Rettendes Wasser – Früh, wenn die Vögel still sind, ist es am Stechlinsee am schönsten

Seidenweich. Seidenkühl. So fühlt es sich an, wenn ich eintauche. Und dann kommt der besondere Augenblick: Ich trinke. In großen Zügen trinke ich Seewasser. Und spüre Seide innen und außen.

Er ist sauber, klar, sauerstoffreich, tief, er hat alles, was man braucht – der Stechlin. Neunzig Kilometer nördlich von Berlin liegt er im Wald versteckt. Fisch gibt’s reichlich, Hecht und Maräne , und eine Fischbraterei, aber nur eine. Es gibt Boote und einen Badestrand mit einer »Gockelbude«, da kriegt man Waldmeisterbowle, wenn gerade Mai ist. Und ein Dorf hat er. Das trägt den wenig romantischen Namen Neuglobsow, aber der ganze Ort ist ja rundherum unromantisch mit den abgewetzten Zeugnissen seiner Badegeschichte. Berliner Industrielle, Adelige, Ärzte stellten hier zu Beginn des letzten Jahrhunderts Villen für die Sommerfrische hin, die jetzt zerbröckeln. Die nationalsozialistische Freizeitorganisation Kraft durch Freude belegte Häuser mit organisierten Urlaubern, später der DDR-Gewerkschaftsbund FDGB. Früher konnte sich hier sogar eine Nachtbar halten – heute spürt man überall die Flucht touristischer Infrastruktur.

Neben dem See liegt das stillgelegte Versuchs-AKW Rheinsberg, das den Stechlin zur Kühlung missbrauchte. Der See hat’s überlebt – doch kann man die radioaktive Nachbarschaft einfach vergessen? Ich muss, denn ich bin ein Verfallener. Vielleicht weil ich ein Inseltyp bin. Der Stechlin ist eine inverse Insel, ein rettendes Wasser inmitten von ernstem und geschichtsschwerem Brandenburgland. Diesem Wasser bin ich verfallen.

Am schönsten ist es morgens, so früh, dass die Sonne nur zu ahnen ist, und spät genug, dass die Vögel schon wieder still sind. Dann finde ich, worauf es mir ankommt – Ruhe. Eine herrliche, umfassende Stille, die ein bisschen schmerzt. Bis ein Fisch platscht. Ich lasse mich im Sand nieder und lese in einer Schwarte mit dem Titel Der Stechlin ein paar Seiten Majorsgedröhn und Adelsgespreiz vom ortskundigen Fontane . Nach drei Seiten bin ich innerlich ganz leer.

Vor ein paar Tagen war Weltwassertag . Da hat der Global Nature Fund den Stechlin zum »Lebendigen See des Jahres 2012« ernannt. Im See leben nämlich geschützte Raritäten wie das Faden-Laichkraut und die Erbsenmuschel. Nicht zu vergessen eine spezielle Armleuchteralge. Und, aber das wissen die Leute hier schon seit Jahrhunderten: ein riesiger roter Hahn. Der taucht manchmal aus dem Wasser auf und schreit. Wenn der rote Hahn betrunkene Griller entdeckt oder auch nur Berliner mit Kofferradio – schnapp, sind sie weg! Und Ruhe ist.

Von Burkhard Strassmann