Schweizer PiratenparteiEin Pirat ohne Beute

Der neue Präsident der Schweizer Piratenpartei will ähnliche Erfolge feiern wie seine deutschen Kollegen. Geht das? von Dennis Bühler

Thomas Bruderer, Vorstand der Piratenpartei Schweiz

Thomas Bruderer, Vorstand der Piratenpartei Schweiz  |  © Désirée Good für DIE ZEIT

Ort der Handlung ist ein schmuckloses Restaurant gleich neben den Geleisen des Bahnhofs Winterthur. Thomas Bruderer sitzt inmitten seiner dunkel gekleideten Mitstreiter, trinkt Eistee und isst Pizza. Es ist ein kalter, windiger Abend Mitte Oktober 2011, der letzte Piratenstammtisch vor den Schweizer Parlamentswahlen. Noch ist Bruderer nur die kantonale Nummer zwei der Piratenpartei, auf der Nationalratsliste gleich hinter dem Spitzenkandidaten aufgeführt. Und doch hat Bruderer Angst, er könnte gewählt werden. »So war das nie geplant«, sagt er. Das Amt eines Nationalrats würde sein Leben mehr auf den Kopf stellen, als ihm lieb wäre.

Lange hatte im Wahlherbst kein Mensch von den Piraten gesprochen, doch auf einmal war alles anders. In Berlin hatte die Piratenpartei mit sensationellen 8,9 Prozent den Sprung ins Landesparlament geschafft. Die Schweizer Piraten waren überzeugt, die Euphorie schwappe vom nördlichen Nachbar über. Der Wahlsonntag aber geriet zur Enttäuschung. Im Kanton Zürich erhielt die Piratenpartei gerade mal 0,86 Prozent der Stimmen, und auch in Bern misslang der Einzug ins Parlament, den sogar Politologen für möglich gehalten hatten. Aber Thomas Bruderer konnte wieder ruhig schlafen.

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Seit knapp zwei Wochen steht der 30-jährige Softwareingenieur nun der Piratenpartei Schweiz vor. Und wieder hoffen die Seeräuber, von den Erfolgen der deutschen Schwesterpartei profitieren zu können. Im Saarland ist sie Ende März in den Landtag eingezogen, Umfragen prognostizieren ihr selbiges in der ersten Maihälfte auch in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Die deutschen Piraten sind auf bestem Wege, den etablierten Parteien das Fürchten zu lehren. Würde der Bundestag schon heute und nicht erst im Herbst 2013 bestellt, erhielten die Piraten gut zehn Prozent der Stimmen – mehr als die Linke, fast so viel wie die Grünen. Werte, die Bruderer auch in der Schweiz für realistisch hält, habe im vergangenen Herbst im Kanton Zürich doch jeder zehnte Wähler wenigstens einen Piraten auf seine Liste panaschiert. Bei den Nationalratswahlen 2015 will er mindestens zwei Sitze, je einen in den Kantonen Zürich und Bern. »Verfehlen wir dieses Ziel«, sagt Bruderer, »müssen wir uns fragen, ob wir als Partei relevant sind oder ob diese ganze Zeit nicht doch verschwendet war.«

Zwanzig Stunden pro Woche wendet er für Parteiarbeit auf, E-Mails beantwortet er schon mal an einem Montagmorgen um halb vier. Seit er bei der Parteiversammlung in Visperterminen zum Präsidenten gekürt worden ist, steht er vermehrt im Fokus der Öffentlichkeit. Auf Twitter folgen ihm nun immer mehr Leute, er bloggt regelmäßig, auf der Homepage der Partei wird er seine Telefonnummer angeben müssen, um keine Presseanfragen zu versäumen. Die Piraten fordern Transparenz, und Bruderer schreitet voran. Ohne Umschweife sagt er, wie viel Miete er für seine Wohnung in Zürich-Seebach bezahlt: monatlich 1.680 Franken. Er erzählt, dass er mit neun Jahren seinen ersten Computer besaß, in Ordnern Informationen über Star Trek sammelt und es seit je sein größter Wunsch ist, ins All zu fliegen. Und er bekennt, dass er während seines Studiums gamesüchtig war. Mit Gleichgesinnten spielte er tage- und nächtelang ein virtuelles Ego-Shooter-Game.

Ein Abend Ende März, der designierte Präsident besucht wenige Tage vor seinem Amtsantritt die Generalversammlung der Zürcher Sektion. Im kargen Büroraum der ETH an der Stampfenbachstraße ist kaum genug Platz für die zwei Dutzend Piraten. Fast alle sind dunkel gekleidet, einer trägt einen langen schwarzen Mantel und einen Dreispitz auf dem Kopf, ein Kostüm des 18. Jahrhunderts. Nur zwei Frauen sind gekommen. Bruderer hält sich im Hintergrund, und doch wird sein Führungsanspruch deutlich. Jedem Vorstandskandidaten stellt er Fragen, um Fähigkeiten und Motivation zu erfahren, einmal moniert er ein zu lasches Abstimmungsprozedere, zum Schluss hält er eine Rede. Nur ganz kurz, schließlich habe man schon lange genug ausgeharrt. Während der gut vierstündigen Versammlung sprachen die Piraten über Strukturen, sie diskutierten lange über eine Statutenänderung, sie verweigerten dem Vorstand wegen ungenauer Buchführung die Decharge. Für inhaltliche Debatten blieb keine Zeit. »Wir waren bisher eine richtungslose Partei«, sagt Bruderer. »Noch wissen viele nicht, wo sie uns politisch zu verorten haben. Auch wir selbst kennen unseren politischen Kompass noch nicht im Detail.« Bei zu vielen Themen gehen die parteiinternen Meinungen weit auseinander, der Weg zum Vollprogramm ist noch lang. Um Kompromisse zu ermöglichen, werden wichtige Fragen ausgespart. Müsste sich die Partei etwa für oder gegen einen EU-Beitritt entscheiden, führte dies wohl zur Spaltung, sagt Bruderer.

Leserkommentare
  1. ...kaum Piraten. Sollen die Schweizer doch froh sein, dass die Piraten im großen Stil nicht erforderlich sind.

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