GeschlechterverhältnisDas verteufelte Geschlecht
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Männlichkeit ist die Kurzformel für Missstände aller Art

Sollten wir daraus folgern, dass die Herren Gabriel und Steinmeier einen minderen Anteil an Menschlichkeit besitzen als die Damen Nahles und Kraft? (Wobei, sorry, Letztere dank ihrer Schuldenpolitik keinen Zutritt zum Anti-Testosteron-Club der Ausputzfrauen erhalten sollte.) Und wann wäre dieser Logik nach eine Gesellschaft endlich hinreichend unmännlich, also menschlich: Wenn sie 50 Prozent oder 33 oder 17,3982 Prozent Männlichkeit enthielte? Und wie viel enthält noch mal die jetzige?

Ach, darum geht es auch nicht? Aber worum dann? Worum genau?

Womöglich sind diese Aussagen ja nur zu verstehen, wenn und weil sie eben nichts Genaues meinen. Weil sie nur ein vages Unbehagen äußern, einen groben Vorwurf, der davon lebt, immer unpräzise und daher stets irgendwie plausibel zu sein. Doris Lessing, die große feministische Autorin, beklagte, die Abwertung des Männlichen sei »so sehr Teil unserer Kultur geworden, dass sie kaum noch wahrgenommen« würde. Betäubendes, betäubtes Hintergrundrauschen.

Männlichkeit muss gar nicht erst durch nachprüfbare Kausalketten mit dem Unerwünschten verknüpft werden. Sie erfüllt eine viel schlichtere Aufgabe: Sie ist die Kurzformel für Missstände aller Art. So wie wir gelernt haben, schneller Reize wegen Bildschirme und Plakatwände mit nackten Frauen zu füllen, so haben wir uns antrainiert, jedem Problem einen männlichen Defekt beizugesellen, der es irgendwie verursacht haben soll. Kausalitätspornografie.

Das erlaubt es, über Männer so pauschal und abfällig zu sprechen wie über keine andere Gruppe. Oft genügt für die Verurteilung der bloße Verdacht. Als der frühere Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, am 14. Mai 2011 in New York verhaftet worden war, weil eine Hotelangestellte behauptet hatte, von ihm vergewaltigt worden zu sein, wusste Amerikas Alpha-Kolumnistin Maureen Dowd in der New York Times schon am nächsten Tag, dass sich DSK »wie ein Bure« (Apartheid!) und »Primitiver« (Barbarei!) im »Höhlenmenschen-Stil« (Neandertaler!) auf »eine hart arbeitende, gottesfürchtige, junge Witwe« (Engel!) gestürzt hatte. Der Spiegel entlarvte nach dem Vorfall den Mann gar als »des Menschen Wolf« (Feind der Menschheit!). Kurze Zeit später ließen die Staatsanwälte alle Vorwürfe gegen Strauss-Kahn fallen.

Es geht nicht darum, diesen Politiker zu verteidigen. Wie man heute weiß, hat er häufig zumindest den Respekt für Frauen vermissen lassen. Es geht darum, zu bemerken, dass einem Mann blindlings eine Vergewaltigung zugetraut wird. Einer Frau aber nicht einmal eine Lüge. Artikel über die Niedertracht der Hotelangestellten sind jedenfalls nicht bekannt, wären indes ebenso evidenzfrei denkbar gewesen. Aber natürlich würden die Leser sie als nicht satisfaktionsfähige Dummheit durchschauen. Geht es dagegen um Männer, adeln wir den Hirnriss zur Erkenntnis: Gerade weil nichts Genaues bekannt ist über die Geschehnisse in Suite 2806 des New Yorker Sofitel, füllen wir das Vakuum mit dem Fantasiebild vom bösen Mann. Geht es um Abscheuliches, dient er als beliebteste Ursache.

Der antimaskuline Reflex lässt sich noch einige Niveaustufen absenken, um dann zu einem formlosen Faul- und Tumbheitsverdacht zu werden, wie ihn gerade beispielhaft der Philosoph Richard David Precht in der Für Sie äußerte: »Die Anzahl der Männer, die mit einem Bier vor dem Fernseher Fußball gucken und einfach nur glücklich sind, ist nun wirklich größer als die Anzahl der Frauen bei einer vergleichbaren Tätigkeit.« Wobei im Dunkeln blieb, a) woher die Statistik stammt und b) was unter einer vergleichbaren Tätigkeit zu verstehen ist: Haar-Extensions einkleben, Germany’s next Topmodel gucken und dabei Baileys schlürfen oder mit der Freundin die neuesten Abenteuer aus den Feuchtgebieten betratschen? Wenn es um Männer geht, begeben sich halt auch Philosophen auf Augenhöhe mit Mario Barth.

Und da wir schon ein bisschen geprobt haben: Versuchen wir einmal, im Duktus der Männerphobie über andere soziale Gruppen zu sprechen. »Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die Gesellschaft der Juden überwinden.« Oh Gott! »Das Zeitalter der Östrogene muss beendet werden.« LOL, oder für die Älteren unter uns: haha. »Schwarze sind Tiere.« Oh nein – aber wenn es sich um schwarze Männer handelt, dann ist es vielleicht doch sagbar.

Ach, das ist jetzt aber maßlos übertrieben? Und wenn es das ist, warum spicken wir dann Artikel über Männer mit solchen Maßlosigkeiten? Es ist notwendig, für die Antwort ein wenig auszuholen. 

Feministinnen gelten landläufig als Hauptschuldige am verbreiteten Männerhass. Mal sollen die radikalen Varianten der Post-68er für unser schäbiges Männerbild verantwortlich sein, mal wird die erste Welle der Frauenbewegung Ende des 19. Jahrhunderts als Quelle genannt. Beides ist falsch. Der Feminismus hat die Ideologie der bösen Männlichkeit nicht erfunden, er hat diese nur für eigene Zwecke genutzt und oft sogar richtige und politisch segensreiche Schlüsse daraus gezogen. 

Das Stereotyp vom unmoralischen, gewalttätigen, sexuell unersättlichen Mann ist weit vor dem Feminismus entstanden, an einer historischen Schlüsselstelle: zu Beginn der Moderne, um 1800. Die Geburt des maskulinen Zerrbildes ist also unmittelbar mit der Geburt der modernen Gesellschaft verbunden, seither schreiten beide, Moderne und verteufelte Männlichkeit, gemeinsam und untrennbar durch die Historie. Das Unbehagen an der Moderne wurde zum Unbehagen am Mann. Und umgekehrt. 

Und wir müssen an den Startpunkt zurückgehen, um uns von diesem Missverständnis zu befreien.

Leserkommentare
  1. dann als Sexhäschen rumhoppeln und die aufgepeppten Lippen zum Schmollmund formen.

    Vorurteil dein Name ist Mensch!!

    Im Großen und Ganzen gibt es Deppen in jeder Fraktion.
    So ist der Mensch eben.

    Das Problem sind die Männercliquen die unter sich bleiben wollen und keine Frauen dabei haben wollen wenn sie kungeln.
    Egal obs in der Wirtschaft oder in der Religion ist.

    Da frage ich mich schon, welches Frauenbild viele Männer denn so haben.Und woher das stammt?

    Und wenn sie sich dann so benehmen, wie sie sich benehmen, dann müssen sie sich nicht wundern wenn man verachtet.

    Allerdings finde ich es witzig, da auch die Zeitungen und die Medien zum großen Teil von Männern gesteuert werden, wie dieses Bild über "die" Männer zustande kommt??
    Ist das miesmachen von Konkurrenten?

    Im übrigen dürfen wir Frauen uns auch an die eigene Nase packen: Wie unsere Söhne erzogen werden, ja doch meist von Frauen, und wie die gewindelt und bekocht werden und wie ihnen oft der A... nachgetragen wird. Aber dann wundern, warum man im Leben auf so merkwürdige Männer trifft.

    Die nicht mal eine Waschmaschine bedienen können ( wollen) aber immer alles besser wissen und sich in der Hochfinanz und der Politik und im Fußball und überhaupt auskennen.

    Und es gibt selten Männer die über sich lachen können. Die meisten reagieren äusserst pikiert wenn man mal einen Witz auf ihre Kosten macht.

    Ich sags Vorurteile wo man geht und steht .

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    "Und es gibt selten Männer die über sich lachen können. Die meisten reagieren äusserst pikiert wenn man mal einen Witz auf ihre Kosten macht."

    [...]

    "In the past quarter century, we exposed biases against other races and called it racism, and we exposed biases against women and called it sexism. Biases against men we call humor."
    —Warren Farrell

    denkmalnach denkmalmit!

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/se

  2. warum wird eigentlich dieser ganze Esoterik-Kram von den bösen Männern an die armen Frauen verkauft? Wieso entsteht eine so große Nachfrage auf Seiten der armen Frauen, dass die bösen Männer kaum mit der Produktion von Esoterik-Kram nachkommen und Millionen und Abermillionen Steuern, die beim Verkauf von Mumpitz an arme Frauen generiert werden, zahlen müssen?

    Dass muss doch mal gesagt werden.

  3. Die Schlagworte zu dem Artikel sind:
    Geschlechterforschung | Geschlechterkampf | Frauenbewegung | Feminismus

    Das Schlagwort "Männer" gibt es anscheinend nicht ...

    Ein deutliches Zeichen für den Bedarf dieses Artikels.

    Besonders erhellend fand ich die lange Vorgeschichte der Männerabwertung... und dass in den so modernen Gesellschaften wie Russland und der Finanzbranche Hongkongs viele Frauen in Führungspositionen stecken finde - auch eine sehr nette Info.

    Die moralische Gleichwertigkeit der Geschlechter wird m.E. treffend gezeigt.

    Eine zentrale These, dass das Geschlecht nur durch Worte entstehe - nun ja, das will mich dennoch nicht in den Kopf.
    Der Blick in die Krippengruppe meiner Tochter und die eindrücklichen Studien über Refeminisierung der vermännlichten Frauen in den Kibbutzim sind für mich da recht überzeugend.

    Aber: Weiter so liebe ZEIT!

  4. Zum Lachen finde ich auch eine Phase in meinem Leben, in der ich mich schämte, eine Frau zu mustern. Denn in meinen damaligen Ansichten taten das nur Machos und ähnliche unsagbare Stereotypen - also die ganz unterste Sorte von Typ Mann.
    Das ist leider kein Scherz. Entweder war ich damals psychisch kaputt oder dahingehend "zivilisiert", dass ich meinen "Trieben" Einhalt gewähren konnte.

    Aber jetzt mal etwas nicht Mitleiderregendes:
    Dass Männer für die kaltherzigsten und menschenverachtensten Geschehen verantwortlich sind, liegt schon alleindaran, dass sie auch zu 98% im Vordergrund standen/stehen. Aber eine "was wäre wenn" Überlegung ist da wiederum nur zu belächeln.

    Zu letzt noch ein passendes Zitat des Poetry Slammer Till Reiners aus seinem Text "Zukunfst Verweigerer":
    "Es brauchte über 50 jahre, bis das Bundeskanzleramt eine Frau bekleiden durfte und es wird wahrscheinlich weitere 50 Jahre dauern, bis die Deutschen merken, dass Gleichberechtigung nicht heißt, dass Frauen alles besser machen als Männer, sondern dass Frauen etwas genauso schlecht wie Männer machen dürfen."

    • fegalo
    • 16. April 2012 17:19 Uhr
    29. Au weh!

    “es fühlt sich immer unterschiedlich an von verschiedenen Personen vorgelesen zu bekommen, weil es sich nunmal um unterschiedliche Personen handelt. Es gibt unterschiede zwischen Menschen, es gibt aber keine unterschiede zwischen den Geschlechtern, die sich explizite am Geschlecht festmachen lässt.“

    Das ist so daneben, dass es schmerzt.

    Aber es steht Ihnen natürlich frei, sich Ihre diesbezüglichen Wahrnehmung von einer Ideologie diktieren zu lassen.

  5. ...ist ein Mann (ich wüsste jedenfalls nicht, dass Christoph ein Frauenname wäre).

    Mit der Gendersprechweise haben Sie aber so was von Recht! Wenn ich meine Sitzungsprotokolle schreibe (die Damen haben zwar die Mehrheit, lassen aber bei solch unangenehmen, weil arbeitsaufwendigen Tätigkeiten gern die Männer ran), dann führe ich das auch gern bis zum Exzess ("die Mitglieder und Mitgliederinnen"). Die Männer schmunzeln mich an, die Damen haben die Spitze meist gar nicht bemerkt.

    Antwort auf "Lachen"
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    • y4rx
    • 16. April 2012 17:32 Uhr

    daß der Humor bei Frauen oft etwas unterentwickelt ist. Mag sein, daß das daran liegt, daß sie ja angeblich weniger zu lachen haben im Leben.

    Der Standardspruch in der Männergruppe auf die Frage nach dem Urlaub ohne Ehefrau:
    "Klar, da bleibt die Spaßbremse zuhause!"

    Ich finde es gut, daß es Unterschiede zwichen den Geschlechtern gibt. Wäre ja sonst etwas langweilig. Wer beim jeweils anderen immer die für ihn schlechten Seiten betrachtet, sollte halt homosexuell werden. ;-)
    Das ganze Gelabere ist sowas von nebendran. Es gibt auf beiden Seite Gute und Schlechte.
    Man sollte dem Rat des Autors folgen, und darüber herzlich lachen.

    "Die Autorin...
    ...ist ein Mann"

    Mist auch, ich hatte gehofft, es merkt keiner :-)

    Aber meine (Freudsche?) Leistung ist angesichts der Thematik immerhin nicht uninteressant, lach...

  6. kenne ich schon seit Kindheit an. Mein Mutter hatte sich als "die Gute" hingestellt, die von meinem "bösen Vater" verletzt, schikaniert etc.. wurde. Als Kind glaubt man das irgendwie, dass da was dran ist und sieht es nicht einfach nur als Methode, eine unhinterfragte Entscheidungsgewalt und Rechthaberei für sich zu beanspruchen. Das wurde spätestens da anders, als meine Mutter mich auch in diese Ecke stellte, sobald ihr irgendwas nicht gefiel bzw. ich ihr nicht bedingungslos zustimmen konnte. So fängt eine Mühle an, die eine langsam aber sicher in ein Abseits stellt. Ich sehe das inzwischen als eine Machtkomponente, die Frauen sich anziehen um ihre Vorstellungen durchzusetzen. So ähnlich wie der LIEBE GOTT auch über allem schwebt. Ein fauler Trick sozusagen, eine Diskriminierung und Diffamierung um einen leichten Weg für sich zu haben.

    Eine der Methoden, mit denen das "Schwache Geschlecht" die Männer zu Müllhinunterträger und Gassigeher erzieht. Von 10 Ehen, die sich sehe, dominieren in 8 die Frauen absolut, die Männer kuschen brav wie ein Schosshündchen ohne eigene Meinung (es sei denn im Wirtshaus), eine könnte gleichberechtigt sein und in der restlichen letzten ist der Mann der uneingeschränkte Herrscher. Es ist absurd anzunehmen, dass Männer die Welt beherrschen, das ist eine bewusst hergestellte Fatamorgana der Frauen um weitere Macht an sich zu bringen. Da hilft nur eins, wenn man sich selbst treu sein will als Mann: Aussteigen, wenn man den Mut hat!

    Eine Leserempfehlung
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    sehe ich absolut genau so !!!

    @dritter-stock-links

    Ich stimme Ihren Ausführungen weitestgehend zu, habe ich doch ähnliche Erfahrungen und Beobachtungen gemacht.

    Der Artikel hat mich gefesselt, auch wenn er nicht meine 100%ige Zustimmung erhält. Doch der Umfang und die Recherche ist beachtenswert.

    Lustigerweise trifft dieses Thema auch meine aktuelle Situation, denn ich tue mir schwer eine neue Bindung einzugehen.

    Nicht, weil ich nicht könnte oder wollte, nein, ich habe bereits so viele abschreckende Beispiele gesehen, dass ich nicht mehr will.

    Hier an der Universität gibt es das Fach genderstudies, der Begriff ist ein Hohn, der Lehrinhalt erschreckend.

    Ich begegne kaum noch einer Frau, mit der ich normal über solche Themen reden kann, überhebliche, übermoralische political correctness ist mir sowas von zuwider.

    Da mach ich nicht mit, die Dinge werden zu kompliziert.

    Doch eigentlich ist die Liebe recht einfach, wenn wir uns nur lösen könnten von der Indokrination der Geschlechter.

    Im Übrigen bin ich recht freundlich und strebe stets nach Gerechtigkeit, doch bei dieser Thematik ist nichts mehr zu retten, die Verblendung beherrscht die Akteure und deren Gefolgschaft.

    Was soll's, ich gelte als Macho. Soll mir recht sein, so habe ich ein Problem weniger und muss mich nicht verkaufen, um irgendwelchen gesellschaftlichen Konventionen zu entsprechen.

    So sitz ich mit Bier vorm Fußball und bin glücklich ;)

    "Aussteigen, wenn man den Mut hat!"

    Ehm... nicht dass ich insistieren wollte, aber ... räusper ... was meinen Sie damit?

    Also Sie bringen einen aber auf eigenartige Gedanken.

    Schade, dass wir diese tiefere Bedeutung nicht rechtzeitig erläutert bekommen, sondern erst wenn sich die Scheidungsindustrie über uns hergemacht hat.

  7. "Der weiblich gebaute Bockmist darf gerne zum Vergleich herangezogen werden."

    Da gilt es ja eben einiges an strategischer Vernebelung mit dem Ziel dauerhafter Opferstatus zu bekämpfen. Beispiel häusliche Gewalt wurde im Artikel aufgegriffen.
    Und die Zurichtungen bzw. Instrumentalisierungen im Interesse weiblicher Bedürfnisse spiegelt sich nicht nur in den unterschiedlichen Lebenserwartungen wider. Paternalismus lauthals beklagen und gleichzeitig sich seiner zu bedienen ist m.E. der perfideste Bockmist.

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