Udo Lindenberg"Ich mache nie langfristige Pläne, ich will mir alles offenhalten"

Seit seiner Kindheit träumt Udo Lindenberg davon, sich die Welt anzuschauen und herumzustreunen. Er muss seinen Hut immer mal wieder woanders hinhängen. von Christoph Dallach

Ich gehe immer morgens um sechs ins Bett, ich schlafe dann bis eins. Zurzeit wache ich immer mit einem Lächeln im Gesicht auf. Es ist ein Traum, noch mal so erfolgreich zu sein, nachdem es viele Jahre in meiner Karriere auf und ab gegangen war. Seit meinem elften Lebensjahr träumte ich davon, reich und berühmt zu werden. Deshalb wollte ich immer abhauen aus Gronau in Westfalen, wo ich geboren bin, ich wollte raus aus der bürgerlichen Enge. Weg von einem Ort, an dem das ganze Leben durchgeplant ist, von der Geburt über die Verlobung bis zur Beerdigung. Bürgerliche Träume habe ich nie gehabt. Kinder wären vielleicht vorstellbar gewesen. Aber das hat nie hingehauen. Ich musste immer weiter. Getreu dem Motto: Daumen im Wind.

Als Kind posierte ich vor dem Spiegel, Zigarette im Mundwinkel, und übte, wie ein Star zu gucken. In der Schule erklärten mich meine Mitschüler für bekloppt, weil ich allen erzählte: Ich werde eines Tages weltberühmt. Die fünfziger Jahre in Gronau waren eine Epoche des Schweigens, der Verdrängung. In den Zeitschriften sah ich tolle Frauen und Riesenautos. Ich zweifelte nie daran, dass ich es packen würde, wegzukommen, denn ich war bereits mit dreizehn ein Wunderknabe am Schlagzeug und spürte, dass das mit der Trommelei abgehen würde. Nur meine Eltern waren schwer besorgt. Sie sagten "bodenlose Kunst" und so was, "lern erst mal was Richtiges". Mit fünfzehn bin ich dann nach Düsseldorf abgehauen und machte eine Kellnerlehre.

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Udo Lindenberg

66, ist ein Pionier der deutschen Rockmusik. 2008 gelang ihm ein Comeback mit dem Album Stark wie Zwei. Noch erfolgreicher ist seine 2011 erschienene Platte MTV Unplugged – Live aus dem Hotel Atlantic. Kürzlich erschien seine Single Reeperbahn 2011

Mein größter Traum war immer, mir die Welt anzuschauen und herumzustreunen. Daran hat sich nichts geändert. Mindestens drei Monate im Jahr bin ich weit weg auf irgendwelchen Schiffen, mal mit meinem Rock-Liner, mal mit der Queen Mary. Damit ich beweglich bleibe, wohne ich dauerhaft in Hotels. Da muss ich meinen Müll nicht selber runterbringen. Ich sage immer: Hätte Bach seinen Müll selber weggetragen, hätte er manche Kantate nicht geschrieben. Außerdem trifft man in Hotels regelmäßig die interessantesten Menschen. Ich lebe gern in der Öffentlichkeit; wenn ich Leute im Foyer treffe, verstelle ich mich nicht. Einmal musste ich allerdings meinen Pass vorzeigen, um zu beweisen, dass ich es wirklich bin. Udo , die Kunstfigur, und der private Udo sind eigentlich ein Ding. Der einzige Unterschied ist, dass ich in meinem Zimmer den Hut abnehme. Ich muss ja mein sensibles Haupthaar pflegen. Ich mache nie langfristige Pläne, ich will mir alles offenhalten. Ich muss meinen Hut immer mal wieder woanders hinhängen. Freiheit ist Luxus, das weiß ich. Aber das Fleißrad, in dem ich mich bewege, strengt mich zunehmend an.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Ich würde jetzt gerne noch mehr streunen, noch mehr von der Welt sehen. Das klischeehafte Bild vom Mann mit dem kleinen Koffer, in dem nur eine Scheckkarte und seine Reizwäsche sind, das trifft voll auf mich zu. Dieser Mann geht regelmäßig zum Flughafen, schaut auf die große Anzeigetafel und fliegt irgendwohin. Mal für einen Tag, mal für einige Wochen. Denn ein Star muss sich rarmachen und öfter mal weg sein. Meine Träume haben sich eigentlich alle erfüllt.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. kann ich gut verstehen, dass er keine längerfristigen Pläne macht. Bei der massiven Präsenz und dem dabei qualitativ echt mäßigem output der letzten Zeit kann sich dieser Star meinetwegen ruhig recht rarmachen.

  2. ...nie was am Hut (sorry, Udo). Aber je älter wir werden, umso besser kann ich ihn verstehen, mit Enge und Bürgerlichkeit, und Träumen, und Schiffen, und so, aber nein, die Träume, sie dürfen nie ganz erfüllt sein, sonst: Ende!

  3. schwein gehabt! wenns geld reicht, gehts so für immer für ihn. wer würde nicht? ganz davon ab wieviel er wirklich "künstler" ist.

    • ztc77
    • 07. April 2012 19:45 Uhr

    Ist es wirklich liebenswert, wenn ein alter Mann davon träumt, "reich & berühmt" zu werden? Ein Leben lang in Hotels zu wohnen, weil er dort "die interessantesten Menschen" trifft?

    Ich bin einer der interessantesten Menschen. Ein Herr Lindenberg mit Schlapphut und Tabakrauch-Kunststückchen würde mich absolut nicht interessieren.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 08. April 2012 8:18 Uhr

    ...so. Aber ich fand es ganz witzig ihn in der Halle herum wuscheln zu sehen.

    • Rhettt
    • 08. April 2012 13:42 Uhr

    Wenn Sie den Artikel genauer lesen, bzw. korrekt interpretieren würden, müsste Ihnen einleuchten, dass Udo Lindenberg in seiner Kinder- und Jugendzeit von Reichtum und Ruhm geträumt hat. Wenn man die geschilderten Bedingungen berücksichtigt, ein durchaus verständlicher Traum. Und wer sich selbst zu den interessantesten Menschen zählt(und gleichzeitig andere herabsetzt), ist es in der Regel nicht, sondern liefert lediglich ein weiteres Beispiel von (deutscher) Arroganz und Selbstgefälligkeit.

  4. Erstaunlich dass Udo Linderberg, der so ausdauernd nuschelt, mit seiner Musik und Förderung junger Talente, soviel für die deutsche Sprache, für die jüngere deutsche Musik erstaunt hat.

    Erstaunlich, dass im Gegensatz zu Joachim Gauck´s Vorstellungen von Freiheit, Lindenbergs Freiheitsbegriff meine Sozialisierung und mein derzeitiges Leben so stark beeinflusst.

    Erstaunlich, dass er seine Millionen, so kreativ unters Volk bringt. Ich selbst fühle mich in Hotels nicht so wohl, aber seine Argumente finde ich überzeugend.

    Erstaunlich, dass mich seine neuen Projekte auch heute noch ansprechen, auch wenn ich mir wünsche, dass Lindenberg zu seiner gesellschaftskritischen Form der achtziger Jahre zurückfindet.

  5. ...für die jüngere deutsche Musik getan hat.

  6. er ist nicht so "bekloppt", wie er sich ( wohl ) gerne gibt. Tatsächlich ist er gerade auf seinem Instrument absolut einsetzbar!

    Antwort auf
    • joG
    • 08. April 2012 8:18 Uhr

    ...so. Aber ich fand es ganz witzig ihn in der Halle herum wuscheln zu sehen.

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  • Serie Ich habe einen Traum
  • Schlagworte Udo Lindenberg | Eltern | Epoche | Flughafen | Geburt | Hotel
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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