Ich gehe immer morgens um sechs ins Bett, ich schlafe dann bis eins. Zurzeit wache ich immer mit einem Lächeln im Gesicht auf. Es ist ein Traum, noch mal so erfolgreich zu sein, nachdem es viele Jahre in meiner Karriere auf und ab gegangen war. Seit meinem elften Lebensjahr träumte ich davon, reich und berühmt zu werden. Deshalb wollte ich immer abhauen aus Gronau in Westfalen, wo ich geboren bin, ich wollte raus aus der bürgerlichen Enge. Weg von einem Ort, an dem das ganze Leben durchgeplant ist, von der Geburt über die Verlobung bis zur Beerdigung. Bürgerliche Träume habe ich nie gehabt. Kinder wären vielleicht vorstellbar gewesen. Aber das hat nie hingehauen. Ich musste immer weiter. Getreu dem Motto: Daumen im Wind.

Als Kind posierte ich vor dem Spiegel, Zigarette im Mundwinkel, und übte, wie ein Star zu gucken. In der Schule erklärten mich meine Mitschüler für bekloppt, weil ich allen erzählte: Ich werde eines Tages weltberühmt. Die fünfziger Jahre in Gronau waren eine Epoche des Schweigens, der Verdrängung. In den Zeitschriften sah ich tolle Frauen und Riesenautos. Ich zweifelte nie daran, dass ich es packen würde, wegzukommen, denn ich war bereits mit dreizehn ein Wunderknabe am Schlagzeug und spürte, dass das mit der Trommelei abgehen würde. Nur meine Eltern waren schwer besorgt. Sie sagten "bodenlose Kunst" und so was, "lern erst mal was Richtiges". Mit fünfzehn bin ich dann nach Düsseldorf abgehauen und machte eine Kellnerlehre.

Mein größter Traum war immer, mir die Welt anzuschauen und herumzustreunen. Daran hat sich nichts geändert. Mindestens drei Monate im Jahr bin ich weit weg auf irgendwelchen Schiffen, mal mit meinem Rock-Liner, mal mit der Queen Mary. Damit ich beweglich bleibe, wohne ich dauerhaft in Hotels. Da muss ich meinen Müll nicht selber runterbringen. Ich sage immer: Hätte Bach seinen Müll selber weggetragen, hätte er manche Kantate nicht geschrieben. Außerdem trifft man in Hotels regelmäßig die interessantesten Menschen. Ich lebe gern in der Öffentlichkeit; wenn ich Leute im Foyer treffe, verstelle ich mich nicht. Einmal musste ich allerdings meinen Pass vorzeigen, um zu beweisen, dass ich es wirklich bin. Udo , die Kunstfigur, und der private Udo sind eigentlich ein Ding. Der einzige Unterschied ist, dass ich in meinem Zimmer den Hut abnehme. Ich muss ja mein sensibles Haupthaar pflegen. Ich mache nie langfristige Pläne, ich will mir alles offenhalten. Ich muss meinen Hut immer mal wieder woanders hinhängen. Freiheit ist Luxus, das weiß ich. Aber das Fleißrad, in dem ich mich bewege, strengt mich zunehmend an.

Ich würde jetzt gerne noch mehr streunen, noch mehr von der Welt sehen. Das klischeehafte Bild vom Mann mit dem kleinen Koffer, in dem nur eine Scheckkarte und seine Reizwäsche sind, das trifft voll auf mich zu. Dieser Mann geht regelmäßig zum Flughafen, schaut auf die große Anzeigetafel und fliegt irgendwohin. Mal für einen Tag, mal für einige Wochen. Denn ein Star muss sich rarmachen und öfter mal weg sein. Meine Träume haben sich eigentlich alle erfüllt.

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