Udo Lindenberg : "Ich mache nie langfristige Pläne, ich will mir alles offenhalten"

Seit seiner Kindheit träumt Udo Lindenberg davon, sich die Welt anzuschauen und herumzustreunen. Er muss seinen Hut immer mal wieder woanders hinhängen.

Ich gehe immer morgens um sechs ins Bett, ich schlafe dann bis eins. Zurzeit wache ich immer mit einem Lächeln im Gesicht auf. Es ist ein Traum, noch mal so erfolgreich zu sein, nachdem es viele Jahre in meiner Karriere auf und ab gegangen war. Seit meinem elften Lebensjahr träumte ich davon, reich und berühmt zu werden. Deshalb wollte ich immer abhauen aus Gronau in Westfalen, wo ich geboren bin, ich wollte raus aus der bürgerlichen Enge. Weg von einem Ort, an dem das ganze Leben durchgeplant ist, von der Geburt über die Verlobung bis zur Beerdigung. Bürgerliche Träume habe ich nie gehabt. Kinder wären vielleicht vorstellbar gewesen. Aber das hat nie hingehauen. Ich musste immer weiter. Getreu dem Motto: Daumen im Wind.

Als Kind posierte ich vor dem Spiegel, Zigarette im Mundwinkel, und übte, wie ein Star zu gucken. In der Schule erklärten mich meine Mitschüler für bekloppt, weil ich allen erzählte: Ich werde eines Tages weltberühmt. Die fünfziger Jahre in Gronau waren eine Epoche des Schweigens, der Verdrängung. In den Zeitschriften sah ich tolle Frauen und Riesenautos. Ich zweifelte nie daran, dass ich es packen würde, wegzukommen, denn ich war bereits mit dreizehn ein Wunderknabe am Schlagzeug und spürte, dass das mit der Trommelei abgehen würde. Nur meine Eltern waren schwer besorgt. Sie sagten "bodenlose Kunst" und so was, "lern erst mal was Richtiges". Mit fünfzehn bin ich dann nach Düsseldorf abgehauen und machte eine Kellnerlehre.

Udo Lindenberg

66, ist ein Pionier der deutschen Rockmusik. 2008 gelang ihm ein Comeback mit dem Album Stark wie Zwei. Noch erfolgreicher ist seine 2011 erschienene Platte MTV Unplugged – Live aus dem Hotel Atlantic. Kürzlich erschien seine Single Reeperbahn 2011

Mein größter Traum war immer, mir die Welt anzuschauen und herumzustreunen. Daran hat sich nichts geändert. Mindestens drei Monate im Jahr bin ich weit weg auf irgendwelchen Schiffen, mal mit meinem Rock-Liner, mal mit der Queen Mary. Damit ich beweglich bleibe, wohne ich dauerhaft in Hotels. Da muss ich meinen Müll nicht selber runterbringen. Ich sage immer: Hätte Bach seinen Müll selber weggetragen, hätte er manche Kantate nicht geschrieben. Außerdem trifft man in Hotels regelmäßig die interessantesten Menschen. Ich lebe gern in der Öffentlichkeit; wenn ich Leute im Foyer treffe, verstelle ich mich nicht. Einmal musste ich allerdings meinen Pass vorzeigen, um zu beweisen, dass ich es wirklich bin. Udo , die Kunstfigur, und der private Udo sind eigentlich ein Ding. Der einzige Unterschied ist, dass ich in meinem Zimmer den Hut abnehme. Ich muss ja mein sensibles Haupthaar pflegen. Ich mache nie langfristige Pläne, ich will mir alles offenhalten. Ich muss meinen Hut immer mal wieder woanders hinhängen. Freiheit ist Luxus, das weiß ich. Aber das Fleißrad, in dem ich mich bewege, strengt mich zunehmend an.

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Ich würde jetzt gerne noch mehr streunen, noch mehr von der Welt sehen. Das klischeehafte Bild vom Mann mit dem kleinen Koffer, in dem nur eine Scheckkarte und seine Reizwäsche sind, das trifft voll auf mich zu. Dieser Mann geht regelmäßig zum Flughafen, schaut auf die große Anzeigetafel und fliegt irgendwohin. Mal für einen Tag, mal für einige Wochen. Denn ein Star muss sich rarmachen und öfter mal weg sein. Meine Träume haben sich eigentlich alle erfüllt.

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Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Wir interessantesten Menschen

Ist es wirklich liebenswert, wenn ein alter Mann davon träumt, "reich & berühmt" zu werden? Ein Leben lang in Hotels zu wohnen, weil er dort "die interessantesten Menschen" trifft?

Ich bin einer der interessantesten Menschen. Ein Herr Lindenberg mit Schlapphut und Tabakrauch-Kunststückchen würde mich absolut nicht interessieren.

Interessant

Wenn Sie den Artikel genauer lesen, bzw. korrekt interpretieren würden, müsste Ihnen einleuchten, dass Udo Lindenberg in seiner Kinder- und Jugendzeit von Reichtum und Ruhm geträumt hat. Wenn man die geschilderten Bedingungen berücksichtigt, ein durchaus verständlicher Traum. Und wer sich selbst zu den interessantesten Menschen zählt(und gleichzeitig andere herabsetzt), ist es in der Regel nicht, sondern liefert lediglich ein weiteres Beispiel von (deutscher) Arroganz und Selbstgefälligkeit.

"ein weiteres Beispiel von (deutscher) Arroganz.."

Interessant, dass Ihnen das erst aufgefallen ist, als Sie meinen Kommentar lasen.

Dass ein solcher Herr wie Herr Lindenberg mit seiner Äußerung von den "interessantesten Menschen" wie selbstverständlich davon ausgeht, dass man ihn selbst auch "interessant" findet, wurde von Ihrer bis auf diesen Ausnahmefall höchst wachen Logik wohl übersehen.

Ein Lob an #10, flubutjan! Dass man als Kind solche Träume haben kann, ist anrührend. Dass ein Mann in den Sechzigern inhaltlich kaum darüber hinausgewachsen ist, wirkt erstaunlich spießig. Hut ab, Herr oder Frau flubutjan! (trotz Glatze)...

Wie Recht Sie zu 200% haben :

"Und wer sich selbst zu den interessantesten Menschen zählt(und gleichzeitig andere herabsetzt), ist es in der Regel nicht, sondern liefert lediglich ein weiteres Beispiel von (deutscher) Arroganz und Selbstgefälligkeit."

Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwelche "interessantesten" (!) Menschen hier in diesem Käseblatt herumspielen - mich eingeschlossen.

Es sei denn, man behauptete zu Recht, das jeder Mensch interessant ist, was allerdings immer noch ein Unterschied zu "den am interessantesten" ist.

Selbstverständlich gibt es Menschen die für sich selbst der Nabel der Welt sind - man nennt sie z.B. Narzisten.