Baden-WürttembergDas grüne Kraftwerk

In nur einem Jahr hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg eine ganz eigene Energiewende geschafft: Er hat das Land in Bewegung gesetzt. von 

Winfried Kretschmann liegt nachts häufig wach. Das Leitgefühl seiner einjährigen Amtszeit ist Unruhe. »Uns bleibt nicht viel Zeit«, sagt er, und damit meint er nicht nur sich. Er meint auch nicht nur die Grünen , denen vor einem Jahr nach einer Atomkatastrophe die Macht im reichsten und bis dahin schwärzesten Bundesland der Republik zugefallen ist. Er meint im Grunde uns alle, er meint den Atommüll, das Klima, die Luft zum Atmen. Er übernachtet oft in der Staatskanzlei, hoch oben auf dem Berg über der Stadt, in der Villa Reitzenstein, wo er eigentlich nicht gern ist, weil es weit weg ist von den Leuten.

Denn da unten tut sich etwas. Baden-Württemberg ist in Bewegung geraten. Es ist eine geistig-moralische Energiewende, und der Ministerpräsident, der erste grüne in der Geschichte der Bundesrepublik, ist ihr Kraftwerk . Nie zuvor hat ein Regierungschef sich so mit dem ganzen Gewicht seiner Person in ein politisches Projekt geworfen wie dieser. Die Wende hat das Land zum Sprechen gebracht, auch wenn den Grünen nicht immer gefällt, was es zu sagen hat.

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Seit Grün-Rot sind überall runde Tische entstanden, Mentorenprogramme, »Beteiligungs-Audits«. Leute, die das nie von sich gedacht hätten, gründen gemeinsam eine Genossenschaft. Hunderte davon haben sich seit Kretschmanns Amtsantritt vor knapp einem Jahr registrieren lassen. »Goldgräberstimmung« nennt das Gisela Erler, Kretschmanns Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung. Im Nordosten Deutschlands, wo man arm, aber sexy ist, kann man sich nicht vorstellen, dass Sparsamkeit und Rebellion zusammengehen, aber so ist es im Süden.

Nirgendwo hat die Kretschmann-Wende solche Folgen wie bei der CDU

Die »Stromrebellen« aus Schönau im Schwarzwald sind der Prototyp dessen, was Kretschmann überall in Baden-Württemberg will: Energiewende schafft Bürgergesellschaft und umgekehrt. Ursula und Michael Sladek, sie Lehrerin und Umsorgerin von fünf Kindern und Enkeln, er ein rübezahlartig zugewachsener Dorfarzt mit ausgeprägtem »Hass auf Bevormundung«, waren 1986 nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl wild entschlossen, den Energiekonzernen die Stirn zu bieten. Zuerst wollten sie nur Strom sparen, gern mit technischer Hilfe des Anbieters. Als der aber ablehnte (»wir wollen Ihnen doch Strom verkaufen, nicht sparen«), da haben sie ein Bürgerbegehren in Gang gesetzt. Die Leute im Ort hatten im Laufe der Auseinandersetzung dann schon so viel über Stromerzeugung gelernt, dass sie selbst zusammenlegten, um ein Stromnetz zu kaufen. Und jetzt leben sie, wie es ihnen gefällt: ökologisch, dazu günstig – und frei. Sie sind nicht bei den Grünen. Die sind ihnen zu präsidial. Sie sind bei den Freien Wählern.

Es gibt kaum einen Satz, den man unterwegs so oft hört wie diesen: »Die Grünen – na ja! Aber der Kretschmann, der isch echt.« Kretschmann selbst macht keinen Hehl daraus, dass er sich als Solitär sieht. Als sein Landesverband ihm vor der Wahl die quotierte Doppelspitze aufnötigen wollte, auf die es nun im Bund bei den Grünen herausläuft, gab er kurz und knapp zu verstehen: »Ohne mich. Dann muss es jemand anders machen.«

Dass Bescheidenheit nicht sein Problem ist, wenn es um die Beschreibung der eigenen Rolle in der Energiewende geht, konnte man kürzlich in der Wallfahrtskirche Käppele in Schemmerhofen bei Biberach sehen, im schwärzesten Landkreis der Welt. Kretschmann ist gekommen, die Fastenpredigt zu halten. Auf einen Auftritt bei Günther Jauch in Berlin , auf fünf Millionen Zuschauer, hat er an diesem Tag verzichtet und das vorsichtshalber auch alle Welt wissen lassen. Elastisch erklimmt er die Stufen zur Kanzel, das weiße Haar steht extra steil. Die Bibelstelle, die er aus dem Lukas-Evangelium ausgewählt hat, beschreibt, wie Jesus beim Oberzöllner Zachäus einkehrt, der sich im Zuge seiner Amtstätigkeit ausgiebig bereichert hat. Draußen vor der Tür stehen die Ausgenommenen und protestieren, dass Jesus bei diesem Schwindler einkehrt. Jesus aber bekehrt Zachäus mit Liebe und Güte. Der verspricht daraufhin, sein Hab und Gut an die Armen zu verteilen. »Denn der Sohn des Menschen ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.« Die Leute waren begeistert. Wer in diesem Moment in Schemmerhofen der Jesus war, haben alle gewusst. Alle haben daran gedacht, dass Kretschmann mit Bahnchef Grube reden, seinen Bahnhof bauen und sich dafür von den Leuten mit einem Schuh bewerfen lassen musste. Niemand hat daran Anstoß genommen, dass der Ministerpräsident hier in die Rolle des Religionsgründers geschlüpft ist.

Bei der CDU nennen sie ihn in hilfloser Wut den »sechsten Landesbischof« oder » Erwin Teufel light«. Es gehört zu den Paradoxien der Kretschmann-Wende, dass sie ausgerechnet dort die sichtbarsten Wirkungen erzeugt, wo die Gegenwehr am heftigsten ist: in der CDU. Nicht genug damit, dass man plötzlich durch Mitgliederentscheid in Stuttgart darüber abstimmen ließ, wer Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters werden soll.

Leserkommentare
  1. ...stehet nicht nur im Stern des Schwabenlandes - da haben Mineralwasser und Rechnungshof, Tunnelquerschnitte, Gipskeuper, Fildertunnel und Gleiskreuzungen noch ein paar pekuniäre Wörtchen mitzureden, und ingenieurstechnische, wenn aber Ramsauers Grube nicht trockenzupumpen ist mit gleisvorfeldfressenden Wassermanagementen bleibt immer noch, Ramsauers Grube umzufunktionieren - zu einem atomaren Endmülllager: Für eine strahlende Zukunft im Stuttgarter Talkessel.

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    • joG
    • 07. April 2012 18:57 Uhr

    ...aber es wäre erstaunlich, wenn die Bahn so viel vorab ausgibt, wenn sie nicht ziemlich sicher wäre, dass es klappt. Bei den Behörden wäre ich nicht so sicher und es ist wahr, dass bei der Bahn noch Eigenschaften einer öffentlichen Verwaltung anhängen. Aber teile des Management kommen aus dem Privatsektor und werden hoffentlich wenigstens die Geundbegriffe der Betriebswirtschaft mitgebracht haben.

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/se

    • joG
    • 07. April 2012 18:57 Uhr

    ...aber es wäre erstaunlich, wenn die Bahn so viel vorab ausgibt, wenn sie nicht ziemlich sicher wäre, dass es klappt. Bei den Behörden wäre ich nicht so sicher und es ist wahr, dass bei der Bahn noch Eigenschaften einer öffentlichen Verwaltung anhängen. Aber teile des Management kommen aus dem Privatsektor und werden hoffentlich wenigstens die Geundbegriffe der Betriebswirtschaft mitgebracht haben.

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    • dth
    • 07. April 2012 19:04 Uhr

    Die Bahn ist sich nicht sicher, ob das klappt.
    Sie weiß nur, dass sie vom Staat mehr bekommen wird, als sie das Projekt kostet und selbst ein scheitern des Projekts letzten Endes nicht ihr Problem sein wird. Die Bahn entscheidet durchaus rational, nur leider nach falschen Anreizen.
    Aber das ist ja auch nicht nur bei diesem Projekt so.

    Das sollte man eigentlich meinen, doch dieser Bericht des ARD-Magazins "Plusminus" entzaubert es:

    http://www.daserste.de/plusminus/beitrag_dyn~uid,0ammep0pibifvyqu~cm.asp

    Fazit: Die Deutsche Bahn AG gibt keinen Cent aus, der ihr nicht von anderer Seite ersetzt wird und je teurer ein Projekt für den Steuerzahlern, desto besser für das Unternehmen.

    • dth
    • 07. April 2012 19:04 Uhr

    Die Bahn ist sich nicht sicher, ob das klappt.
    Sie weiß nur, dass sie vom Staat mehr bekommen wird, als sie das Projekt kostet und selbst ein scheitern des Projekts letzten Endes nicht ihr Problem sein wird. Die Bahn entscheidet durchaus rational, nur leider nach falschen Anreizen.
    Aber das ist ja auch nicht nur bei diesem Projekt so.

  3. Mit Kretschmann könnte man beweisen, dass der Vorwurf der Dagegen-Partei sich erledigt hat – aber keiner tut es.

    Könnte man, aber keiner tut es ... weil man doch nicht kann.
    Mein Eindruck von Stuttgart und Umgebung wird exakt vom ersten Beitrag getroffen - statt Impulse oder Themen zu setzen und umzusetzen, hängt ein großer Teil der aktiven Leute dem S21-Thema nach (incl. Verratsanklagen gegen Kretschmann & Co.) und perpetuiert diesen Kampf im Hinterkopf. Die grüne Spitze dagegen darf nicht Froschkutteln, sondern muss ganze Kröten der täglichen Landespolitik fressen und wird es auf Dauer keinem recht machen können.
    So bleibt auch der Artikel die Belege für eine Wende schuldig - runde Tische und Sprechrunden jedenfalls sind erstmal nur Worte und haben gute Chancen, genau das zu bleiben..

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    ...vor Kretschmann, mit "Fehdehandschuh"-Mappus am Schwarzen Donnerstag - und seinem verfassungswidrigen EnBW-Aktiendeal, hochverschuldet und hochverfilzt, da muß er missionieren in den Herrgottswinkeln der schwäbischen Diaspora, in Biberach und Ravensburg, damit nie wieder passiert, wofür Schwarze stehen in BW: Politik gegen die Interessen der Bürger.

  4. Das sollte man eigentlich meinen, doch dieser Bericht des ARD-Magazins "Plusminus" entzaubert es:

    http://www.daserste.de/plusminus/beitrag_dyn~uid,0ammep0pibifvyqu~cm.asp

    Fazit: Die Deutsche Bahn AG gibt keinen Cent aus, der ihr nicht von anderer Seite ersetzt wird und je teurer ein Projekt für den Steuerzahlern, desto besser für das Unternehmen.

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    • joG
    • 08. April 2012 7:34 Uhr

    ...dass die DB kein privatwirtschaftliches Unternehmen ist. Die Privatisierung ist noch nicht fertig und Regierungen nehmen sehr viel Einfluss. Die daraus entstehenden Interessenkonflikte sind enorm.

    Dennoch sind über die letzten Jahre Manager motiviert worden den Laden umzustellen mit Verwaltung und mehr Management. Aber der Staat mischt sich eindeutig mit schlechten Resultaten ein. Wollen wir hoffen, dass die Manager am Projekt genügend bewirkten und nicht die Verwaltungsbeamte.[...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie bei einer sachlichen Wortwahl. Danke. Die Redaktion/ag

  5. ja die Grünen haben natürlich ein Problem mit MP Kretschmann. Denn nur mit ihm war der Wahlerfolg so möglich. Mit (fast) allen anderen mehr oder weniger bekannten Grünen Spitzenleuten wäre es im Ländle "nichts" geworden. Und noch besser, mit einem Mann wie Kretschmann hätte auch die CDU oder unten den Voraussetzungen der letzten Wahl sogar die SPD "gewonnen".

    Kretschmann gilt eben als besonnen und glaubwürdig und ist nicht der typische Politiker moderner Prägung, der v.a. seine persönliche Karriere-Interessen und die seiner jeweiligen Partei vertritt. Auch wenn es vielleicht in der Realität nicht so ist, so nimmt man solchen Leuten doch eher ab, dass sie im Zweifel auch mal an das "Land" und die Mehrheit seiner Bürger ("Volk") denken.

    Und weil das so ist, kommt die CDU unter "normalen" Bedingungen erst wieder zum Zuge, wenn Kretschamnn ersetzt wird oder irgendwie schwächelt. Mit Spitzengrünen wie z.B Claudia Roth wäre das Wahlergebnis in BW deutlich einstellig.

  6. Kretschmann ist nicht die große Wende in Baden-Württemberg, obwohl man dankbar sein kann, das gilt auch aus Sicht der CDU-Anhänger, dass durch seine Wahl ein sich weiter entfaltender Stefan Mappus verhindert wurde. Nicht ohne Grund waren es nach der Wahl Mappus seine eigenen Leuten, die ihm und seinen Getreuen beim Hochkommen Knüppel zwischen die Beine warfen.

    Die Grünen sind in BW zuweilen eine Minderheit, die einer schwarzroten Oppositionsmehrheit nichts entgegenzusetzen haben. Auf die Besetzung einflussreicher Ministerien zu verzichten, offensichtlich in der Absicht sich damit nicht beim Wähler unbeliebt machen zu wollen, rächt sich jetzt für die Grünen. Die Ressorts Innen und Justiz, wo hohe Erwartungen in den Regierungswechsel gelegt wurden, werden geführt, als wenn sie der CDU nach der nächsten Wahl unversehrt zurückgegebenen werden sollten.

    Kretschmann ist beliebt, er ist sympathisch, ein Mann mit der jede etablierte Partei kann. Da wo eine ein Ministerpräsident mit seiner Richtlinienkompetenz gefragt ist und kein Landes-Bundespräsident, der über allem schwebt, hinterlässt er eine Lücke.

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