UrheberrechtWir werden enteignet!

In einem Brandbrief geißeln 51 "Tatort"-Autoren die Umsonstkultur im Internet und eine verfehlte Urheberrechtspolitik. Ein Gespräch mit dem Unterzeichner Jochen Greve. von Julia Daumann

Fünf Minuten lang wütete der Autor und Musiker Sven Regener kürzlich im Radio gegen Google, YouTube und alle, die die Rechte von Künstlern geringschätzen – damit begann die neuste Runde im Streit ums Urheberrecht: 51 Tatort -Drehbuchautoren veröffentlichten einen Brief an Grüne, Piraten, Linke und die Netzgemeinde, in dem sie »die millionenfache illegale Nutzung von urheberrechtlich geschützten Inhalten« brandmarken und mit »Lebenslügen« der Netzgemeinde aufräumen. Eine Antwort folgte prompt: Als »Opfer des Verwertungssystems« bezeichneten 51 Hacker vom Chaos Computer Club die Kreativen und riefen ihnen zu: Wir stehen doch auf einer Seite gegen die großen Rechteinhaber, die Künstler nur ausnutzen.

DIE ZEIT: Herr Greve, warum beginnen die Künstler erst jetzt, sich in der Urheberrechtsdebatte zu positionieren?

Jochen Greve: Wir sind bereits seit Langem politisch unterwegs. Das Leidensmaß ist voll. Das geistige Eigentum wird immer mehr infrage gestellt, und nach den Wahlsiegen der Piraten äußern sich auch die großen Parteien immer schwammiger. Wir brauchen dringend eine Reform des Urheberrechts, mit der der Urheber etwas anfangen kann.

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ZEIT: Wie geht es jetzt mit der Debatte weiter?

Greve: Wir wollen in eine Diskussion über die Gestaltung des Urheberrechts miteinbezogen werden, denn die Netzgemeinde ist nicht die ganze Welt. Der Chaos Computer Club argumentiert, Urheber könnten im Netz Geld verdienen. Klar! Aber für einen Journalisten oder Softwareentwickler ist das einfacher als für einen Opernlibrettisten. Unsere Bedürfnisse werden kaum oder gar nicht berücksichtigt, und das nur, weil eine in den letzten Jahren entstandene Umsonstkultur legalisiert werden soll. Frei darf nicht gleichgesetzt werden mit kosten- und rechtefrei. Daher auch der Furor der Antwortenden: Man fühlt sich ertappt. Die Menschen wissen: Was sie fordern, ist nicht ganz koscher. Anders kann ich mir diese Reaktionen nicht erklären.

ZEIT: Was haben Sie sonst für Reaktionen erhalten? Hat sich die Piratenpartei geäußert?

Greve: Einige Piraten haben aus Berlin ein Gesprächsangebot gemacht, aber bei denen, die sich mit Netzthemen befassen, stößt man schnell auf Granit. Ich nehme an, dass diese Generation nach dem Motto »Geiz ist geil« sozialisiert wurde und darum so seltsam Manchester-kapitalistische und eigentlich ganz unmoderne Ansprüche stellt. Über die Hälfte aller Reaktionen, die wir bisher bekommen haben, sind herabsetzend. Heute lese ich zum fünften Mal, dass ein wahrer Künstler gefälligst arm zu sein hat. Es ist wohl eine deutsche Tradition, Kultur nicht ernst zu nehmen.

ZEIT: Wenn man zum Beispiel an den Shitstorm denkt, den kürzlich die Wutrede des Musikers und Autors Sven Regener ausgelöst hat, fragt man sich, warum der Ton der Debatte so ausufert.

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