Scharping stand nun vor einer schwierigen Situation. Nach einer Beratung mit dem Inspekteur des Heeres, General Helmut Willmann, dem Kommandeur der Rendsburger Flugabwehrschule, Brigadegeneral Udo Beitzel, und dem Bürgermeister der Stadt Rendsburg, Rolf Teucher, entschied er sich dennoch für die Umbenennung. Am 8. Mai 2000 erhielt die Kaserne den Namen Feldwebel-Schmid-Kaserne und eine Gedenktafel aus Messing, die an Schmid erinnern sollte.

Die Soldaten ließen es über sich ergehen. Viele blieben ganz einfach beim alten Namen und sprachen weiterhin von der Rüdel-Kaserne. Als der engagierte ehemalige Rendsburger Pastor Helmut Homfeld 2002, zu Schmids 60. Todestag, anregte, mit einer kleinen Feier diesen mutigen Mann zu würdigen, kam aus der Bundeswehr keine Resonanz.

Stattdessen wurde ein Jahr später in einer seltsamen, nicht öffentlichen Zeremonie, der auch die Tochter Rüdels beiwohnte, wie zum Hohn das Rendsburger Offizierskasino nach dem General (zurück)benannt. Die Offiziere zeigten sich jetzt sehr engagiert und gaben sich alle Mühe, die Erinnerung an den von ihnen so hoch geschätzten NS-Militär mit einem Porträtfoto und Texten zur Biografie ansprechend zu gestalten.

Da mag es kaum verwundern, auf welche Weise die Rendsburger Kaserne 2006 wieder für internationale Schlagzeilen sorgte, diesmal allerdings für ausgesprochen negative. Im Internet nämlich war ein Video aufgetaucht , das einen Rendsburger Ausbilder zeigte – einen Fahnenjunker, also Offiziersanwärter –, der den jungen Wehrdienstleistenden befahl, sie sollten sich als Gegner farbige Amerikaner vorstellen, mit dem Maschinengewehr auf sie feuern und dabei "Motherfucker! Motherfucker!" brüllen.

Vor zwei Jahren wurde die Rendsburger Kaserne im Zuge der Bundeswehrverkleinerung geschlossen und die Liegenschaft zum Verkauf angeboten. Damit verschwand auch die Erinnerung an Anton Schmid. Da es der Bundeswehr wohl zu peinlich war, sie gleich ganz zu entsorgen, wanderte sie weiter zum neu aufgestellten Ausbildungszentrum der Heeresflugabwehrschule im niedersächsischen Munster: Ein bisher namenloses Gebäude auf dem Gelände heißt nun Feldwebel-Schmid-Haus.

Doch auch die Heeresflugabwehr in Munster wird in diesem Jahr aufgelöst. Und noch einmal soll die Erinnerung an Anton Schmid weiterwandern – diesmal nach Panker-Todendorf in Schleswig-Holstein, ein Weiler, direkt an der Ostseeküste. Hier gibt es einen kleinen Flugabwehrschießplatz mit einem halb vergessenen Lehrsaalgebäude, das nun den Namen Schmids tragen soll. Und die Verantwortlichen haben schon über Todendorf hinausgedacht: Wird auch dieser Schießplatz aufgelöst, was abzusehen ist, so soll Anton Schmid endgültig aus dem Traditionsgedächtnis der Bundeswehr getilgt und die Rendsburger Messingtafel zur Erinnerung an ihn dem gerade neu gestalteten Militärhistorischen Museum in Dresden überlassen werden. Eine Anfrage von dort liegt bereits vor.

Rendsburg, Munster, Todendorf und schließlich das Museum in Dresden: Diese Geschichte zeigt klarer als jede langatmige Analyse, wie es um das Traditionsverständnis der Bundeswehr im Jahr 2012 tatsächlich bestellt ist. Und so darf sehr bezweifelt werden, dass es noch jemanden in unserer Armee gibt, der am 13. April des tapferen Feldwebels gedenken wird. An diesem Tag vor genau 70 Jahren wurde Schmid in Wilna von einem Exekutionskommando der Wehrmacht erschossen. Im Abschiedsbrief an seine Frau hatte er geschrieben: "Ich habe doch nur als Mensch gehandelt." Aber vielleicht ist es genau das, was die Bundeswehr an ihm stört: dass er als Mensch gehandelt hat und nicht als ein Soldat, der blind gehorcht.