GeschlechterverhältnisDas verteufelte Geschlecht

Wie wir gelernt haben, alles Männliche zu verachten. Und warum das auch den Frauen schadet. Ein Essay

Wachsfigur des Schauspielers Marlon Brando

Wachsfigur des Schauspielers Marlon Brando

Gleich zu Beginn der Finanzkrise sah das Magazin der Süddeutschen Zeitung, wie sich ein unheimlicher Penis der Zerstörung erhob. Neben dem Foto eines erigierten Büroturms und unter der moralstickigen Überschrift Hochmut kommt vor dem Phall schrieb das Blatt: »Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.« Um in Klammern und kokett hinzuzufügen: »Im Ernst: Wäre Frauen der ganze Mist passiert?«

Die einzig sinnvolle Antwort »Klar, warum denn nicht?« fiel dem Autor nicht ein. Stattdessen raunte er von der Gier, dem Machthunger, der Gewissenlosigkeit und dem Egoismus der Männer, genauer: der »Herde von Männern«, um das Animalische im Manne auch gebührend zu entlarven. Unklar blieb allerdings, ob der männliche Redakteur damit auch eine Selbstbeschreibung lieferte und was das für seinen Text bedeutete: tierisch gut, tierisch schlecht, tierisch blöd?

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Er wähnte sich wohl in bester Gesellschaft, denn etwa zur gleichen Zeit deutete der Trendforscher Matthias Horx die Finanzmalaise zur »Testosteron-Krise« um. Vermutlich unabhängig davon gelobte die nach dem Bankencrash gewählte isländische Premierministerin Jóhanna Sigurðardóttir, das »Zeitalter des Testosterons« zu beenden. Das wiederum dürfte die Financial Times Deutschland begrüßt haben, schrieb sie doch unter der Überschrift Ausputzfrauen ohne Umschweife: »Frauen sind die besseren Finanzexperten. (...) Nun sollen sie die Trümmer der Männer wegräumen – und mit ihrem Gespür für Risiken den nächsten Absturz verhindern.«

Christoph Kucklick

Autor in Berlin, hat über das negative Männerbild promoviert. Sein Buch Das unmoralische Geschlecht ist im Suhrkamp Verlag erschienen

Die Welt war wieder heile, also eigentlich kaputt. Kriegstreiber und Trümmerfrauen, die Männer reißen ein, die Frauen bauen auf, Testosteron zerstört, Östrogen heilt.

Man würde vermutlich unnötig strenge Maßstäbe anlegen, verlangte man eine halbwegs plausible Erklärung dafür, warum der schwankende Testosteronspiegel einer Männerpopulation sich auf die internationale Finanzwelt auswirken soll: etwa auf die globalen Ungleichgewichte von Handelsströmen und Zahlungsbilanzen oder auf das Kleingeschriebene der Euro-Verträge, die erst mit einem Jahrzehnt Verzögerung ihre Fatalität offenbaren.

Ach, da solle man nicht kleinlich sein? Es reiche doch schon der Hinweis, dass vor allem Männer als Banker arbeiten. Klar: Und so viele Kinder scheitern bereits in der Grundschule, weil dort überwiegend Frauen unterrichten...

Also noch mal: Worum geht es? Welchen Erkenntniswert erhoffen sich die Autoren, wenn sie die Finanzkrise und die meisten anderen Krisen unserer Welt – Hormone hin oder her – den Männern in die Schuhe schieben? Was genau meinen sie damit?

Denn es dreht sich ja nicht nur um die Wirtschaftskrise. Als sich im vergangenen Jahr überwiegend Männer in Davos zum Elitegipfel trafen, legten sie, berauscht von der Höhenluft, ein Papier vor mit dem hoffnungsfrohen Titel: »Sechs globale Herausforderungen, eine Lösung: Frauen!« Feminine Linderung versprechen sie sich unter anderem bei Arbeitslosigkeit und Kriegen, in Fragen der Bildung und solchen der alternden Gesellschaft. Was im Umkehrschluss vermuten lässt: In diesen Fällen sind Männer das Problem, oder sie erzeugen es. 

Diese Diagnose würde wohl der ehemalige französische Außenminister Bernard Kouchner teilen, der 2008 in pompöser Schlichtheit konstatierte: »Fortschritt wird durch Frauen erzielt.« Dass Männer im Kontrast dazu als »Feinde der Menschheit« gelten müssen, hat sogar die ZEIT schon vor zehn Jahren getitelt. 

Man kann aus solchen Erkenntnissen auf verschiedene Weise Profit schlagen: mit brachialer Rhetorik wie die schwedische Politikerin Ireen von Wachenfeldt, die in hinreißender Offenheit befand: »Männer sind Tiere« – was die Feministische Partei Schwedens mit der Forderung nach einer »Männer-Steuer« begleitete. Oder indem man die Paranoia pflegt wie die Innsbrucker Politik-Professorin Claudia von Werlhof, die Männer verdächtigt, im Rahmen des »kapitalistischen Patriarchats« das verheerende Erdbeben von Haiti ausgelöst zu haben – weil sie den naturfeindlichen Männern auch bizarrste geologische Experimente zutraut. Oder indem man sich dem Mainstream der Gesellschaft andient, wie im aktuellen Grundsatzprogramm der SPD, das unter Kapitel 3.4 fordert: »Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.«

Leserkommentare
  1. 313. Zitat:

    "Denn das Weibliche rettet nicht. Das bedeutet: Das Männliche zerstört nicht. Wir haben die Welt 200 Jahre lang so eingerichtet, dass der gegenteilige Anschein entstehen konnte. Wir dürfen uns jetzt davon lösen."

    Interessant. Das Wüten in Kriegen, Massenvergewaltigungen, Schlägereien auf Schulhöfen oder später in Kneipen, körperliche Misshandlungen auf U - Bahnhöfen mit Todesfolge,
    gekaufter Sex, frauenverachtende Pornografie und und und - es war alles nur Einbildung. Dass es meistens Männer waren - purer Zufall.
    Frauen dürfen sich also endlich auch gegenseitig abschlachten, verprügeln oder vergewaltigen, sie dürfen endlich dazu stehen, dass sie genauso "scheisse" und verroht sind wie Männer.
    Wenn die Erkenntnis nun also lautet, dass Frauen dasselbe Potential zur Gewalt, Unmoral etc. in sich tragen, warum hat es sich dann im Laufe der letzten Jahrhunderte nicht durchgesetzt? Oder anders gefragt: Warum haben all die "bösen" Männer von ihrem Recht auf Friedfertigkeit im Großen wie im Kleinen so wenig Gebrauch gemacht, den genauso bösen Frauen den Vorrang diesbezüglich gelassen?
    Nun ja. Ob es für ein Opfer sexueller oder sonstiger Gewalt ein Trost ist, wenn man ihm sagt: "Es hätte auch eine Frau sein können!"? Werden nach all den Straftaten tatsächlich immer die Falschen (die Männer) eingebuchtet, waren es in Wirklichkeit womöglich Frauen? War "jack the ripper" eine Frau?
    Ist Gott eine Frau? ;-) Schließlich lässt er/ sie soviel Gewalt auf dieser Erde zu....

    Eine Leserempfehlung
  2. "Der Humor fast aller Kabarettistinnen und weiblichen Comedians besteht zu 90% aus Männer-Bashing. (...)
    Was auffällt bei dieser "satirischen" Männerschelte: Meist handelt es sich bei den "Deppen", Machos, Waschlappen, Sexmonstern usw. um Partner oder Ex-Partner. Da stellt sich aber doch die Frage: Wie blöd sind denn die Frauen, dass sie offenbar nur auf solche (Stereo-)Typen hereinfallen"

    Es gibt fast keine anderen.

    Wenn man nun mal zusammenfasst: Kritik ist weder in Reinform (Alice Schwarzer), noch auf humorvolle Art (Bühne) statthaft. Es darf keine Kritik an Männern geben. Jedenfalls keine negative. ;-)
    Nun seid bitte nicht so streng, Frauen haben doch sonst nichts zu lachen in den Beziehungen.

    Antwort auf "Frauenhumor?"
  3. Bisher habe ich noch nie einen so fundierten Text über die negative Sicht des Mannes und des Männlichen gesehen - super, erfrischend, ernüchternd. Und doch bleibt etwas: dass die Biologie keine Rolle spielen solle, keine, gar keine, ist doch recht gewagt. Über weite Zeitspannen haben mächtige Strömungen des Christentums das Biologische und Fleischliche abgelehnt und propagierten das Geistige alleine. In diese Tradition zurückzufallen ist nun wirklich erstaunlich. Warum soll die Biologie nicht AUCH eine Rolle spielen, im Wissen, dass sie alleine das Erscheinungsbild am Ende nicht prägt, aber MITPRÄGT. Östrogen, Testosteron - können sie wirklich durch jede beliebige Substanz ersetzt werden mit dem selben Outcome? Bitte, ein wenig mehr Realismus und Bodenhaftung! Sonst, wie gesagt: der Text passt mir.

  4. das Kunststück ist, dass Kritik an ihm abperlt, sie hindert ihn nicht weiter zu machen.

    Wenn Frau in der Öffentlichkeit über einen Mann klagt, dann bekommt sie zur Antwort: Es sind ja nicht alle Männer so.
    Wenn sie denn über "die Männer" schlechthin klagt, dann heißt es: Du kannst doch nicht alle in einen Topf schmeißen, nur weil einer dich enttäuscht hat.

    Allein schon mit dieser Argumentation schafft Mann es (oder Frau ergreift Partei) aus der Schußlinie zu kommen und die eigentlich nötige Kritik ins Leere laufen zu lassen.

    Das ist jetzt nur EIN! Beispiel, wie Kritik am Mann abgeblockt wird.
    Männer lassen lieben, das stasmmt von mir. Den Text fand ich sehr gelungen, vieles davon kann ich bestätigen, aber anderes finde ich absolut nicht zutreffend.
    Das Jungen stärker nach Geschlecht erzogen werden, kann ich absolut nicht nachvollziehen. Man lässt sie heute nicht mehr so rabaukenhaft sein, Schlagen und Prügeln werden unterbunden. Aber sie machen es trotzdem.

    Ich habe es so gesehen: Frau wird in die gute Rolle gezwängt und Mann bekommt die schlechte Rolle. Und diese Erfahrung habe ich dazu gemacht: Wenn etwas gut ist, dann nimmt man das einfach hin, es wird nur reagiert, wenn man enttäuscht vom Guten ist, dann kritisiert man .
    Mit dem Schlechten verhält es sIch genauso: schlechter wie schlecht geht nicht, man geht auch nicht hin und kritisiert das Schlechte permanent. Da übersieht man das Schlechte und lobt den Mann (für jeden Handschlag)

  5. fehlt eine Seite.
    Der Mann ist kein richtiger Mann, wenn er gut ist. Dann wird er als Weichei, als Warmduscher und andere Nettigkeiten bezeichnet. Vielfach sind es aber seine eigenen Geschlechtsgenossen, die mit darauf aufpassen, dass der Mann auch ein richtiger Mann bleibt. Da muss sich so ein Wackelkandidat schon mal die Frage gefallen lassen: Hast du deine Frau nicht mehr im Griff?

    Und die Frau ist keine richtige Frau, wenn sie schlecht ist.
    Nun, bei der Frau greift ein anderer Mechanismus, sie wird quasi erpresst: Wenn du mich liebst, dann tust du alles für mich! Zusammen mit der Kritik, der sie ausgesetzt ist, kann sie nur rotieren wie ein Hamster im Laufrädchen. Es stellt sich nun mal niemand gerne als schlecht hin. Und je besser sie als Ehefrau und Mutter sein möchte, je mehr darf sie rotieren. Das ist eine Haltung, die heute vielfach üblich ist.

    Es geht vorrangig um die Gefühle, die Frau soll ihre negativen, bösen Gefühle nicht zeigen und der Mann soll die positiven, weichen Gefühle nicht zeigen.
    Beiden Seiten fehlt also eine Seite. Aber alle Menschen haben die gesamte Palette der Gefühle angefangen bei ganz böse bis ganz lieb. Und: der Mensch wird von seinen Gefühlen geleitet.
    Positive Gefühle lässt man ja in der Regel auch raus, bei den negativen ist das schon anders, besonders die Frauen dürften ein Problem haben, sich als schlecht zu zeigen.
    Und Männer müssen gegensteuern und sich sagen, dass Härte auch nicht normal ist.

    Eine Leserempfehlung
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    Der Mann ist kein richtiger Mann, wenn er gut ist.
    Und die Frau ist keine richtige Frau, wenn sie schlecht ist.
    -------------------
    Implizit sagen Sie, im Regelfall ist der Mann schlecht, die Frau gut.
    Und dann wundern Sie sich, wenn die Emanzipation bei den Männern auf taube Ohren stößt?

    Der Mann ist kein richtiger Mann, wenn er gut ist.
    Und die Frau ist keine richtige Frau, wenn sie schlecht ist.
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    Implizit sagen Sie, im Regelfall ist der Mann schlecht, die Frau gut.
    Und dann wundern Sie sich, wenn die Emanzipation bei den Männern auf taube Ohren stößt?

  6. ist das eine große Herausforderung, der er sich auch bisher entzogen hat. Ist es doch so, als ob er das Bild, dass er von sich hat, komplett verwerfen muss.
    Der Mann muss stark sein, das ist ihm anerzogen worden. Weinen und Schächegefühle zu zeigen wurde ihm nicht erlaubt.
    Nun ist es aber so, dass der Mann sehr wohl Schwächegefühle hat. Und wenn er sie nicht zulassen kann, dann können diese Gefühle in Aggression ausarten. Wenn er es schafft, sie zu unterdrücken, dann arbeiten sie im Unterbewusstsein weiter, daraus kann Neid und Mißgunst entstehen, genauso gut wie Eifersucht und noch andere. Der Mensch schadet sich selbst am meisten, wenn er seine Gefühle unterdrückt.
    Der Mann muss sich mit seinen Gefühlen auseinandersetzen und sich Schwächegefühle eingestehen. Er muss sich selbst sagen, dass er deshalb als Mann nicht weniger wert ist, eher noch mehr wert ist. Dadurch wird er authentisch.

    Frau muss sich selbst sagen, dass sie auch das Recht auf ein eigenes ICH hat und dieses ICH nicht unterdrücken muss. Jetzt haben wir ja wieder Muttertag, ich habe das so ausgedrückt: Einen Tag im Jahr als Mensch behandelt zu werden, das ist mir zuwenig. Ich bin jeden Tag des Jahres ein Mensch und möchte als solcher behandelt werden!
    Im Übrigen wird das Klima innerhalb der Familie ein sehr viel besseres, wenn alle zusammen arbeiten. Allerdings darf man nichts fordern, Forderungen zerstören die Liebe. Auch Mann ist eingebunden, die Kinder sehen in ihren Eltern Vorbilder.

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    "Für den Mann ist das eine große Herausforderung, der er sich auch bisher entzogen hat."
    ---
    Wessen genau soll sich "der Mann" entzogen haben?

    "Für den Mann ist das eine große Herausforderung, der er sich auch bisher entzogen hat."
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    Wessen genau soll sich "der Mann" entzogen haben?

  7. Hass ist ein grosses Wort und wohl gewählt, scheint es mir. Hass finde ich selten, eher Ablehnung. Wenn man nun die Dinge, die schlecht laufen, und das tun sie?!, untersucht, ohne das männlein oder das weiblein zu strapazieren, gerät man an menschliche Eigenschaften. Eine wissenschaftliche Arbeit möchte neue Erkenntnisse schaffen. Und hier wird gleich mit einer These gearbeitet: Frauen hassen Männer. Das müsste doch belegt werden? Wie wird diese Aussage belegt. Man hat ein Forschungsobjekt und belegt die Aussage, die man trifft. Vielleicht wird es die Zeit bringen. Wenn wir in 10 Jahren 60 % weibliche Vorstände bei Banken und Industrie haben, dann kann man vergleichen. Und dann hätte man Material und Aussagen zu treffen. Weil ich selbst keine langen Texte mache ich hier schluss.

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  8. "Für den Mann ist das eine große Herausforderung, der er sich auch bisher entzogen hat."
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    Wessen genau soll sich "der Mann" entzogen haben?

    Antwort auf "Für den Mann "

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