Vergangenheitsbewältigung: Entsorgte Erinnerung
Der Umgang der Bundeswehr mit dem Judenretter Anton Schmid zeigt: Bis heute hat die Truppe keine klare Haltung zur NS-Geschichte gefunden.
© Andreas Rentz/Getty Images

Soldaten während eines Gelöbnisses vor dem Reichstag am 20. Juli, dem Tag des Stauffenberg-Attentats auf Hitler.
Die Bundeswehr und die Tradition, das ist eine unselige, unendliche Geschichte. Bis heute kann sich unsere Armee nicht lösen, nicht befreien von dem übermächtigen Bild der Nazi-Wehrmacht. Noch immer sucht sie hier nach Anknüpfungspunkten und vermeintlich unbelasteten Traditionslinien. Mit Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime aber, ob nun in Zivil oder in Uniform, tut sie sich schwer.
So war es geradezu eine Sensation, als am 8. Mai vor zwölf Jahren in Rendsburg eine Kaserne, die bis dahin den Namen des Nazigenerals Günther Rüdel trug, nach dem Feldwebel Anton Schmid aus Wien umbenannt wurde, dem es gelungen war, während des Krieges in Litauen Hunderte jüdische Menschen zu retten. Wie Oskar Schindler hatte auch Schmid die Gejagten für vermeintlich dringende Arbeiten requiriert, ihnen zum Teil falsche Papiere verschafft und sie so vor dem sicheren Tod bewahrt. Er hatte es sogar riskiert, Internierte mit falschen Marschbefehlen aus dem Wilnaer Ghetto herauszuholen – ein tollkühner Streich, für den Schmid mit dem Leben bezahlte. Er flog auf, wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und im April 1942 ermordet.
Die Umbenennung nahm der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping selbst vor, der bekannte Historiker Fritz Stern hielt die Festansprache. Das Ereignis fand ein weites, auch internationales Echo. In der New York Times schrieb Roger Cohen unter dem Titel »Ein neues Vorbild für deutsche Soldaten«, Schmid sei ein Mann gewesen, der in Hitlers Armee Befehle missachtet habe und seinem Gewissen gefolgt sei. Der Name eines Generals weiche dem eines kleinen Feldwebels. Und in der Tat: Dieser Feldwebel hatte mehr Größe und unendlich viel mehr Mut gezeigt als der General.
Die Idee zur Umbenennung hatten der damalige Bundespräsident Johannes Rau und Scharping von einer Israelreise mitgebracht. Dort waren sie durch Mordecai Paldiel von der Gedenkstätte Jad Vaschem auf Schmid hingewiesen worden. Schon 1967 hatten die Israelis den Feldwebel mit der hohen Ehrung »Gerechter unter den Völkern« ausgezeichnet.
Rau und Scharping nahmen die Anregung dankbar auf. Denn um die Jahrtausendwende schien die Zeit gekommen, bei der Traditionspflege in der Bundeswehr endlich reinen Tisch zu machen. So kündigte im Januar 1999 der damalige Kulturstaatsminister Michael Naumann (SPD), während einer Fernsehrunde auf die noch immer nach Hitlers Militärs benannten Kasernen angesprochen, vollmundig an: »Das ändern wir jetzt. Das schwör ich Ihnen. In zwei Jahren finden Sie keine mehr!« Und Scharping selbst bekannte in seiner Rede zum 20. Juli 1999: Die Zivilisten und Soldaten, die in der NS-Zeit »den Mut und die Zivilcourage hatten, sich gegen den Strom zu stellen und die Menschenwürde zu verteidigen, sind die Lichtpunkte in einer düsteren Zeit«.
Scharping ließ sondieren, welche Kaserne geeignet sein könnte, den Namen Schmids zu erhalten. Doch er hatte die Rechnung ohne die Offiziere gemacht. Denn sofort gab es Widerstand gegen den Widerständler. Die Verantwortlichen dreier Standorte der Bundeswehr, nämlich Weiden in der Oberpfalz mit der Ostmark-Kaserne, Delitzsch in Sachsen mit der Feldwebel-Boldt-Kaserne und Münster in Westfalen mit der Lützow-Kaserne, sträubten sich erfolgreich gegen den neuen Namen.
So fiel der Blick auf das schleswig-holsteinische Rendsburg und die dortige Rüdel-Kaserne, in der die Heeresflugabwehr untergebracht war. Eigentlich hätte ein grenznaher Standort in Bayern mehr Sinn gehabt, stammte Schmid doch aus Österreich. Aber Bayern hatte gerade erst, 1995, einen siebenjährigen Kampf um die Generaloberst-Dietl-Kaserne in Füssen hinter sich. In diesem Fall war der öffentliche Druck auf das Verteidigungsministerium – damals noch unter Scharpings Vorgänger Volker Rühe (CDU) – so groß geworden, dass es den Namen des fanatischen Hitler-Getreuen Dietl endlich gelöscht hatte. Umso inniger hing und hängt man hier bis heute an dem Nazigeneral und Judenhetzer Rudolf Konrad, nach dem die Kaserne in Bad Reichenhall benannt ist.
Auch in Rendsburg stieß die Idee des Ministers auf wenig Gegenliebe. Nach einer Umfrage des Personalrats im April 2000 unter den 1.200 Soldaten und 200 Zivilbeschäftigten der Rüdel-Kaserne wünschten fast 60 Prozent der Befragten keine Umbenennung, und nur 5,4 Prozent votierten für Anton Schmid. 22,6 Prozent wollten gar zurück zu dem Namen aus dem »Dritten Reich«, den die Liegenschaft bis 1964 getragen hatte: Flugabwehr-Kaserne oder Flak-Kaserne.






„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
Natürlich ist der Verlust der Erinnerung an Schmid durch die Schließung bedauerlich, aber bei dem Personal, dass die Bundeswehr nun mal hat, ist es auch die einzige Möglichkeit, untragbare Namen loszuwerden. Ich erinnere nur an die inzwischen stillgelegten Zerstörer, die nach Mölders, Lütjens und Rommel benannt wurden. Auch da gab es keine Chance auf Umbenennung. Ach ja, und die Zeichnung von der Tür des Zahlmeisters, die einen Juden mit Hakennase und Davidstern beim Geldzählen zeigte, ging mit der Stilllegung auch verloren.
Leider tut man sich immer noch schwer, Denkmale für die besten und tapfersten deutschen Soldaten der Wehrmacht, die Deserteure, aufzustellen, wohingegen es immer noch in den meisten Kasernen sogenannte "Traditionsräume" gibt, die sich weit überwiegend mit einer Armee beschäftigen, die seit Volker Rühe offiziell nicht traditionswürdig ist. Noch immer erzählen Offiziere belustigt Anekdoten, an welchen Standorten und in welchen Kasinos die Entnazifizierung der Symbole (Adler) so durchgeführt wurde, dass man bei feuchtem Klima unter einem Hakenkreuz sitzt. Noch immer werden Marineoffiziere in Gebäuden ausgebildet, in denen sie mit Parolen begrüßt werden, die sie auf Treue zum Kaiser einschwören und den Hass auf den Erzfeind England aufrecht erhalten.
"Leider tut man sich immer noch schwer, Denkmale für die besten und tapfersten deutschen Soldaten der Wehrmacht, die Deserteure"
Lesen sie sich den Satz nochmal durch und überlegen sie darin was da nicht stimmt. Dann merken sie auch warum sich die Bundeswehr damit so schwer tut.
Keine Armee ehrt ihre Deserteure und das aus gutem Grund. Gibt ein schlechtes Vorbild für die eigenen Soldaten. Die sollen ja für das eigenen Land kämpfen und nicht desertieren.
Da beist sich die gesellschaftliche Forderung nach Ehrung der Wiederständler mit der militärischen Forderung eine funktionstüchtig Armee aufzustellen.
"Leider tut man sich immer noch schwer, Denkmale für die besten und tapfersten deutschen Soldaten der Wehrmacht, die Deserteure"
Lesen sie sich den Satz nochmal durch und überlegen sie darin was da nicht stimmt. Dann merken sie auch warum sich die Bundeswehr damit so schwer tut.
Keine Armee ehrt ihre Deserteure und das aus gutem Grund. Gibt ein schlechtes Vorbild für die eigenen Soldaten. Die sollen ja für das eigenen Land kämpfen und nicht desertieren.
Da beist sich die gesellschaftliche Forderung nach Ehrung der Wiederständler mit der militärischen Forderung eine funktionstüchtig Armee aufzustellen.
dass meines Wissens der General Rüdel nur an einem einzigen Gerichtsurteil des Volksgerichtshofes mitgewirkt hatte, von bundesdeutschen Gerichten freigesprochen wurde und 2002 vom damaligen Verteidigungsminister Struck ausdrücklich rehabilitiert wurde. Danach hatte er nicht, wie in der Kontroverse behauptet worden war an Terrorurteilen mitgewirkt. Erst daraufhin wurde das Offizierskasino nach ihm benannt und nicht, wie der Autor mutmasst "wie zum Hohn".
Es ist wichtig, dass Menschen wie der Feldwebel Schmid besonders herausgestellt werden. Nicht nur um sie zu ehren, sondern auch um der Legende entgegenzuwirken, dass zum Einen ein aktiver Widerstand gegen den Holocaust frei von persönlichen Risiken war und zum Anderen die gesamte Wehrmacht eigentlich aus Verbrechern bestand.
Die Tatsache der Rehabilitierung von Rüdel wirft doch gleich ein ganz anderes Licht auf diese Geschichte. Der Autor scheint ja suggerieren zu wollen, man wolle sich in der Bundeswehr die Erinnerung an grausige Verbrecher warmhalten.
Bereits der deutsche Generalmajor und Mitglied des Widerstandes gegen Hitler Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff wollte nach dem Krieg wieder in der Bundeswehr aktiv werden. Man hat es ihm verweigert, man wollte keine "Verräter" haben, dafür hat auch Adenauers Umfeld gesorgt.
Die wahren Helden bekommen kaum Beachtung, die Verbrecher ehrt man. Das hat Henning von Treskow, ebenfalls Mitglied des Widerstandes, damals schon voraus gesehen.
Immer noch ist die dunkle Geschichte nicht richtig aufgearbeitet. Wer Menschen grundlos ermordet wird nur deshalb kein Held weil er vielleicht ein guter Stratege war oder eine Schlacht gewonnen hat. Er bleibt einfach ein Verbrecher, dessen Name in der BW nicht verloren hat.
Naja, die Verehrung der Widerständler des 20. Juli kommt ja nun auch aus der Adenauerzeit. Dass ausgerechnet der militärische Widerstand so geehrt wird, der eigentlich kein demokratisches Ziel hatte und nur eine totale militärische Niederlage verhindern wollte (man schaue sich die grotesken Vorstellungen der Widerständler für die Zeit nach einem gelungenem Putsch und ihre "Verhandlungsbasis" für die Verhandlungen mit den Alliierten an), ist an sich auch schon fragwürdig. Diese Männer haben jahrelang aktiv den Krieg geführt, den sie dann beenden wollten! Es sind widersprüchliche Gestalten, für eine uneingeschränkte Ehrung ("Helden") oder Vorbildcharakter ist das viel zu wenig. Man kann sie nur historisch betrachten.
Die Verehrung der Widerständler des 20. Juli stammt ja nun nicht aus der Zeit Adenauers, sondern erst sehr viel später sind z.B. die Urteile des Volksgerichtshof für nichtig erklärt worden, ich meine es war unter Kanzler Schröder.
Sicherlich haben diese Männer den Krieg anfangs mit geführt, aber auch gerade der unüberschaubare Holocaust und die Massenmordungen haben diese Männer zum Handeln gezwungen.
Und dieses Handeln ist schon sehr ehrbar, haben doch die meisten von ihnen mit dem Leben und einem grausamen Sterben dafür bezahlt und sie haben diese Konsequenz mit in Kauf genommen. Soviel Courage findet man sehr selten. Auch Wilm Hosenfeld war aktiv in der Wehrmacht, hat aber genau wie Anton Schmidt oder andere diese Position genutzt um Menschenleben vor rassistischen Morden zu schützen.
Naja, die Verehrung der Widerständler des 20. Juli kommt ja nun auch aus der Adenauerzeit. Dass ausgerechnet der militärische Widerstand so geehrt wird, der eigentlich kein demokratisches Ziel hatte und nur eine totale militärische Niederlage verhindern wollte (man schaue sich die grotesken Vorstellungen der Widerständler für die Zeit nach einem gelungenem Putsch und ihre "Verhandlungsbasis" für die Verhandlungen mit den Alliierten an), ist an sich auch schon fragwürdig. Diese Männer haben jahrelang aktiv den Krieg geführt, den sie dann beenden wollten! Es sind widersprüchliche Gestalten, für eine uneingeschränkte Ehrung ("Helden") oder Vorbildcharakter ist das viel zu wenig. Man kann sie nur historisch betrachten.
Die Verehrung der Widerständler des 20. Juli stammt ja nun nicht aus der Zeit Adenauers, sondern erst sehr viel später sind z.B. die Urteile des Volksgerichtshof für nichtig erklärt worden, ich meine es war unter Kanzler Schröder.
Sicherlich haben diese Männer den Krieg anfangs mit geführt, aber auch gerade der unüberschaubare Holocaust und die Massenmordungen haben diese Männer zum Handeln gezwungen.
Und dieses Handeln ist schon sehr ehrbar, haben doch die meisten von ihnen mit dem Leben und einem grausamen Sterben dafür bezahlt und sie haben diese Konsequenz mit in Kauf genommen. Soviel Courage findet man sehr selten. Auch Wilm Hosenfeld war aktiv in der Wehrmacht, hat aber genau wie Anton Schmidt oder andere diese Position genutzt um Menschenleben vor rassistischen Morden zu schützen.
Naja, die Verehrung der Widerständler des 20. Juli kommt ja nun auch aus der Adenauerzeit. Dass ausgerechnet der militärische Widerstand so geehrt wird, der eigentlich kein demokratisches Ziel hatte und nur eine totale militärische Niederlage verhindern wollte (man schaue sich die grotesken Vorstellungen der Widerständler für die Zeit nach einem gelungenem Putsch und ihre "Verhandlungsbasis" für die Verhandlungen mit den Alliierten an), ist an sich auch schon fragwürdig. Diese Männer haben jahrelang aktiv den Krieg geführt, den sie dann beenden wollten! Es sind widersprüchliche Gestalten, für eine uneingeschränkte Ehrung ("Helden") oder Vorbildcharakter ist das viel zu wenig. Man kann sie nur historisch betrachten.
Ich setze da bewusst ein Fragezeichen.
Heißt es nicht, Rüdel habe nur an einer einzigen Sitzung des Volksgerichtshofs teilgenommen und dabei sogar einen Freispruch erwirkt?
Die stiefmütterliche Behandlung des Andenkens an den vorbildlich couragierten Feldwebel Schmid ist eindeutig ungerecht, aber falls die aktuelle Informationslage zu Rüdel korrekt ist, dann finde ich den hier angeschlagenen Ton eine Spur zu scharf.
Nebenbei finde ich die rhetorische Verknüpfung eines durchgeknallten Fahnenjunkers der Bundeswehr mit dem Luftwaffengeneral, der zum fraglichen Zeitpunkt bereits 56 Jahre tot und für den als rassistisch und hetzerisch zu verurteilenden Vorfall keineswegs verantwortlich war, geradezu bösartig - als ob der Name einer Kaserne das individuelle Fehlverhalten ihrer Bewohner verursachen könnte! Oder haben Sie, Herr Wette, jemals ernsthaft darüber nachgedacht, ihren eigenen Namen zu ändern, weil er die Menschen in ihrem sozialen Umfeld in die Spielsucht treiben könnte? Wohl kaum.
//Aber vielleicht ist es genau das, was die Bundeswehr an ihm stört: dass er als Mensch gehandelt hat und nicht als ein Soldat, der blind gehorcht.//
Es ist schlechter Stil eine mißliebige Haltung mit der
Dummheit des Andersdenkenden zu begründen.
Wer ist "die Bundeswehr"? Das Verteidigungsministerium, die Generalität oder die Gesamtheit der Soldaten?
Was Soldaten denken, wird ja im Artikel erwähnt:
//Nach einer Umfrage des Personalrats im April 2000 unter den 1.200 Soldaten und 200 Zivilbeschäftigten der Rüdel-Kaserne [votierten] nur 5,4 Prozent für Anton Schmid. 22,6 Prozent wollten gar zurück zu dem Namen aus dem »Dritten Reich«, den die Liegenschaft bis 1964 getragen hatte: Flugabwehr-Kaserne oder Flak-Kaserne.//
Auf Deutsch: Kein Bock auf eine Umbenennung, die klar erzieherische Maßnahmen hat, aber auch keine Ablehnung eines neutralen Namens ("Flak-Kaserne"), nur weil er aus einer belasteten Zeit stammt. Ginge man weniger mit der pädagogischen Holzhammermethode vor - vielleicht weil man die Betroffenen für denkunfähige Befehlsempfänger hält, mit denen man nicht räsonieren kann, würde man eventuell mehr Zustimmung erzielen. Herr Wette erweist der Sache mit seinem moralin-sauren und herablassenden Ton keinen guten Dienst.
"Bis heute hat die Truppe keine klare Haltung zur NS-Geschichte gefunden."
Fraglich, ob das überhaupt Aufgabe 'der Truppe' ist.
Alle notwendigen Infos und weiterführenden Hinweise zur Rüdel-Kontroverse in der Bundeswehr finden Sie hier:
http://de.wikipedia.org/w...
Alle notwendigen Infos und weiterführenden Hinweise zur Rüdel-Kontroverse in der Bundeswehr finden Sie hier:
http://de.wikipedia.org/w...
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