Die Bundeswehr und die Tradition, das ist eine unselige, unendliche Geschichte. Bis heute kann sich unsere Armee nicht lösen, nicht befreien von dem übermächtigen Bild der Nazi-Wehrmacht. Noch immer sucht sie hier nach Anknüpfungspunkten und vermeintlich unbelasteten Traditionslinien. Mit Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime aber, ob nun in Zivil oder in Uniform, tut sie sich schwer.

So war es geradezu eine Sensation, als am 8. Mai vor zwölf Jahren in Rendsburg eine Kaserne, die bis dahin den Namen des Nazigenerals Günther Rüdel trug, nach dem Feldwebel Anton Schmid aus Wien umbenannt wurde, dem es gelungen war, während des Krieges in Litauen Hunderte jüdische Menschen zu retten. Wie Oskar Schindler hatte auch Schmid die Gejagten für vermeintlich dringende Arbeiten requiriert, ihnen zum Teil falsche Papiere verschafft und sie so vor dem sicheren Tod bewahrt. Er hatte es sogar riskiert, Internierte mit falschen Marschbefehlen aus dem Wilnaer Ghetto herauszuholen – ein tollkühner Streich, für den Schmid mit dem Leben bezahlte. Er flog auf, wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und im April 1942 ermordet.

Die Umbenennung nahm der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping selbst vor, der bekannte Historiker Fritz Stern hielt die Festansprache. Das Ereignis fand ein weites, auch internationales Echo. In der New York Times schrieb Roger Cohen unter dem Titel "Ein neues Vorbild für deutsche Soldaten", Schmid sei ein Mann gewesen, der in Hitlers Armee Befehle missachtet habe und seinem Gewissen gefolgt sei. Der Name eines Generals weiche dem eines kleinen Feldwebels. Und in der Tat: Dieser Feldwebel hatte mehr Größe und unendlich viel mehr Mut gezeigt als der General.

Die Idee zur Umbenennung hatten der damalige Bundespräsident Johannes Rau und Scharping von einer Israelreise mitgebracht. Dort waren sie durch Mordecai Paldiel von der Gedenkstätte Jad Vaschem auf Schmid hingewiesen worden. Schon 1967 hatten die Israelis den Feldwebel mit der hohen Ehrung "Gerechter unter den Völkern" ausgezeichnet.

Rau und Scharping nahmen die Anregung dankbar auf. Denn um die Jahrtausendwende schien die Zeit gekommen, bei der Traditionspflege in der Bundeswehr endlich reinen Tisch zu machen. So kündigte im Januar 1999 der damalige Kulturstaatsminister Michael Naumann ( SPD ), während einer Fernsehrunde auf die noch immer nach Hitlers Militärs benannten Kasernen angesprochen, vollmundig an: "Das ändern wir jetzt. Das schwör ich Ihnen. In zwei Jahren finden Sie keine mehr!" Und Scharping selbst bekannte in seiner Rede zum 20. Juli 1999: Die Zivilisten und Soldaten, die in der NS-Zeit "den Mut und die Zivilcourage hatten, sich gegen den Strom zu stellen und die Menschenwürde zu verteidigen, sind die Lichtpunkte in einer düsteren Zeit".

Scharping ließ sondieren, welche Kaserne geeignet sein könnte, den Namen Schmids zu erhalten. Doch er hatte die Rechnung ohne die Offiziere gemacht. Denn sofort gab es Widerstand gegen den Widerständler. Die Verantwortlichen dreier Standorte der Bundeswehr, nämlich Weiden in der Oberpfalz mit der Ostmark-Kaserne, Delitzsch in Sachsen mit der Feldwebel-Boldt-Kaserne und Münster in Westfalen mit der Lützow-Kaserne, sträubten sich erfolgreich gegen den neuen Namen.

So fiel der Blick auf das schleswig-holsteinische Rendsburg und die dortige Rüdel-Kaserne, in der die Heeresflugabwehr untergebracht war. Eigentlich hätte ein grenznaher Standort in Bayern mehr Sinn gehabt, stammte Schmid doch aus Österreich. Aber Bayern hatte gerade erst, 1995, einen siebenjährigen Kampf um die Generaloberst-Dietl-Kaserne in Füssen hinter sich. In diesem Fall war der öffentliche Druck auf das Verteidigungsministerium – damals noch unter Scharpings Vorgänger Volker Rühe ( CDU ) – so groß geworden, dass es den Namen des fanatischen Hitler-Getreuen Dietl endlich gelöscht hatte. Umso inniger hing und hängt man hier bis heute an dem Nazigeneral und Judenhetzer Rudolf Konrad, nach dem die Kaserne in Bad Reichenhall benannt ist.

Auch in Rendsburg stieß die Idee des Ministers auf wenig Gegenliebe. Nach einer Umfrage des Personalrats im April 2000 unter den 1.200 Soldaten und 200 Zivilbeschäftigten der Rüdel-Kaserne wünschten fast 60 Prozent der Befragten keine Umbenennung, und nur 5,4 Prozent votierten für Anton Schmid. 22,6 Prozent wollten gar zurück zu dem Namen aus dem "Dritten Reich", den die Liegenschaft bis 1964 getragen hatte: Flugabwehr-Kaserne oder Flak-Kaserne.

"Ich habe doch nur als Mensch gehandelt"

Scharping stand nun vor einer schwierigen Situation. Nach einer Beratung mit dem Inspekteur des Heeres, General Helmut Willmann, dem Kommandeur der Rendsburger Flugabwehrschule, Brigadegeneral Udo Beitzel, und dem Bürgermeister der Stadt Rendsburg, Rolf Teucher, entschied er sich dennoch für die Umbenennung. Am 8. Mai 2000 erhielt die Kaserne den Namen Feldwebel-Schmid-Kaserne und eine Gedenktafel aus Messing, die an Schmid erinnern sollte.

Die Soldaten ließen es über sich ergehen. Viele blieben ganz einfach beim alten Namen und sprachen weiterhin von der Rüdel-Kaserne. Als der engagierte ehemalige Rendsburger Pastor Helmut Homfeld 2002, zu Schmids 60. Todestag, anregte, mit einer kleinen Feier diesen mutigen Mann zu würdigen, kam aus der Bundeswehr keine Resonanz.

Stattdessen wurde ein Jahr später in einer seltsamen, nicht öffentlichen Zeremonie, der auch die Tochter Rüdels beiwohnte, wie zum Hohn das Rendsburger Offizierskasino nach dem General (zurück)benannt. Die Offiziere zeigten sich jetzt sehr engagiert und gaben sich alle Mühe, die Erinnerung an den von ihnen so hoch geschätzten NS-Militär mit einem Porträtfoto und Texten zur Biografie ansprechend zu gestalten.

Da mag es kaum verwundern, auf welche Weise die Rendsburger Kaserne 2006 wieder für internationale Schlagzeilen sorgte, diesmal allerdings für ausgesprochen negative. Im Internet nämlich war ein Video aufgetaucht , das einen Rendsburger Ausbilder zeigte – einen Fahnenjunker, also Offiziersanwärter –, der den jungen Wehrdienstleistenden befahl, sie sollten sich als Gegner farbige Amerikaner vorstellen, mit dem Maschinengewehr auf sie feuern und dabei "Motherfucker! Motherfucker!" brüllen.

Vor zwei Jahren wurde die Rendsburger Kaserne im Zuge der Bundeswehrverkleinerung geschlossen und die Liegenschaft zum Verkauf angeboten. Damit verschwand auch die Erinnerung an Anton Schmid. Da es der Bundeswehr wohl zu peinlich war, sie gleich ganz zu entsorgen, wanderte sie weiter zum neu aufgestellten Ausbildungszentrum der Heeresflugabwehrschule im niedersächsischen Munster: Ein bisher namenloses Gebäude auf dem Gelände heißt nun Feldwebel-Schmid-Haus.

Doch auch die Heeresflugabwehr in Munster wird in diesem Jahr aufgelöst. Und noch einmal soll die Erinnerung an Anton Schmid weiterwandern – diesmal nach Panker-Todendorf in Schleswig-Holstein, ein Weiler, direkt an der Ostseeküste. Hier gibt es einen kleinen Flugabwehrschießplatz mit einem halb vergessenen Lehrsaalgebäude, das nun den Namen Schmids tragen soll. Und die Verantwortlichen haben schon über Todendorf hinausgedacht: Wird auch dieser Schießplatz aufgelöst, was abzusehen ist, so soll Anton Schmid endgültig aus dem Traditionsgedächtnis der Bundeswehr getilgt und die Rendsburger Messingtafel zur Erinnerung an ihn dem gerade neu gestalteten Militärhistorischen Museum in Dresden überlassen werden. Eine Anfrage von dort liegt bereits vor.

Rendsburg, Munster, Todendorf und schließlich das Museum in Dresden: Diese Geschichte zeigt klarer als jede langatmige Analyse, wie es um das Traditionsverständnis der Bundeswehr im Jahr 2012 tatsächlich bestellt ist. Und so darf sehr bezweifelt werden, dass es noch jemanden in unserer Armee gibt, der am 13. April des tapferen Feldwebels gedenken wird. An diesem Tag vor genau 70 Jahren wurde Schmid in Wilna von einem Exekutionskommando der Wehrmacht erschossen. Im Abschiedsbrief an seine Frau hatte er geschrieben: "Ich habe doch nur als Mensch gehandelt." Aber vielleicht ist es genau das, was die Bundeswehr an ihm stört: dass er als Mensch gehandelt hat und nicht als ein Soldat, der blind gehorcht.