Clara Immerwahr war eine ausgezeichnete Doktorandin – und dennoch hatte sie keine Chance. Mit 30 Jahren promovierte die Chemikerin mit magna cum laude . Ein Jahr später heiratete sie, ein weiteres Jahr darauf bekam sie einen Sohn. Damit endete ihre wissenschaftliche Karriere.

Das war im Jahr 1900. Clara Immerwahr erhielt damals als erste Frau der Universität Breslau für ihre physikalisch-chemische Arbeit die Doktorwürde. Als Frau Wissenschaft zu betreiben war im deutschen Kaiserreich ungewöhnlich. Als Mutter und Ehefrau war es unmöglich.

Mehr als hundert Jahre später bevölkern Frauen ganz selbstverständlich die Universitäten. Aktuell sind 48 Prozent der Studenten weiblich. Hochschulen und Forschungsinstitute buhlen mit Mentoringprogrammen und Kinderbetreuung um fähigen weiblichen Nachwuchs. Doch bis nach ganz oben schaffen es nur wenige : Gerade mal 19 Prozent der Professuren sind mit einer Frau besetzt.

Ein Grund für diesen Mangel: Frauen bekommen Kinder – und scheitern danach oft an der Doppelbelastung. Das weiß auch die Biologin Christiane Nüsslein-Volhard . Oft genug hat sie gesehen, dass aussichtsreiche Wissenschaftlerinnen ihre Karriere bremsten oder gar stoppten, um sich um Kind und Heim zu kümmern. Die 69-Jährige leitet seit vielen Jahren eine Abteilung des Max-Planck-Instituts in Tübingen und erhielt 1995 für ihre Forschung als bislang einzige deutsche Frau einen Nobelpreis. Sie ist kinderlos geblieben und hat das nie bedauert. Von Kolleginnen weiß sie aber, wie schwierig es sein kann, Familie und Forschung unter einen Hut zu bekommen. 2004 gründete sie deshalb eine Stiftung, die begabte Wissenschaftlerinnen mit Kind durch einen Zuschuss für Kinderbetreuung und Haushaltshilfe unterstützt. "Es ist sinnvoll, wenn Akademikerinnen früh Kinder bekommen, denn in der Studien- und Promotionszeit sind sie flexibel", sagt Nüsslein-Volhard.

13 junge Frauen erhalten von der Stiftung derzeit 400 Euro im Monat. Es sind Frauen wie Anna Dovern, 29. Wenige Wochen nach dem Abitur ist sie Mutter geworden, hat in Maastricht Psychologie studiert, sich vom Kindsvater getrennt, den Master in Neuropsychologie abgelegt und schließt derzeit ihre Promotion am Institut für Neurowissenschaften und Medizin im Forschungszentrum Jülich ab.

Das Geld geht direkt in die Kinderbetreuung

Für die Doktorarbeit beschäftigte sie sich fast drei Jahre lang mit Schlaganfallpatienten, die unter schweren Bewegungsstörungen leiden. Dovern zeigt das Video einer Patientin, die einen Locher in den Händen dreht, ohne zu wissen, was sie mit dem Ding anfangen soll. Die Psychologin versucht herauszufinden, wie die Patienten ihre motorischen Fähigkeiten wieder erlernen können. Anhand von Kernspintomografien analysierte sie, was nach dem Schlaganfall und beim Lernen im Gehirn stattfindet. Stolz erzählt sie, dass ihre Studie bereits im renommierten Journal of Neuroscience publiziert wurde. 60 Patienten hat sie dafür an Kliniken in Bonn und Köln über ein Jahr getestet. "Zeitlich musste ich mich nach den Patienten richten, konnte sie oft erst abends treffen. So musste ich die Betreuung von Julian jeden Tag neu planen", erzählt Dovern. Geholfen hat ihr die zweijährige Unterstützung durch die Christiane Nüsslein-Volhard-Stiftung . "Von dem Geld habe ich mir eine Spülmaschine gekauft, und ich konnte zusätzliche Kinderbetreuung bezahlen", sagt sie.

Anna Dovern ist sicher, dass sie die Promotion auch ohne diese Hilfe geschafft hätte. Aber sie habe ihr zeitliche Freiräume für ihre Forschung geschenkt. Da ihre Eltern und Julians Vater in Aachen wohnen, wird sie dort wohnen bleiben, trotz ihres Dreijahresvertrags an der Kölner Universitätsklinik im Fachbereich Neurologie. "Als Wissenschaftlerin kann ich meine Zeit frei einteilen", sagt sie. Sich zu motivieren falle ihr nicht schwer. "Ich will mehr über das Gehirn wissen und finde es extrem spannend, wenn ich auf neue Erkenntnisse stoße." Um sich in der Forschung zu etablieren, muss Dovern habilitieren. "Ein Jahr in England zu forschen, könnte ich mir auch mit Kind vorstellen", sagt sie.

So rosig das alles auch klingen mag: Der Wissenschaftsbetrieb kann hart sein. Üblich sind befristete, mäßig bezahlte Arbeitsverträge , gleichzeitig wird den Frauen einiges abverlangt: möglichst viele Veröffentlichungen, Konferenzbesuche, Bewerbungen um Drittmittel – und all das in einer Zeit, in der für viele eine Familiengründung infrage kommt.

Gerade in den technischen Wissenschaften gewinnen die Frauen erst langsam Terrain. Als sich Veronika Hähnel während des Studiums der Werkstoffwissenschaft um ein Betriebspraktikum bewarb, sagten ihr zwei metallverarbeitende Firmen ab: Sie hätten keinen Umkleideraum für Frauen. Während ihres Praktikums in einem Industriebetrieb war sie die einzige Frau im Team. Seit 2009 promoviert die 28-Jährige über den Formgedächtniseffekt von Nanodrähten am Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden.

Auch hier sind Frauen in der Minderheit. Doch Hähnel meint: "Jammern hilft nicht. Es kann nur klappen, wenn ich mich anstrenge." Vor 18 Monaten ist sie Mutter geworden, aber das hat ihren Forscherdrang nicht gebremst. "Ich kann meine Zeit selbst einteilen, und über den Computer habe ich zu Hause Zugriff auf die Daten", sagt sie. Diese Freiheit bringt auch Nachtschichten mit sich – Versuchsreihen halten sich nicht an normale Arbeitszeiten. Bald stellt Hähnel eine Haushaltshilfe ein, dank der Nüsslein-Volhard-Stiftung . Sie will in der Wissenschaft Karriere machen. Mut geben ihr Frauen, die es geschafft haben, auch mit Kindern: "Warum sollte ich das nicht auch hinkriegen?"

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