TirolPlatters Blattschuss

Einladungen zum gemeinsamen Töten stehen nicht nur in Tirol auf der Tagesordnung. Transparent ist das schießwütige Treiben aber nirgends. von Gerd Millmann

Tirols Landeshauptmann Günther Platter gerät wegen seiner Jagdleidenschaft immer mehr unter Druck (Archivfoto von 2008).

Tirols Landeshauptmann Günther Platter gerät wegen seiner Jagdleidenschaft immer mehr unter Druck (Archivfoto von 2008).  |  © Dieter Nagl/AFP/Getty Images

Die Momente sind für Günther Platter selten geworden, in denen er sich auf sicherem Terrain weiß. Doch bei den jährlichen Präsentationen von Jagdtrophäen ist der Tiroler Landeshauptmann unter seinesgleichen. Hier fühlt er sich verstanden. Inmitten Hunderter von Geweihen wetterte er etwa vor zwei Wochen in St. Anton vom Podium: »Wir lassen nicht zu, dass die Jagd im Land kriminalisiert wird.«

Passionierte Waidmänner haben es nicht leicht in Zeiten wie diesen. Ihre Leidenschaft ist in Verruf geraten, wurde fast zum Synonym für die ausufernde Korruption im Land. Vom Jägerstammtisch am Michaelerplatz in Wien bis hin zum Jagdschloss im schottischen Hochland scheinen Politik und Wirtschaft beim gemeinsamen Töten trüben Geschäftspraktiken zu frönen.

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Auch auf den Hochständen im Pitztal geben sich Wirtschaftsmagnaten das Gewehr in die Hand. Dort, wo fast 50 Dreitausender schroff zum Himmel ragen, liegt das größte Jagdgebiet von Tirol: 22.000 Hektar wildromantisches Alpenland, auf einer Seehöhe zwischen 1.100 und 3.000 Metern gelegen. Hierher lädt der Herr Landeshauptmann zu Waidmanns Heil und Waidmanns Dank sowie anschließend zum geselligen »Tottrinken« der erlegten Beute. Kraft seines Amtes kann der Landesvater zehn Prozent der Abschüsse in diesem Jagdgebiet »zur Herstellung und Vertiefung von Kontakten im Interesse des Landes in wirtschaftlicher, politischer oder kultureller Hinsicht an Persönlichkeiten im In- und Ausland« verschenken, wie es in den Richtlinien des Tiroler Jagdgesetzes heißt. Wer diese Persönlichkeiten sind, ist seit Wochen Inhalt erregter Debatten. Neojäger Platter – er hat seinen Jagdschein erst im Vorjahr erhalten – findet, das gehe nur ihn etwas an. Auch seine Vorgänger hielten die Namen ihrer Jagdgäste geheim.

Nicht einmal der Landesrechnungshof erfährt sie. Nur so viel rückt der Landesfürst heraus: Zwischen 2000 und 2005 gab es 52 solcher »Ehrenabschüsse« im Wert von jährlich 25.000 Euro, erfuhr die Kontrollstelle des Landes im Jahr 2006.

Doch man war nicht immer so verschämt in Tirol. Der grüne Landtagsabgeordnete Gebi Mair fand eine veröffentlichte Liste der Ehrenabschüsse aus dem Jahr 1991. Neben Robert Lichal, damals Zweiter Präsident des Nationalrats, erlegten auch zwei Ex-Landesräte und Rudolf Schwarzböck, 1991 und bis 2007 Vorsitzender der Präsidentenkonferenz der Landwirtschaftskammern Österreichs, ohne Rechnung Gams- und Rehböcke, »im Interesse des Landes Tirol«. Mit höchstem Segen übrigens, denn auch Bruno Wechner, der damals 83-jährige, aber noch recht rüstige Ex-Bischof von Feldkirch, schickte eine Gamsgeiß in den Tierhimmel.

»Als aber die ersten Beschwerden über die Gratisjagden aufgetaucht sind, hat das Land nicht etwa die Ehrenabschüsse gestoppt, sondern begonnen, sie zu verheimlichen«, sagt Mair. Listige Tiroler fanden trotzdem Namen. Bei der jährlichen verpflichtenden Trophäenschau ist nämlich der Name des Jägers auf der Jagdtrophäe vermerkt – bis auch das im Jahr 1999 per Verordnung gestoppt wurde. Seitdem darf auch der Name des Jagdleiters statt dem des Jägers angeführt werden – was seitdem bei den Ehrenabschüssen auch regelmäßig der Fall ist.

Richtig unter Beschuss kam Landeshauptmann Platter erst, als Markus Wilhelm, Quälgeist der Tiroler Provinzpolitiker, Ende März aufdeckte, dass nicht nur der Landeshauptmann zum Jagdvergnügen einlud, sondern er sich umgekehrt auch zum munteren Bockschießen hatte einladen lassen. Unter anderem von dem Schweizer Fleischgroßhändler Heiner Birrer auf einen Hirsch im Außerfern, vom Goinger Stanglwirt Balthasar Hauser auf eine Gams im Unterland und vom Großgrundbesitzer Anton Pletzer auf einen Gamsbock in Osttirol. Sieben Jagdeinladungen aus dem Jahr 2011 wurden bisher bekannt.

»Das ist so, und das ist auch notwendig... es muss erlaubt sein, dass ein Landeshauptmann privat mit seinen Freunden wohin geht, und da muss ich mich nicht rechtfertigen«, zeigte Platter, vom ORF mit seiner beeindruckenden Abschussstatistik konfrontiert, kein Verständnis für Kritik.

Andere schon: »Mich erinnert das an die dubiosen Jagdgepflogenheiten mit Sonderrechten für Mielke und Honecker in der DDR«, sagt Bruno Hildenbrand, Soziologe an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Der ehemalige Staatsratsvorsitzende und sein Sicherheitsminister waren berüchtigt dafür, jährlich Hunderte von Wildtieren im ostdeutschen »Staatsjagdgebiet« Schorfheide zu erlegen.

Leserkommentare
  1. Offensichtlich ist hierzulande - trotz mehr als 90 Jahren Republik - das Feudale, ja die Monarchie . immer noch present. Zumindest unterschwellig, oft wird dies ungeniert vorgelebt. Ich will nPlatter durchaus glauben, dass er korrekt handelt, dass er aus den Einladungen keinen Nutzen zieht oder gewährt. Nur ist das demokratische Verständnis offensichtlich nicht weit genug gediehen, um die Sensibilität dafür in Politik und Wirtschaft, aber auch in den Interessenorganisationen entsprechend zu erreichen. Was jetzt, egal ob in Tirol, wien, Niederösterreich ans Licht kommt, ist alte Tradition. Diese wurde bis dato nicht hinterfragt. Und genau damit tun sich die Beteiligten schwer.

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