GeschlechterverhältnisDas verteufelte Geschlecht

Wie wir gelernt haben, alles Männliche zu verachten. Und warum das auch den Frauen schadet. Ein Essay von Christoph Kucklick

Wachsfigur des Schauspielers Marlon Brando

Wachsfigur des Schauspielers Marlon Brando  |  © Gabriel Bouys/AFP/Getty Images

Gleich zu Beginn der Finanzkrise sah das Magazin der Süddeutschen Zeitung, wie sich ein unheimlicher Penis der Zerstörung erhob. Neben dem Foto eines erigierten Büroturms und unter der moralstickigen Überschrift Hochmut kommt vor dem Phall schrieb das Blatt: »Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.« Um in Klammern und kokett hinzuzufügen: »Im Ernst: Wäre Frauen der ganze Mist passiert?«

Die einzig sinnvolle Antwort »Klar, warum denn nicht?« fiel dem Autor nicht ein. Stattdessen raunte er von der Gier, dem Machthunger, der Gewissenlosigkeit und dem Egoismus der Männer, genauer: der »Herde von Männern«, um das Animalische im Manne auch gebührend zu entlarven. Unklar blieb allerdings, ob der männliche Redakteur damit auch eine Selbstbeschreibung lieferte und was das für seinen Text bedeutete: tierisch gut, tierisch schlecht, tierisch blöd?

Anzeige

Er wähnte sich wohl in bester Gesellschaft, denn etwa zur gleichen Zeit deutete der Trendforscher Matthias Horx die Finanzmalaise zur »Testosteron-Krise« um. Vermutlich unabhängig davon gelobte die nach dem Bankencrash gewählte isländische Premierministerin Jóhanna Sigurðardóttir, das »Zeitalter des Testosterons« zu beenden. Das wiederum dürfte die Financial Times Deutschland begrüßt haben, schrieb sie doch unter der Überschrift Ausputzfrauen ohne Umschweife: »Frauen sind die besseren Finanzexperten. (...) Nun sollen sie die Trümmer der Männer wegräumen – und mit ihrem Gespür für Risiken den nächsten Absturz verhindern.«

Christoph Kucklick

Autor in Berlin, hat über das negative Männerbild promoviert. Sein Buch Das unmoralische Geschlecht ist im Suhrkamp Verlag erschienen

Die Welt war wieder heile, also eigentlich kaputt. Kriegstreiber und Trümmerfrauen, die Männer reißen ein, die Frauen bauen auf, Testosteron zerstört, Östrogen heilt.

Man würde vermutlich unnötig strenge Maßstäbe anlegen, verlangte man eine halbwegs plausible Erklärung dafür, warum der schwankende Testosteronspiegel einer Männerpopulation sich auf die internationale Finanzwelt auswirken soll: etwa auf die globalen Ungleichgewichte von Handelsströmen und Zahlungsbilanzen oder auf das Kleingeschriebene der Euro-Verträge, die erst mit einem Jahrzehnt Verzögerung ihre Fatalität offenbaren.

Ach, da solle man nicht kleinlich sein? Es reiche doch schon der Hinweis, dass vor allem Männer als Banker arbeiten. Klar: Und so viele Kinder scheitern bereits in der Grundschule, weil dort überwiegend Frauen unterrichten...

Also noch mal: Worum geht es? Welchen Erkenntniswert erhoffen sich die Autoren, wenn sie die Finanzkrise und die meisten anderen Krisen unserer Welt – Hormone hin oder her – den Männern in die Schuhe schieben? Was genau meinen sie damit?

Denn es dreht sich ja nicht nur um die Wirtschaftskrise. Als sich im vergangenen Jahr überwiegend Männer in Davos zum Elitegipfel trafen, legten sie, berauscht von der Höhenluft, ein Papier vor mit dem hoffnungsfrohen Titel: »Sechs globale Herausforderungen, eine Lösung: Frauen!« Feminine Linderung versprechen sie sich unter anderem bei Arbeitslosigkeit und Kriegen, in Fragen der Bildung und solchen der alternden Gesellschaft. Was im Umkehrschluss vermuten lässt: In diesen Fällen sind Männer das Problem, oder sie erzeugen es. 

Diese Diagnose würde wohl der ehemalige französische Außenminister Bernard Kouchner teilen, der 2008 in pompöser Schlichtheit konstatierte: »Fortschritt wird durch Frauen erzielt.« Dass Männer im Kontrast dazu als »Feinde der Menschheit« gelten müssen, hat sogar die ZEIT schon vor zehn Jahren getitelt. 

Man kann aus solchen Erkenntnissen auf verschiedene Weise Profit schlagen: mit brachialer Rhetorik wie die schwedische Politikerin Ireen von Wachenfeldt, die in hinreißender Offenheit befand: »Männer sind Tiere« – was die Feministische Partei Schwedens mit der Forderung nach einer »Männer-Steuer« begleitete. Oder indem man die Paranoia pflegt wie die Innsbrucker Politik-Professorin Claudia von Werlhof, die Männer verdächtigt, im Rahmen des »kapitalistischen Patriarchats« das verheerende Erdbeben von Haiti ausgelöst zu haben – weil sie den naturfeindlichen Männern auch bizarrste geologische Experimente zutraut. Oder indem man sich dem Mainstream der Gesellschaft andient, wie im aktuellen Grundsatzprogramm der SPD, das unter Kapitel 3.4 fordert: »Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.«

Leserkommentare
  1. ... aufgefallen dass, egal wie sehr ich mich anstrenge, mir bis zurück in die 90er Jahre kein Werbespot einfällt in dem nicht der Kerl in irgendeiner Form der Dämliche/Doofe ist. Der letzte wirklich coole Hund, der Marlboro-Mann, ist ja dann auch noch verboten worden.

    Mann stelle sich vor dass wäre die mediale Darstellung von Frauen, was wäre das Geschrei gross!

    Vielleicht schauen Ja deswegen so viele Männer Frauenverachtende Pornos - aus Trotz.

    39 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    dann als Sexhäschen rumhoppeln und die aufgepeppten Lippen zum Schmollmund formen.

    Vorurteil dein Name ist Mensch!!

    Im Großen und Ganzen gibt es Deppen in jeder Fraktion.
    So ist der Mensch eben.

    Das Problem sind die Männercliquen die unter sich bleiben wollen und keine Frauen dabei haben wollen wenn sie kungeln.
    Egal obs in der Wirtschaft oder in der Religion ist.

    Da frage ich mich schon, welches Frauenbild viele Männer denn so haben.Und woher das stammt?

    Und wenn sie sich dann so benehmen, wie sie sich benehmen, dann müssen sie sich nicht wundern wenn man verachtet.

    Allerdings finde ich es witzig, da auch die Zeitungen und die Medien zum großen Teil von Männern gesteuert werden, wie dieses Bild über "die" Männer zustande kommt??
    Ist das miesmachen von Konkurrenten?

    Im übrigen dürfen wir Frauen uns auch an die eigene Nase packen: Wie unsere Söhne erzogen werden, ja doch meist von Frauen, und wie die gewindelt und bekocht werden und wie ihnen oft der A... nachgetragen wird. Aber dann wundern, warum man im Leben auf so merkwürdige Männer trifft.

    Die nicht mal eine Waschmaschine bedienen können ( wollen) aber immer alles besser wissen und sich in der Hochfinanz und der Politik und im Fußball und überhaupt auskennen.

    Und es gibt selten Männer die über sich lachen können. Die meisten reagieren äusserst pikiert wenn man mal einen Witz auf ihre Kosten macht.

    Ich sags Vorurteile wo man geht und steht .

    Dann lache ich doch gleich mal herzhaft. Es gibt auch Frauen, die gerne Pornos sehen. Und manche drehen auch selbst gerne welche. Sie würden sich wundern.

    P.S. Guter Artikel

    Sehr merkwürdiger Kommentar. Werbung ist wesentlich öfter Frauenfeindlich als männerfeindlich. Ich sage nur 'Verona' und Kik, um ein ganz bekanntes Bespiel zu nennen. Ich sehe nicht, was z.B. an Männerdeowerbung männerfeindlich ist. Außer natürlich, dass darin super aussehende Männer vorkommen, was die anderen Männer nur schwer verkraften können, wie ich schon oft festgestellt habe. Dass Frauen im Fernsehen immer super aussehen müssen, ist ja selbstverständlich, aber Männer dürfen doch nicht schöner sein, als der Durchschnittszuschauer. Da muß mann sich zum Trost wirklich einen Porno reinziehebn, verstehe.

    Stimmt, Frauen werden in der Werbung vor allem als intelligent, pragmatisch und eher durchschnittlich attraktiv dargestellt, wenn sie für Finanzprodukte werben, während Männer in der Werbung überdurchschnittlich attraktiv sein müssen, weil sich ja immer leicht bekleidet oder in String-Tangas auf dem Herd oder der Tiefkühltruhe räkeln, um die weibliche Kundschaft anzusprechen oder in Hot Pants ihre Frauen von der Autovollkaskoversicherung zu überzeugen trachten.

    Schauen Sie sich mal die Werbung in den USA an. Dort wird der Mann ganz anders dargestellt. Dort darf er immer noch Macho und sexistisch sein. Glaube aber nicht, dass in den USA deswegen weniger Pornos konsumiert sind.

    Hass ist ein grosses Wort und wohl gewählt, scheint es mir. Hass finde ich selten, eher Ablehnung. Wenn man nun die Dinge, die schlecht laufen, und das tun sie?!, untersucht, ohne das männlein oder das weiblein zu strapazieren, gerät man an menschliche Eigenschaften. Eine wissenschaftliche Arbeit möchte neue Erkenntnisse schaffen. Und hier wird gleich mit einer These gearbeitet: Frauen hassen Männer. Das müsste doch belegt werden? Wie wird diese Aussage belegt. Man hat ein Forschungsobjekt und belegt die Aussage, die man trifft. Vielleicht wird es die Zeit bringen. Wenn wir in 10 Jahren 60 % weibliche Vorstände bei Banken und Industrie haben, dann kann man vergleichen. Und dann hätte man Material und Aussagen zu treffen. Weil ich selbst keine langen Texte mache ich hier schluss.

  2. mich regt er dazu an, aus der SPD auszutreten. Und die Diss werde ich mir auf jeden Fall kaufen.
    Die Frequenz, in der in letzter Zeit Artikel aus dieser Richtung erscheinen, macht doch Hoffnung auf eine aufgeklärtere und bessere Zukunft. Gerade, dass diese Tendenzen so weit zurückgehen und eigentlich gar nichts mit dem Feminismus zu tun haben, war für mich eine neue Erkenntnis. Auch das finde ich ermutigend - kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander ist notwendig, um die Emanzipation der Geschlechter voranzutreiben.
    Hoffentlich erkennt das auch das andere Geschlecht.

    48 Leserempfehlungen
    • Afa81
    • 16. April 2012 15:46 Uhr

    ...zu Gute heißen: Die meisten Frauen, die ich kenne sind eigenltlich recht schlaue Köpfe und können bei diesem übertriebenen Feminismusgequatsche auch nurnoch den Kopf schütteln.

    Nun, wenn einige von einem unersättlichen Bedürfnis geplagt sind, die Geschlechter nach Gut und Böse zu trennen - naja, wir haben hier Meinungsfreiheit - nur zu. Aber meine Erfahrung zeigt, dass das bei keinem der beiden Geschlechtern wirklich gut ankommt.

    Wieso findet man eigentlich jeden Artikel aus der Zeit wenige Tage später 1:1 auf Zeit-Online. Die 4 Euro kann man sich dann ja auch sparen ;-)

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    in den Sand und widersprechen nicht diesem Feminismusgequatsche? Wenn wir etwas dagegen sagen, dann heisst es doch wir wollen nur unsere Pfründe verteidigen.

    "... der Umgang mit Geschlechteridentität nur noch besteht im Zerstören angeblicher „Stereotype“, im Herunterziehen beider bis hin zu der Feststellung, dass beide gleichermaßen scheiße sind."

    Dabei weiss man, dass die Umerziehung eines Links- zum Rechtshänder gewaltige psychische Schäden hervorrufen kann.

    Da die Umerziehung eines Jungen zum Mädchen durch das Schlechtmachen des Männlichen wesentlich einschneidender in die Psyche eines Menschen eingreift, als die Dressur einer Hand zum Schreiben, müssen wir uns auf besonders schwere Fälle psychisch Gestörter gefasst machen.

  3. Ja, es fällt mir auch schon seit Jahren auf, dass "der Mann" ein schlechtes Image hat und dass die Gesamtheit an den schwarzen Schafen gemessen wird. Zu Zeiten des Hexenhammers war es umgekehrt, da hatte die Frau ein schlechtes Image... Dabei bestimmt nicht das Geschlecht über das Verhalten einer Person, sondern die individuelle Ethik.
    Aber: Ein bißchen sind die Filme-Macher mitschuld am schlechten Image! Sie kreieren wahre Monster! Shining, Hannibal Lector usw..., dann Verbrecher und Killer zuhauf, glorifiziert in "Der Pate" und anderen Filmen... auf 100 Gewalt- und Gangsterfilme kommen 1 guter biographischer Film über einen großen Mann... Ja, was wollen Sie denn? Kein Wunder, wenn der "Gangsta" zum Vorbild wird.
    Ich sehne mich schon lange nach gut gemachten biographischen Filmen über: Marconi, Einstein, Novalis, Jan Hus, Werner von Siemens, Henry Dunant, Charles Chaplin, Rodin, Maggelan, Maro Polo, Vasco da Gama, Thomas Edison, Henry Ford, Martin Luther King, Franziskus, Thomas Morus, Marc Aurel, Shakespeare,Gottfried Keller usw... Es gibt genug Vorbilder, die guten Stoff abgäben - die Weltgeschichte ist voller hervorragender Männer.
    PS: Nach "Schweigen der Lämmer" bin ich in tiefer Nacht mit dem Radl heim und habe jede männliche Silhouette weiträumig umfahren...- bis ich mir sagte: Es ist doch nicht jeder Hannibal Lector...

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Bommel
    • 17. April 2012 16:52 Uhr

    .."Shining, Hannibal Lector usw..., dann Verbrecher und Killer zuhauf, glorifiziert in "Der Pate" und anderen Filmen... auf 100 Gewalt- und Gangsterfilme kommen 1 guter biographischer Film über einen großen Mann..."

    wobei die ersteren Filme überwiegend von Männern geguckt werden und der letztere dann von Frauen, oder?

    Vielleicht sollten Sie weniger kommerzielles Fernsehen und mehr Arte, 3Sat, die Dritten u.ä. schauen - da gibt es die Filme über diese Mänenr schon längst zu sehen.... :)

    Einstein gehört nicht in die Reihe hervorragender Männer und Vorbilder, die Sie da aufzählen. Hier sind Sie wohl auf die Propaganda der diesbezüglich gleichgeschalteten Medien hereingefallen und haben selber keinerlei Einblick. Wenn Sie sich für diesen Mann interessieren, sollten Sie sich besser informieren.

  4. Dass ein solcher Text, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt, in stickiger Enge feministischer Meinungsführerschaft tatsächlich möglich ist? Ein Versehen?

    51 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das war ...

    "Und da wir schon ein bisschen geprobt haben: Versuchen wir einmal, im Duktus der Männerphobie über andere soziale Gruppen zu sprechen. »Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die Gesellschaft der Juden überwinden.« Oh Gott! »Das Zeitalter der Östrogene muss beendet werden.« LOL, oder für die Älteren unter uns: haha. »Schwarze sind Tiere.« Oh nein – aber wenn es sich um schwarze Männer handelt, dann ist es vielleicht doch sagbar."

    ... doch jetzt aber Autobahn, oder?

    Sollte sich jetzt bis zur Zeit herumgesprochen haben, wie sehr die Leute dieser Politische Korrektheit in den Medien überdrüssig sind?

  5. lassen sich ebenso für das weibliche Geschlecht ableiten.
    Aber hier haben wir ja jemanden, der immer noch auf der Anti-Männer-Welle reitet und nicht bemerkt hat, dass diese längst zu Ende ist.

    6 Leserempfehlungen
    • ztc77
    • 16. April 2012 15:54 Uhr

    stellt fest, dass nur referiert wird, was ÜBER Männer gesagt oder geschrieben wird.

    Was z.B. seit 1800 an Bockmist durch Männer gebaut wurde und reichhaltigen Anlass gab, die zitierten Thesen zu formulieren, wird (wohlweislich?) nicht angesprochen.

    Der weiblich gebaute Bockmist darf gerne zum Vergleich herangezogen werden.

    MfG

    13 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

    "Der weiblich gebaute Bockmist darf gerne zum Vergleich herangezogen werden."

    Da gilt es ja eben einiges an strategischer Vernebelung mit dem Ziel dauerhafter Opferstatus zu bekämpfen. Beispiel häusliche Gewalt wurde im Artikel aufgegriffen.
    Und die Zurichtungen bzw. Instrumentalisierungen im Interesse weiblicher Bedürfnisse spiegelt sich nicht nur in den unterschiedlichen Lebenserwartungen wider. Paternalismus lauthals beklagen und gleichzeitig sich seiner zu bedienen ist m.E. der perfideste Bockmist.

    wäre nicht kleiner.

    • ludna
    • 17. April 2012 9:42 Uhr

    Elisabeth (16. Jhr.)
    Katharina die Grosse (etwas vor 1800)
    Victoria, (immerhin Monachin des grössten Kolonialreiches, wenn auch mit eingeschränkter Macht)

    Wenn Frauen Macht haben, sind sie nicht viel anders.

    Aus meiner Erfahrung sogar rücksichtsloser, wenn sie unbedingt etwas erreichen wollen.

    Zu analysieren, was innerhalb eines bestimmten Zeitabschnittes (zb. 1800 bis heute) über eine bestimmte Sache gesprochen, geschrieben, gedacht wurde (zb. Männer), nennt man Diskursanalyse (DA).

    Die dient zb. dazu zu zeigen, wie unrühmlich, klein und porös die Anfänge vermeintlich ganz großer Dinge waren (zb. der "Niedergang" des Männlichen).
    Eine DA dient nicht dem Zweck zu zeigen, wie etwas ist, sondern wie etwas geworden ist und von woher es kam (in dem Artikel zum Thema Männlichkeit bspw. aus der Moralphilosophie der Aufklärung; Zerfall des Ancien Regime, aufgrund dessen die Männer neu zu "ordnen" waren, man könnte fast sagen: aus Angst vor den ganzen kleinen Familienköniigen, die keinem großen König mehr unterstehen, denn der wurde geköpft usw.)

    Die Diskursanalyse dient auch dazu zu zeigen, wie ganze Zeitalter gemeinsam auf Grundlage unbewusster, niemals explizit formulierter Grundsätze gedacht und geschaffen haben. Der Artikel zeigt hierbei den Grundsatz der schlechten Männlichkeit im Gegensatz zur guten Weiblichkeit, der seit vielleicht knapp 223 Jahren (seit 1789) nicht angerührt wurde, dabei aber immer mitgedacht in Politik, Kunst, Kultur (was nicht immer das schlechteste war, aber darum geht es nicht), gleichzeitig aber auch noch nie wirklich explizit formuliert.
    Daraus kann man schließen, dass wir ein wenig immer noch so leben wie kurz nach 1789.
    Manch einer hat das so formuliert: wir haben dem König immer noch nicht den Kopf abgeschlagen. Der König heißt Sex.

    • fegalo
    • 16. April 2012 16:01 Uhr

    Auch wenn der Artikel viele wichtige und richtige Dinge zur Sprache bringt, so muss ich der Kernthese dennoch vehement widersprechen: Es gäbe keine „Natur“ der Geschlechter.

    Dem Rat des Autors folgend, sollte ich hier laut lachen.
    Diese hübschen Beispiele mit dem Priming von Testpersonen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Geschlechteridentitäten sich immer neu reproduzieren, zur großen Verzweiflung derer, die sie abschaffen wollen. Jedes Kinderzimmer ist ein ins Auge springender Beweis, vor dem die Gendertheoretiker völlig blind stehen.

    Was mir am meisten aufstößt, ist, dass es offenbar gar nicht mehr möglich scheint, positive Bilder von Männlichkeit oder Weiblichkeit zu haben, zu pflegen und zu verfolgen, sondern der Umgang mit Geschlechteridentität nur noch besteht im Zerstören angeblicher „Stereotype“, im Herunterziehen beider bis hin zu der Feststellung, dass beide gleichermaßen scheiße sind.

    Die angeblichen Widerlegungen irgendwelcher „Wissenschaftler“ zum Thema Geschlechterunterschiede sind Schall und Rauch. Die Herrschaften suchen schlicht an der falschen Stelle. Der Unterschied besteht nämlich im „Wie“ nicht in irgendeinem „Wieviel“. Es fühlt sich verschieden an, wenn man als Kind vom Vater oder von der Mutter vorgelesen bekommt. Dass wir diesen gefühlten Unterschied nicht operationalisieren können, ist völlig unerheblich, aber er ist da, er ist so augenfällig, dass ich immer wieder fassungslos bin, dass Menschen ihn abstreiten.

    34 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich danke Ihnen für Ihren klugen Kommentar, Fegalo.

    So wichtig ich diesen Artikel finde und so gern ich ihn gelesen habe, eine zu starke Einheitsbreikocherei in Geschlechterfragen hilft nicht weiter.

    Und: Simon Baron-Cohens These ist meines Wissens aus dem Kontext gerissen worden, in dem sie entstand, und sie ist alles andere als "lachhaft". Im Zusammenhang mit der Erklärung autistisch verdrahteter Gehirne ist sie sogar überaus plausibel.

    • th
    • 16. April 2012 18:27 Uhr

    nicht alles glauben, was einem so vorgesetzt wird.
    Manches an diesem Text mag richtig sein - dass es keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen gäbe, das widerlegt die Wirklichkeit überall und jeden Tag. Dass es falsch ist, an diesen Unterschieden Klichees festzumachen, stimmt allerdings auch.

    Überhaupt sollte man lernen, der eigenen Wahrnehmung, der eigenen Erfahrung, dem eigenen Urteil mehr zu trauen, als irgendwelchen Verlautbarungen, egal von welcher Seite.

    • th
    • 16. April 2012 18:30 Uhr

    wenn das Ziel, alle eingeborenen Männer endgültig zu "Softies" zu erziehen, erreicht ist, dann werden sich die aktivsten Frauen gelangweilt von diesen abwenden, und sich "richtige Machos" suchen - und die werden dann nicht von hier sein.

    Wie bitte - das gibts schon?

    Das nennt man Dialektik!

    • jop
    • 17. April 2012 9:44 Uhr

    Sehr guter Kommentar zu einem (leider) nur guten Artikel. Kucklick beginnt hervorragend, die Analyse der jahrhundertealten Männerfeindlichkeit ist sehr aufschlußreich. Die Behauptung, daß es keine statistischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern gäbe, ist aber in der Tat zum Lachen.

    Das Problem hier ist, daß eine Wissenschaftsautorin (wer es kann, tut es, wer es versteht, aber nicht selbst kann, lehrt es, wer es weder kann noch versteht, schreibt darüber...) und eine Literaturwissenschaftlerin ganz einfach nicht kompetent sind, die Unterschiede zu beurteilen. Das können Biologen und Mathematiker - es geht immerhin um die kompetente Auswertung von Statistiken, das können beileibe nicht alle.

    Daß einzelne Individuen trotzdem Eigenschaften haben können, die man häufiger beim anderen biologischen Geschlecht fidnet, ist doch klar. Aber biologische Geschlechtsunterschiede treten in der Masse zutage, im Durchschnitt. Deshalb muß es Gleichberechtigung geben, damit Frauen dasselbe erreichen können wie Männer, deshalb darf es aber keine Gleichstellung geben, weil Quoten lediglich das natürliche Gleichgewicht, das sich in einer gleichberechtigten Gesellschaft einstellt, mit Gewalt verschieben wollen, was auf Dauer nicht funktioniert.

    Insgesamt ist der Artikel natürlich dennoch positiv zu bewerten und war im feministischen Mainstream der Zeit längst überfällig. Danke für diese Zurschaustellung der historischen Männerfeindlichkeit.

    Kucklick begeht denselben Fehler wie die Gender Mainstream- Bewegung:
    Anstatt die positiven Seiten der Unterschiedlichkeit zu formulieren, will er die Unterschiede nivellieren. Schade.
    Das ist so, als ob man Frauen und Männer NUR noch als Menschen betrachtet. Ist ja auch richtig so, aber wer die Unterschiede der Pole negiert, wer behauptet, "Natur gibt es nicht!", der legt einen Maulschlüssel auf die Pole der Autobatterie. Kurzschluss, keine Spannung mehr zwischen den Polen der Geschlechter, von Leistung gar nicht mehr zu reden, Batterie unbrauchbar, Scheidungsquoten steigen, Zeugungsstreik, Bevölkerungsschwund. ... Elend.
    Das KANN so weiter laufen, MUSS aber nicht. Kucklick selbst formuliert den Ansatz: "Geschlechterverhalten entsteht nicht durch Hormone, es entsteht durch Worte."
    Also reden wir, aus der Neuen, männlichen und weiblichen Identität heraus, aus der Spannung, die dann entstehen kann und bauen kraftvoll etwas Gemeinsames aus diesen Unterschieden!
    p.s.: "Die Wahre Kraft des Mannes", DAS Männerbuch ist erschienen
    Herzlichen Gruß

    Thomas F

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service