Was muss uns interessieren, wie Politiker ihre Sonntagnachmittage verbringen? SPD-Vize Manuela Schwesig , Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern, hat sich für einen politikfreien Sonntag starkgemacht – wie zuvor schon SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles . Enden SPD-Parteitage somit künftig vor dem Wort zum Sonntag? Muss Günther Jauch seine Sendung ohne politische talking heads bestreiten? Manche mögen das als lächerlich empfinden. Doch Schwesigs Forderung ist weder naiv noch unpolitisch. Sie ist ein kleiner Aufstand gegen den Kapitalismus, ein Plädoyer für die Harmonisierung unser aller Work-Life-Balance.

Noch nie waren Politiker ihren Wählern so ähnlich wie heute. Die Bonner Republik unter Konrad Adenauer war ein Klub weißhaariger alter Männer. Heute ist der FDP-Vorsitzende einer von vielen jungen Familienvätern unter 40 mit zwei Kindern, und Politikerinnen wie Schwesig, Nahles und andere versuchen wie eine Menge berufstätiger Mütter, Jobs, Partnerschaft und Kinder unter einen Hut zu bekommen.

Im Kapitalismus bestehen, ohne sich dem Kapitalismus zu unterwerfen

Deshalb ist an Politikern weniger entscheidend, was sie am Sonntag propagieren, sondern woran sie sich selbst halten. Nicht die Werte, die sie predigen, verändern Deutschland, sondern die Werte, die sie leben. Und da ist allemal der Sonntagnachmittag ein aussagekräftiges Beispiel.

Welcher Politiker mit Ambition lässt nachmittags den Flieger zu Jauchs Talkshow sausen, um ein wenig mehr Zeit mit seinen Kindern zu verbringen? Und welcher ermattete Bundesminister sagt einer Kanzlerin im Duracell-Dauerbetrieb, er hielte einen Koalitionsausschuss am Sonntagabend für keine so gute Idee? Wo doch schon jeder kleine Manager, jede bessere Beamtin erlebt, wie sich die Arbeitswelt – auch dank der Teleteufelchen von Smartphone bis iPad – noch in die letzten Nischen ihres Privatlebens fräst.

Und trotzdem ist das Hohelied auf die Work-Life-Balance zunächst einmal eine Selbsttäuschung. Die Propaganda für einen ausgeglicheneren Lebensstil wird kindisch, wenn sie als immerwährende Anspruchsaddition daherkommt, als ergäbe der Wunsch nach mehr Karriere und mehr Familie und mehr Freizeit weniger Stress. Voraussetzung für einen erwachsenen Weg zur Work-Life-Balance ist der Abschied von drei Lebenslügen, bei Vorgesetzten, Untergebenen und Politikern.

Zunächst wäre der Abschied von einer Illusion erforderlich, wie sie bei Ideologen einer sanften neuen Arbeitswelt verbreitet ist: Es ist ein Irrtum, zu glauben, eine bessere Work-Life-Balance müsse auf einer Versöhnung von Hedonismus und Kapitalismus basieren. Das Ziel muss ambitionierter sein, als für den Einzelnen ein wenig mehr Seelen-Wellness herauszuschlagen oder das persönliche Freizeit-Konto aufzustocken. Gesucht wird ein Weg, im Kapitalismus zu bestehen, ohne sich dem Kapitalismus zu unterwerfen.

Die Lebenslüge der Vorgesetzten ist gut getarnt: So wie in vielen Unternehmen das Greenwashing verbreitet ist, also das Schönschminken der eigenen Ökobilanz, gehört bei vielen Vorgesetzten inzwischen eine Art Family-Sprech zum guten Ton. Tatsächlich sind Chefs oft weit weniger familienfreundlich gestimmt, als sie es zu sein behaupten, vor allem wenn es um die Positionen im engeren Führungskreis geht. Viele Vorgesetzte sehen Instrumente zu einer besseren Work-Life-Balance wie Teilzeit, Elternzeit und Jobsharing als Sozialprogramme für die niederen Gehaltsgruppen an. Was ein echter Chef sein will, so die immer noch verbreitete Sicht, der teilt seine Zeit nicht, denn damit würde er seine Macht teilen. Macht aber gilt unter Machthabern immer noch als unteilbar.