GeschlechterverhältnisDas verteufelte Geschlecht
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Die Verworfenheit der Männer bedeutet für die Frauen nichts Gutes

Dieser Einsicht folgt eine verhängnisvolle Geschlechterlogik. Die Verworfenheit der Männer bedeutet nämlich auch für die Frauen nichts Gutes: Die haben jetzt ganz anders zu sein! Wenn Männer das Problem der Gesellschaft sind, müssen Frauen die Lösung darstellen. Das geht nur, wenn sie von grundlegend anderem Charakter sind: einfühlsam, passiv, friedlich – der ganze Kanon der Beleidigungen einer reduzierten Weiblichkeit. Das Spiegelbild eben zu den Beleidigungen einer reduzierten Männlichkeit.

Und wenn die Zivilisierung qua guter Weiblichkeit misslingt? Dann gnade Gott den Menschen. Die Erde wandelt sich zur Hölle des Maskulinen. »Der natürliche Egoismus unseres Seyens würde die ganze Schöpfung zerstören«, schreibt ein lange vergessener Autor im Jahre 1800, und ein anderer malt 1798 unter dem Titel »Das andere Geschlecht, das bessere Geschlecht« folgendes Schreckbild seiner selbst: »Man kann gewiss seyn, dass die Welt längst zur großen, menschenleeren Wüste geworden wäre, wenn bloss Männer darauf gesetzt worden wären. Sie würden unfehlbar in Kurzem sich alle einander gemordet haben. Die Welt weiss nicht wie viel sie in dieser Hinsicht dem andern Geschlechte zu danken hat.«

Die beklemmenden Imaginationen von Männlichkeit und Weiblichkeit sind zeitgleich entstanden. Und bedingen einander. Doch während wir das Frauenbild inzwischen einer gründlichen Renovierung unterzogen und mit überfälligen Ergänzungen angereichert haben, sind uns ähnliche Aufhellungen des Männerbildes misslungen. Stattdessen macht unsere Gesellschaft es sich in einem Murmeltiertag der Männerressentiments behaglich und glaubt auch noch, durch deren unablässige Wiederholung die Geschlechterverhältnisse zu verbessern.

So gleichförmig sind die Vorhaltungen, dass an ihnen nicht einmal die Jahrhunderte abzulesen sind:

»Alle Bösewichter sind Männer. Gibt es irgendetwas Gutes auf der Welt, was die Männer gemacht haben? Nur Frauen sind gut.« (Lars von Trier, Regisseur und nach einem Nazi-Spruch selbst als Bösewicht entlarvt, 2003)

»Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen für die Männer. Du sollst ihre Barbarei nicht beschönigen mit Worten und Werken« (Friedrich Schleiermacher, Theologe, 1798).

»Der Krebsschaden unserer Kultur ist der zu starke Vorrang der Männlichkeit« (Alfred Adler, Psychologe, 1910).

So langweilen wir einander durch die Jahrhunderte und halten dies auch noch für wahlweise mutig, kritisch, aufschlussreich.

Aber wodurch wurde die Vorstellung von der bösen Männlichkeit ausgelöst? Man könnte vermuten, durch das Verhalten der Männer selbst. Durch empirische Beobachtung gewissermaßen. Aber das bestätigt sich nicht. Im Gegenteil: Um 1800 machte der empfindsame Mann Karriere, der sich von Macho-Gehabe lossagte. Gewalttätigkeiten von Männern gingen statistisch belegbar zurück (und tun es bis heute), und der warmherzige, sensible Typ avancierte zum Ideal der Zeit.

Die böse Männlichkeit sollte nicht das Verhalten der Männer erklären, sondern die Umbrüche der Gesellschaft. Die Ständegesellschaft zerfiel, Hierarchien begannen sich aufzulösen, und die Individuen wurden – meist gegen ihren Willen – aus alten Bindungen freigesetzt. An die Stelle der Tradition trat ein unübersichtliches, instabiles Gebilde: die moderne Gesellschaft. Arbeitsteilung, Individualisierung, Vervielfältigung von Rollen durch neue Berufe, neue Verhältnisse. Diese Welt wurde gefeiert – und gefürchtet. Die Aufklärer bejubelten zwar, um sich selbst zu beruhigen, die Vernunft, aber die eigentlichen Schlagworte der Zeit lauteten: Entfremdung, Zergliederung und Auflösung.

Und die Ursache? Man wusste sich nicht besser zu helfen, als die Geschlechter zu nehmen. In einem vielschichtigen Denkprozess wurde das Bedrohliche – aber auch Aufregende – des Neuen mit Männlichkeit verbunden. Und das Verlässliche – und Betuliche – der Tradition mit Weiblichkeit. Mit Männern wagte man sich an die Probleme, was sie als problematisch stigmatisierte. Mit Frauen blieb man auf sicherem Grund, was sie zu Hüterinnen reduzierte. 

Die Männer, Kaufleute, Gelehrte und Philosophen, wurden gedacht als besonders infiziert vom Neuen – und als dessen Ursache. Ihre Sinne vertrockneten angeblich, ihre Herzen erkalteten, weil sie wie Fabrikwaren in die Welt geworfen wurden. Ihre böse Natur sollte dazu passen, und sie passte sich an. So wurde Männern die Gier der Wirtschaft und die Machtlüsternheit der Politik als geschlechtsspezifisch unterstellt. Die unheimliche Moderne wurde männlich.

Als die Gedanken in der Welt waren, begannen sie die Geschlechter nach ihren Vorgaben zu formen. Frauen hatten in der Häuslichkeit die gefährliche Welt gut zu machen und galten schließlich als unfähig zu höheren Einsichten, Männer wurden bald als lieblose Störenfriede in der Familie marginalisiert. 

Besonders grausam traf es Homosexuelle. Kaum war der Mann als soziales Zentralproblem etabliert, galten zwei miteinander verbundene Männer als unerträgliche Bedrohung. So wandelte sich eine in Maßen tolerante Gesellschaft von der Mitte des 19. Jahrhunderts an zum Horror für Schwule. Und parallel dazu wurden die Heteros in immer schärferen Disziplinaranstalten eingehegt, in Internaten, Kasernen, Gefängnissen und Krankenhäusern.

Am Anfang der Männerskepsis steht also nicht eine problematische Männlichkeit, sondern eine als problematisch empfundene Gesellschaft, die verzweifelt nach einer Ursache ihrer Problematik sucht. Und diese in den Männern findet. Dabei war der Zusammenhang niemals streng, sondern immer vage, porös und provisorisch. Bis heute. Das große Irgendwie der Schuldzuweisung. 

Ähnlich grobschlächtig verläuft daher die Therapie. Denn am Manne versucht sich die Gesellschaft seither selbst zu therapieren. So avancierte der »Neue Mann« zum Notnagel. Vom Mann wird Selbstverbesserung in Permanenz verlangt, schließlich belegt jede neue (Finanz-, Welt-, Sinn-)Krise, dass seine jeweils letzte Veränderung unzureichend war.

Leserkommentare
  1. dann als Sexhäschen rumhoppeln und die aufgepeppten Lippen zum Schmollmund formen.

    Vorurteil dein Name ist Mensch!!

    Im Großen und Ganzen gibt es Deppen in jeder Fraktion.
    So ist der Mensch eben.

    Das Problem sind die Männercliquen die unter sich bleiben wollen und keine Frauen dabei haben wollen wenn sie kungeln.
    Egal obs in der Wirtschaft oder in der Religion ist.

    Da frage ich mich schon, welches Frauenbild viele Männer denn so haben.Und woher das stammt?

    Und wenn sie sich dann so benehmen, wie sie sich benehmen, dann müssen sie sich nicht wundern wenn man verachtet.

    Allerdings finde ich es witzig, da auch die Zeitungen und die Medien zum großen Teil von Männern gesteuert werden, wie dieses Bild über "die" Männer zustande kommt??
    Ist das miesmachen von Konkurrenten?

    Im übrigen dürfen wir Frauen uns auch an die eigene Nase packen: Wie unsere Söhne erzogen werden, ja doch meist von Frauen, und wie die gewindelt und bekocht werden und wie ihnen oft der A... nachgetragen wird. Aber dann wundern, warum man im Leben auf so merkwürdige Männer trifft.

    Die nicht mal eine Waschmaschine bedienen können ( wollen) aber immer alles besser wissen und sich in der Hochfinanz und der Politik und im Fußball und überhaupt auskennen.

    Und es gibt selten Männer die über sich lachen können. Die meisten reagieren äusserst pikiert wenn man mal einen Witz auf ihre Kosten macht.

    Ich sags Vorurteile wo man geht und steht .

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    "Und es gibt selten Männer die über sich lachen können. Die meisten reagieren äusserst pikiert wenn man mal einen Witz auf ihre Kosten macht."

    [...]

    "In the past quarter century, we exposed biases against other races and called it racism, and we exposed biases against women and called it sexism. Biases against men we call humor."
    —Warren Farrell

    denkmalnach denkmalmit!

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/se

  2. warum wird eigentlich dieser ganze Esoterik-Kram von den bösen Männern an die armen Frauen verkauft? Wieso entsteht eine so große Nachfrage auf Seiten der armen Frauen, dass die bösen Männer kaum mit der Produktion von Esoterik-Kram nachkommen und Millionen und Abermillionen Steuern, die beim Verkauf von Mumpitz an arme Frauen generiert werden, zahlen müssen?

    Dass muss doch mal gesagt werden.

  3. Die Schlagworte zu dem Artikel sind:
    Geschlechterforschung | Geschlechterkampf | Frauenbewegung | Feminismus

    Das Schlagwort "Männer" gibt es anscheinend nicht ...

    Ein deutliches Zeichen für den Bedarf dieses Artikels.

    Besonders erhellend fand ich die lange Vorgeschichte der Männerabwertung... und dass in den so modernen Gesellschaften wie Russland und der Finanzbranche Hongkongs viele Frauen in Führungspositionen stecken finde - auch eine sehr nette Info.

    Die moralische Gleichwertigkeit der Geschlechter wird m.E. treffend gezeigt.

    Eine zentrale These, dass das Geschlecht nur durch Worte entstehe - nun ja, das will mich dennoch nicht in den Kopf.
    Der Blick in die Krippengruppe meiner Tochter und die eindrücklichen Studien über Refeminisierung der vermännlichten Frauen in den Kibbutzim sind für mich da recht überzeugend.

    Aber: Weiter so liebe ZEIT!

  4. Zum Lachen finde ich auch eine Phase in meinem Leben, in der ich mich schämte, eine Frau zu mustern. Denn in meinen damaligen Ansichten taten das nur Machos und ähnliche unsagbare Stereotypen - also die ganz unterste Sorte von Typ Mann.
    Das ist leider kein Scherz. Entweder war ich damals psychisch kaputt oder dahingehend "zivilisiert", dass ich meinen "Trieben" Einhalt gewähren konnte.

    Aber jetzt mal etwas nicht Mitleiderregendes:
    Dass Männer für die kaltherzigsten und menschenverachtensten Geschehen verantwortlich sind, liegt schon alleindaran, dass sie auch zu 98% im Vordergrund standen/stehen. Aber eine "was wäre wenn" Überlegung ist da wiederum nur zu belächeln.

    Zu letzt noch ein passendes Zitat des Poetry Slammer Till Reiners aus seinem Text "Zukunfst Verweigerer":
    "Es brauchte über 50 jahre, bis das Bundeskanzleramt eine Frau bekleiden durfte und es wird wahrscheinlich weitere 50 Jahre dauern, bis die Deutschen merken, dass Gleichberechtigung nicht heißt, dass Frauen alles besser machen als Männer, sondern dass Frauen etwas genauso schlecht wie Männer machen dürfen."

    • fegalo
    • 16. April 2012 17:19 Uhr
    29. Au weh!

    “es fühlt sich immer unterschiedlich an von verschiedenen Personen vorgelesen zu bekommen, weil es sich nunmal um unterschiedliche Personen handelt. Es gibt unterschiede zwischen Menschen, es gibt aber keine unterschiede zwischen den Geschlechtern, die sich explizite am Geschlecht festmachen lässt.“

    Das ist so daneben, dass es schmerzt.

    Aber es steht Ihnen natürlich frei, sich Ihre diesbezüglichen Wahrnehmung von einer Ideologie diktieren zu lassen.

  5. ...ist ein Mann (ich wüsste jedenfalls nicht, dass Christoph ein Frauenname wäre).

    Mit der Gendersprechweise haben Sie aber so was von Recht! Wenn ich meine Sitzungsprotokolle schreibe (die Damen haben zwar die Mehrheit, lassen aber bei solch unangenehmen, weil arbeitsaufwendigen Tätigkeiten gern die Männer ran), dann führe ich das auch gern bis zum Exzess ("die Mitglieder und Mitgliederinnen"). Die Männer schmunzeln mich an, die Damen haben die Spitze meist gar nicht bemerkt.

    Antwort auf "Lachen"
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    • y4rx
    • 16. April 2012 17:32 Uhr

    daß der Humor bei Frauen oft etwas unterentwickelt ist. Mag sein, daß das daran liegt, daß sie ja angeblich weniger zu lachen haben im Leben.

    Der Standardspruch in der Männergruppe auf die Frage nach dem Urlaub ohne Ehefrau:
    "Klar, da bleibt die Spaßbremse zuhause!"

    Ich finde es gut, daß es Unterschiede zwichen den Geschlechtern gibt. Wäre ja sonst etwas langweilig. Wer beim jeweils anderen immer die für ihn schlechten Seiten betrachtet, sollte halt homosexuell werden. ;-)
    Das ganze Gelabere ist sowas von nebendran. Es gibt auf beiden Seite Gute und Schlechte.
    Man sollte dem Rat des Autors folgen, und darüber herzlich lachen.

    "Die Autorin...
    ...ist ein Mann"

    Mist auch, ich hatte gehofft, es merkt keiner :-)

    Aber meine (Freudsche?) Leistung ist angesichts der Thematik immerhin nicht uninteressant, lach...

  6. kenne ich schon seit Kindheit an. Mein Mutter hatte sich als "die Gute" hingestellt, die von meinem "bösen Vater" verletzt, schikaniert etc.. wurde. Als Kind glaubt man das irgendwie, dass da was dran ist und sieht es nicht einfach nur als Methode, eine unhinterfragte Entscheidungsgewalt und Rechthaberei für sich zu beanspruchen. Das wurde spätestens da anders, als meine Mutter mich auch in diese Ecke stellte, sobald ihr irgendwas nicht gefiel bzw. ich ihr nicht bedingungslos zustimmen konnte. So fängt eine Mühle an, die eine langsam aber sicher in ein Abseits stellt. Ich sehe das inzwischen als eine Machtkomponente, die Frauen sich anziehen um ihre Vorstellungen durchzusetzen. So ähnlich wie der LIEBE GOTT auch über allem schwebt. Ein fauler Trick sozusagen, eine Diskriminierung und Diffamierung um einen leichten Weg für sich zu haben.

    Eine der Methoden, mit denen das "Schwache Geschlecht" die Männer zu Müllhinunterträger und Gassigeher erzieht. Von 10 Ehen, die sich sehe, dominieren in 8 die Frauen absolut, die Männer kuschen brav wie ein Schosshündchen ohne eigene Meinung (es sei denn im Wirtshaus), eine könnte gleichberechtigt sein und in der restlichen letzten ist der Mann der uneingeschränkte Herrscher. Es ist absurd anzunehmen, dass Männer die Welt beherrschen, das ist eine bewusst hergestellte Fatamorgana der Frauen um weitere Macht an sich zu bringen. Da hilft nur eins, wenn man sich selbst treu sein will als Mann: Aussteigen, wenn man den Mut hat!

    Eine Leserempfehlung
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    sehe ich absolut genau so !!!

    @dritter-stock-links

    Ich stimme Ihren Ausführungen weitestgehend zu, habe ich doch ähnliche Erfahrungen und Beobachtungen gemacht.

    Der Artikel hat mich gefesselt, auch wenn er nicht meine 100%ige Zustimmung erhält. Doch der Umfang und die Recherche ist beachtenswert.

    Lustigerweise trifft dieses Thema auch meine aktuelle Situation, denn ich tue mir schwer eine neue Bindung einzugehen.

    Nicht, weil ich nicht könnte oder wollte, nein, ich habe bereits so viele abschreckende Beispiele gesehen, dass ich nicht mehr will.

    Hier an der Universität gibt es das Fach genderstudies, der Begriff ist ein Hohn, der Lehrinhalt erschreckend.

    Ich begegne kaum noch einer Frau, mit der ich normal über solche Themen reden kann, überhebliche, übermoralische political correctness ist mir sowas von zuwider.

    Da mach ich nicht mit, die Dinge werden zu kompliziert.

    Doch eigentlich ist die Liebe recht einfach, wenn wir uns nur lösen könnten von der Indokrination der Geschlechter.

    Im Übrigen bin ich recht freundlich und strebe stets nach Gerechtigkeit, doch bei dieser Thematik ist nichts mehr zu retten, die Verblendung beherrscht die Akteure und deren Gefolgschaft.

    Was soll's, ich gelte als Macho. Soll mir recht sein, so habe ich ein Problem weniger und muss mich nicht verkaufen, um irgendwelchen gesellschaftlichen Konventionen zu entsprechen.

    So sitz ich mit Bier vorm Fußball und bin glücklich ;)

    "Aussteigen, wenn man den Mut hat!"

    Ehm... nicht dass ich insistieren wollte, aber ... räusper ... was meinen Sie damit?

    Also Sie bringen einen aber auf eigenartige Gedanken.

    Schade, dass wir diese tiefere Bedeutung nicht rechtzeitig erläutert bekommen, sondern erst wenn sich die Scheidungsindustrie über uns hergemacht hat.

  7. "Der weiblich gebaute Bockmist darf gerne zum Vergleich herangezogen werden."

    Da gilt es ja eben einiges an strategischer Vernebelung mit dem Ziel dauerhafter Opferstatus zu bekämpfen. Beispiel häusliche Gewalt wurde im Artikel aufgegriffen.
    Und die Zurichtungen bzw. Instrumentalisierungen im Interesse weiblicher Bedürfnisse spiegelt sich nicht nur in den unterschiedlichen Lebenserwartungen wider. Paternalismus lauthals beklagen und gleichzeitig sich seiner zu bedienen ist m.E. der perfideste Bockmist.

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