. Warum

    gibt es nicht mehr Menschen die sich gegen das "System MAFIA" erheben. Ist es nicht ein Grundübel aller kranken Gesellschaftssysteme?

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Aber natürlich gibt es mehr Menschen als nur Saviano, die gegen die Mafia und deren Strukturen arbeiten - in Italien Richter, Staatsanwälte, Bürgermeister, Polizisten sowie Menschen, die sich gegen Schutzgelderpressung wehren und auch Organisationen wie "Libera Terra" (http://www.liberaterra.it...). Und viele von ihnen riskieren dafür alltäglich ihr Leben.

  4. was man von den Kommentatoren nicht immer sagen kann. Tja und da liegt der große Unterschied!

  5. Aber natürlich gibt es mehr Menschen als nur Saviano, die gegen die Mafia und deren Strukturen arbeiten - in Italien Richter, Staatsanwälte, Bürgermeister, Polizisten sowie Menschen, die sich gegen Schutzgelderpressung wehren und auch Organisationen wie "Libera Terra" (http://www.liberaterra.it...). Und viele von ihnen riskieren dafür alltäglich ihr Leben.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Warum"
  6. ist das Hauptproblem, siehe Drogen, Wetten, Spielcasino, Casinocapital.Steuerhinterziehung,Meinungsmonopole, wie Kirche, Medien.... unser "System" scheint krank zu sein.
    Wer regiert wirklich.... Aufklärung tut Not!!!

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