GrundeinkommenAusgearbeitet?

Ein Grundeinkommen für alle Schweizer fordert eine Volksinitiative. Eine schlechte Idee

Die Idee ist einfach. Und sie leuchtet ein. Besonders, wenn sie Daniel Straub erklärt. 2.500 Franken im Monat soll jede Schweizerin, jeder Schweizer erhalten. Bedingungslos. Egal, ob er arbeitet oder nicht. Der 45-Jährige mit kurz geschorenem grauem Haar und Bart zeichnet auf einem gefalteten Stück Makulaturpapier mit schnellem Strich ein Diagramm: X-Achse, Y-Achse, dann zwei Kurven. Die eine stetig steigend, die andere schnell abflachend. »Das ist das Bruttoinlandprodukt der Schweiz«, sagt Straub und zeigt auf die steigende Kurve. »Und das«, sagt Straub, »das ist unsere Zufriedenheit. Seit den sechziger Jahren ist die Kurve flach. Wir werden trotz steigendem Wohlstand nicht glücklicher.«

So kann es nicht weitergehen, findet Straub, der Ökonom und Psychologe, der bei IBM arbeitete, IKRK-Delegierter war und schließlich eine Montessori-Schule leitete. Der Produktivitätsdruck, der Stress würden die Menschen zerschleißen. »Sie werden nicht zufriedener, wenn sie noch mehr besitzen, sondern nur, wenn sie mehr Sinn sehen in dem, was sie machen.«

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Deshalb lanciert Straub mit Gleichgesinnten, darunter der ehemalige Bundesratssprecher Oswald Sigg, die Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die Unterschriftensammlung beginnt nächste Woche.

»Ein Grundeinkommen ist wie die Abschaffung der Sklaverei«

In einer kleinen, verwinkelten Altstadtwohnung an der Augustinergasse, wo Zürich am lauschig-sten ist, haben sich die Grundeinkommensaktivisten eingerichtet. Vis-à-vis am Tisch von Daniel Straub sitzt Christian Müller, 31 Jahre alt, mit Strubbelfrisur und Wollpullover. Von ihrer Denkerstube aus wollen die beiden die Schweiz befreien, wie sie in ihrem programmatischen Büchlein Über das bedingungslose Grundeinkommen schreiben. Und das mit lediglich ein paar Zeilen in der Bundesverfassung.

Wie das funktionieren soll? Mit einem radikalen Systemwechsel.

Denn das Grundeinkommen erhalten alle Schweizer, nicht nur die Bedürftigen. Doch mehr verdienen wird in Zukunft aber fast niemand. Das Grundeinkommen wird Bestandteil des Einkommens. Es ist eine Art Grundsockel, auf den der Lohn drauf geschlagen wird. Wer vorher 6.000 Franken verdient, kriegt neu 2.500 Franken Grundeinkommen und 3.500 Franken Lohn. Dadurch sinken die Lohnkosten stark, sie werden durch das Grundeinkommen subventioniert. Steigen werden hingegen die niedrigen Einkommen: Wer Drecksarbeit erledigt, wird sich künftig zweimal überlegen, ob sich das lohnt. Mehr im Portemonnaie hat auch, wer heute weniger als 2.500 Franken im Monat verdient. Daniel Straub sagt: »Das Grundeinkommen wäre ein Entwicklungsschritt für die Menschheit, vergleichbar mit der Abschaffung der Sklaverei.« Straub und sein Kompagnon Müller sind nicht die ersten, die mit der Einführung eines Grundeinkommens liebäugeln. Die Idee ist mehrere Hundert Jahre alt. In Deutschland hat sie mit Götz Werner, dem Milliardär und Gründer der Drogeriekette dm, einen potenten Fürsprecher. In Basel weibelt der Kaffeehausbesitzer Daniel Häni mit seinem Unternehmen Mitte seit Jahren für die Idee; er sitzt auch im Initiativkomitee. Und als die Grundeinkommensaktivisten vor einem Jahr zu einem großen Symposium ins Zürcher Kongresshaus luden, zeigten sich bekannte Ökonomen wie Klaus Wellershof, der ehemalige Chefanalyst der UBS, und Thomas Straubhaar vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut angetan von der Idee. Sie schwärmten vor den 600 Zuhörern über diese »urliberale Idee«, welche die Defizite unseres Sozialsystems »auf einen Schlag« beseitigen würde. Die Bürokraten auf den Arbeitsämtern, die Bevormundung durch die staatlich besoldeten Sozialarbeiter: weg damit! Applaus brandete durch Saal.

Altes Anliegen

Der Erste war Thomas Morus. In seinem Buch Utopia von 1516 schlug der englische Humanist vor, allen Menschen den Lebensunterhalt zu bezahlen. Damit wollte er den Dieben das Handwerk legen.

1797 publizierte der Aufklärer Thomas Paine, einer der amerikanischen Gründerväter, seine Kampfschrift Agrarian Justice. Wer Land besitze, der solle dem Staat Steuern entrichten. Damit wollte Paine eine Altersvorsorge und ein Grundeinkommen für alle Erwachsenen finanzieren.

Im 20. Jahrhundert durchlebte die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens zahlreiche Aufmerksamkeitszyklen – in den unterschiedlichsten politischen Lagern. Der linke Sozialpsychologe Erich Fromm wollte den Menschen vom Arbeitszwang befreien. Für die Chicago boys um den Ökonomen Milton Friedman bot ein Grundeinkommen die Möglichkeit, den verhassten Sozialstaat massiv zurückzustutze.

Bis dahin war die Diskussion ein Glasperlenspiel. Es ging um Denkanstöße, um die Freude an der Schönheit einer simplen Formel. Was das Grundeinkommen in der Realität bedeutet, interessierte kaum.

Das ändert sich nun. Wer in der Schweiz eine Volksinitiative einreicht, sucht die konkrete Veränderung. Er muss die Konsequenzen mitdenken – die gewünschten wie die ungewollten.

Leserkommentare
  1. Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens wird sich durchsetzen, nicht nur in der Schweiz.
    Wozu sklavisches Festhalten an Wachstumsdoktrin und (vermeintlich sozialer) Marktwirtschaft seit Beginn der Industrialisierung geführt haben, kann man an vergifteter Umwelt und in Elendsquartieren (nicht nur) in der dritten Welt sehen.
    Die Zeit für einen ökonomischen Paradigmenwechsel ist nicht nur gekommen, er ist längst überfällig.
    In der Diskussion um die Einführung eines Grundeinkommens fällt immer wieder der Begriff "Kulturimpuls". Leider wird er im vorliegenden Artikel nicht erwähnt. Dass ein Grundeinkommen nicht von heute auf morgen eingeführt werden kann, ist auch dem glühendsten Befürworter dieser Idee klar. Dass aber eine Diskussion über ein Grundeinkommen einen Kulturimpuls gibt, eine Diskussion anstösst darüber, wie wir zukünftig leben und wirtschaften wollen, ist richtig und wichtig.
    Wachsende Disparitäten zwischen arm und reich, schwindende Ressourcen, der Wegfall von Arbeit durch Automatisierung und Rationalisierung, Arbeitsteilung in einer globalisierten Welt machen die Diskussion über das Grundeinkommen zu dem, was es in der Tat ist: eine gute Idee!

    Eine Leserempfehlung
  2. NIFT = bGE * (FamilienEinkommen/ProKopfEinkommen - Familienköpfe)

    NIFT ist die negative Einkommensteuer
    bGE ist das bedingungslose Grundeinkommen
    FamilienEinkommen/ProKopfEinkommen ist die Sollfamiliengröße zum Einkommen
    Familienköpfe ist die reale Familiengröße

    Dafür braucht man keinen Systemwechsel, jeder zahlt einen Steuersatz von bGE zu ProKopfEinkommen auf sein Einkommen, jeder bekommt dafür bGE (für die Familie)

    So sähe das in D aus :
    http://www.flickr.com/pho...

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