GeschlechterverhältnisDas verteufelte Geschlecht

Wie wir gelernt haben, alles Männliche zu verachten. Und warum das auch den Frauen schadet. Ein Essay von Christoph Kucklick

Wachsfigur des Schauspielers Marlon Brando

Wachsfigur des Schauspielers Marlon Brando  |  © Gabriel Bouys/AFP/Getty Images

Gleich zu Beginn der Finanzkrise sah das Magazin der Süddeutschen Zeitung, wie sich ein unheimlicher Penis der Zerstörung erhob. Neben dem Foto eines erigierten Büroturms und unter der moralstickigen Überschrift Hochmut kommt vor dem Phall schrieb das Blatt: »Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.« Um in Klammern und kokett hinzuzufügen: »Im Ernst: Wäre Frauen der ganze Mist passiert?«

Die einzig sinnvolle Antwort »Klar, warum denn nicht?« fiel dem Autor nicht ein. Stattdessen raunte er von der Gier, dem Machthunger, der Gewissenlosigkeit und dem Egoismus der Männer, genauer: der »Herde von Männern«, um das Animalische im Manne auch gebührend zu entlarven. Unklar blieb allerdings, ob der männliche Redakteur damit auch eine Selbstbeschreibung lieferte und was das für seinen Text bedeutete: tierisch gut, tierisch schlecht, tierisch blöd?

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Er wähnte sich wohl in bester Gesellschaft, denn etwa zur gleichen Zeit deutete der Trendforscher Matthias Horx die Finanzmalaise zur »Testosteron-Krise« um. Vermutlich unabhängig davon gelobte die nach dem Bankencrash gewählte isländische Premierministerin Jóhanna Sigurðardóttir, das »Zeitalter des Testosterons« zu beenden. Das wiederum dürfte die Financial Times Deutschland begrüßt haben, schrieb sie doch unter der Überschrift Ausputzfrauen ohne Umschweife: »Frauen sind die besseren Finanzexperten. (...) Nun sollen sie die Trümmer der Männer wegräumen – und mit ihrem Gespür für Risiken den nächsten Absturz verhindern.«

Christoph Kucklick

Autor in Berlin, hat über das negative Männerbild promoviert. Sein Buch Das unmoralische Geschlecht ist im Suhrkamp Verlag erschienen

Die Welt war wieder heile, also eigentlich kaputt. Kriegstreiber und Trümmerfrauen, die Männer reißen ein, die Frauen bauen auf, Testosteron zerstört, Östrogen heilt.

Man würde vermutlich unnötig strenge Maßstäbe anlegen, verlangte man eine halbwegs plausible Erklärung dafür, warum der schwankende Testosteronspiegel einer Männerpopulation sich auf die internationale Finanzwelt auswirken soll: etwa auf die globalen Ungleichgewichte von Handelsströmen und Zahlungsbilanzen oder auf das Kleingeschriebene der Euro-Verträge, die erst mit einem Jahrzehnt Verzögerung ihre Fatalität offenbaren.

Ach, da solle man nicht kleinlich sein? Es reiche doch schon der Hinweis, dass vor allem Männer als Banker arbeiten. Klar: Und so viele Kinder scheitern bereits in der Grundschule, weil dort überwiegend Frauen unterrichten...

Also noch mal: Worum geht es? Welchen Erkenntniswert erhoffen sich die Autoren, wenn sie die Finanzkrise und die meisten anderen Krisen unserer Welt – Hormone hin oder her – den Männern in die Schuhe schieben? Was genau meinen sie damit?

Denn es dreht sich ja nicht nur um die Wirtschaftskrise. Als sich im vergangenen Jahr überwiegend Männer in Davos zum Elitegipfel trafen, legten sie, berauscht von der Höhenluft, ein Papier vor mit dem hoffnungsfrohen Titel: »Sechs globale Herausforderungen, eine Lösung: Frauen!« Feminine Linderung versprechen sie sich unter anderem bei Arbeitslosigkeit und Kriegen, in Fragen der Bildung und solchen der alternden Gesellschaft. Was im Umkehrschluss vermuten lässt: In diesen Fällen sind Männer das Problem, oder sie erzeugen es. 

Diese Diagnose würde wohl der ehemalige französische Außenminister Bernard Kouchner teilen, der 2008 in pompöser Schlichtheit konstatierte: »Fortschritt wird durch Frauen erzielt.« Dass Männer im Kontrast dazu als »Feinde der Menschheit« gelten müssen, hat sogar die ZEIT schon vor zehn Jahren getitelt. 

Man kann aus solchen Erkenntnissen auf verschiedene Weise Profit schlagen: mit brachialer Rhetorik wie die schwedische Politikerin Ireen von Wachenfeldt, die in hinreißender Offenheit befand: »Männer sind Tiere« – was die Feministische Partei Schwedens mit der Forderung nach einer »Männer-Steuer« begleitete. Oder indem man die Paranoia pflegt wie die Innsbrucker Politik-Professorin Claudia von Werlhof, die Männer verdächtigt, im Rahmen des »kapitalistischen Patriarchats« das verheerende Erdbeben von Haiti ausgelöst zu haben – weil sie den naturfeindlichen Männern auch bizarrste geologische Experimente zutraut. Oder indem man sich dem Mainstream der Gesellschaft andient, wie im aktuellen Grundsatzprogramm der SPD, das unter Kapitel 3.4 fordert: »Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.«

Leserkommentare
  1. "Aussteigen, wenn man den Mut hat!"

    Ehm... nicht dass ich insistieren wollte, aber ... räusper ... was meinen Sie damit?

    Also Sie bringen einen aber auf eigenartige Gedanken.

  2. Und?
    Dann gibt es biologische Unterschiede zwischen Frau und Mann.
    Die einzigen großen Verlierer dabei sind die Unternehmen, die mit Werbung nichts mehr verkaufen würden wenn mehr Menschen davon wüssten;
    Die ganzen Gender/Feminismus/Maskulinismus/religiösen Ideologievertreter die keine Gläubigen mehr finden für ihre Schriften;
    Und natürlich letztlich auch die Medien die keine Artikel mehr über derartigen Mist schreiben können.

    Es ist nur immer wieder lächerlich, wenn einem das eigene Geschlecht zur Last gelegt wird.
    Aber das Ziel wurde so leider nicht erreicht: Anstatt braver Konsumenten hat man nun einen großen Haufen an frustrierten Menschen die größtenteils nicht mehr für den Fortbestand der Bevölkerung suchen.
    Die einzigen die sich quasi ungehindert vermehren sind diejenigen die sowieso nichts mehr zu verlieren haben.

    Traurig nur dass es einen Sarrazin brauchte um derartige Thesen wirklich auszusprechen.
    Übrigens zur Anmerkung: Das Buch ist größtenteils blödsinnig, die biol. Thesen sind hirnrissig aber die Empirie ist mehr als überzeugend leider...

  3. den ganzen Text zu lesen und zu verstehen und nicht nur das, was einem grade passt:O)

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "@denkmalmit #26"
    • fegalo
    • 16. April 2012 19:37 Uhr

    Der Autor Christoph Kucklick ist offenbar in der Gendertheorie zuhause, auch wenn er sich des Themas „Verteufelung der Männer“ annimmt. In dieser Theorie ist „Biologismus“ bekanntlich ein schlimmes Schimpfwort, und ein Wissenschaftler wie Baron-Cohen, der auf statistische Strukturunterschiede im Gehirn von Männern und Frauen verweist, die mit real beobachtbarem Verhalten korrelieren, macht sich da natürlich strafbar.

    Ich frage mich zuweilen, ob man mit Menschen, die alle Geschlechterunterschiede einebnen wollen, die sämtliche einseitig mit Mann oder Frau verbundenen Qualitäten entweder diskreditieren oder der anderen Seite oktroyieren wollen, Mitleid haben muss.

    Schließlich ist das Erlebnis der Unterschiedlichkeit der Geschlechter – nicht nur der körperlichen, auch der wesensmäßigen – auch eine Quelle der größten Freude im Leben, von der ich glaube, dass sie in unserer Natur angelegt ist. Und wer diese Freude erleben möchte, der kultiviert den Unterschied. Das machen die meisten Menschen ganz instinktiv, und zwar bereits Kinder – inzwischen oft zum Entsetzen feministisch indoktrinierter Erzieherinnen.

    Schon in meiner Jugend kamen mir die sauertöpfischen Charaktere, die keinerlei Spannung zwischen sich und dem anderen Geschlecht empfunden haben, bedauernswert vor. Suum cuique. Aber man muss ja nicht einfach hinnehmen, dass diese Fraktion heutzutage die Definitionsmacht über des Verhältnis der Geschlechter im öffentlichen Diskurs übernehmen möchte.

    10 Leserempfehlungen
    Antwort auf "The male condition "
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    äußere Geschlechtsmerkmale mithin Natur als maßgeblich trennende Kategorie zugrunde legt und in Gesetzesform gießen möchte.
    Hier zeigt sich der reaktionäre Charakter einer Ideologie, die Natur einerseits verleugnet - andererseits dort wo sich Natur mit Macht Bahn bricht, dirigistisch und zwangsquotierend eingreift. Denn wenn Frau und Mann sich in ihrer Natur nicht unterscheiden, warum sie dann Frau bevorzugen und bejubeln und über jede noch so niedrige Schwelle hin zur Führungsposition tragen?

    Schließlich ist das Erlebnis der Unterschiedlichkeit der Geschlechter – nicht nur der körperlichen, auch der wesensmäßigen...

    Nunja, der Artikel erläutert ja sehr anschaulich, dass diese "Kultivierung der Unterschiedlichkeit" im wesentlichen eine Zuordnung alles negativen an den biologischen Mann und eine analoge Zuordnung alles positiven an die biologische Frau darstellt.

    Vielleicht fragen sich die Biologisten mal, warum Frauen massenhaft männliche Domänen erobern (und diese dann geschlechtsbezogen bewerten - Mann trinkt Bier aus der Flasche: Assi, Frau trinkt Bier aus der Flasche: Cool und emanzipiert), anstatt zur "Kultivierung von Unterschieden" diese exklusiv den Männern überlassen.

    Man kann über manch eine Gendertheorie lächeln, aber Fakt ist eben auch:

    Die Biologisten erzählen einem wortreich, warum Frauen angeblich weder Fußballspielen (Kampf statt Konsens) noch Motorradfahren (zu gefährlich, zuviel Angst), während man in der Realität jede Menge Motorradfahrerinnen und nicht viel weniger Fußballerinnen sieht.

    Damit sind biologistische Thesen falsifiziert.

  4. Lieber Herr Kucklick,

    zunächst einmal vielen Dank für dieses ausgezeichnete Essay, dass ich mit großem Interesse gelesen habe.

    Ich hätte noch eine Anmerkung zum Verhältnis von Moralität und Rationalität in historischer Perspektive, mit dem man die Überlegung u. U. noch ergänzen könnte:

    Ihr wesentlicher Punkt lautet, dass man die Entwicklung der Theorie der Männlichkeit seit der Aufklärung nicht nur als die der These, der allgemeinen Überlegenheit des Mannes (v.a. in puncto Vernunftbegabung), sondern ebenso gut als eine der moralische Unterlegenheit deuten kann. Aus einer bestimmten moralphilosophischen, genauer einer moralskeptischen Perspektive ließe sich nun aber sogar eine kausale Verknüpfung dieser beiden Aspekte vorhersagen. Diese Sicht - immerhin beginnt mit dem Zeitalter der Vernunft auch das Zeitalter der Vernunftkritik und -skepsis - geht davon aus, dass moralische Grundsätze nicht in einem starken Sinne begründungsfähig sind und deshalb auch individuell nicht aus rationaler Aneignung übernommen werden können (1), sondern dass moralische Einstellungen lediglich aus genetischer Vorprägung oder kultureller 'Abrichtung' resultieren (2). Diese beiden Thesen zusammen legen nun die Vermutung nahe, dass ein Individuum, dass vollständig reflexiv ist, die Überflüssigkeit moralischer Grundsätze erkennt und sie zugunsten seiner egoistischen Interessen über Bord wirft, d.h. also aus vollständiger Rationalität vollständige Amoralität resultiert.

    MFG,

    DB

    • y4rx
    • 16. April 2012 19:56 Uhr

    Ein Freund, der lange in China gearbeitet hat, erzählte mir, daß alle Kollegen, die länger als 2 Jahre auch dort waren, dann mit einer Asiatin verheiratet waren. Auch die, die vorher mit einer westlichen Frau zusammen waren.
    Ihm selbst ging es ebenso. Und seine Frau ist beileibe keine hörige Haushälterin oder sowas. Die weiß sehr genau, was sie will, und vertritt das auch. Allerdings auf eine Art und Weise, die mehr mit Partnerschaft zu tun hat, als mit Rivalität.
    Das sollte "unseren" Frauen hier zu denken geben. Ich kann mittlerweiel gut verstehen, warum Männer lieber allein bleiben.

    8 Leserempfehlungen
  5. in den Sand und widersprechen nicht diesem Feminismusgequatsche? Wenn wir etwas dagegen sagen, dann heisst es doch wir wollen nur unsere Pfründe verteidigen.

    4 Leserempfehlungen
  6. Ich mußte nach eineinhalb Seiten aufgeben. Die Dossiers der Zeit sind mittlerweile langatmige Lifestyle-Texte, die einen wissenschaftlichen Hintergrund vorspiegeln, aber einfach nur eine recht zufällige Ansammlung von Aussagen sind. Ich erinnere mich hier an die seitenlange Nivea-Werbung. Dieser Arme-Männer-Text ist langweilig, oberflächlich und populistisch. Der Autor mußte sich hier wohl mal ausweinen.
    Die Aussage 'Wir müssen die männliche Gesellschaft überwinden' mit der Aussage 'Wir müssen die jüdische ...' zu vergleichen, ebenso wie die anderen Beispiele dieser Art sind nun wirklich oberpopulistisch und zeugen davon, dass der Autor die Aussagen überhaupt nicht verstanden hat. Aber es liest sich erstmal ganz lustig, wenn man nicht weiter darüber nachdenkt.

    Übrigens hätte so manch einer der hämisch erwähnten Grundschulscheiterer mit übermäßig machohaftem Familienhintergrund mit mehr Grundschullehrern vermutlich tatsächlich bessere Chancen. Aber sich mit frechen Sprößlingen abzugeben ist ja nicht männlich genug und daher in unserer Männergesellschaft auch zu schlecht bezahlt, als dass sich viele Männer dafür interessieren würden.

    7 Leserempfehlungen
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    "Die Aussage 'Wir müssen die männliche Gesellschaft überwinden' mit der Aussage 'Wir müssen die jüdische ...' zu vergleichen, ebenso wie die anderen Beispiele dieser Art sind nun wirklich oberpopulistisch und zeugen davon, dass der Autor die Aussagen überhaupt nicht verstanden hat."

    Sie ist eben *nicht* populistisch. Sie zeigt auf, dass es in höchstem Maße unfair ist, eine ganze Rasse/Religion/Geschlecht über einen Kamm zu scheren. Ich kann nicht verstehen, warum es grundsätzlich inkorrekt ist, Juden/Araber/Schwarze/Weiße über einen Kamm zu scheren, aber bei Männern ist das ok?? Bitte erklären Sie mir das!

    @ Colorada:

    Einspruch. Der Artikel ist weder langweilig noch populistisch oder oberflächlich. Und die Promotion eines Sozialwissenschaftlers darf man durchaus als wissenschaftlichen Hintergrund verstehen. Das heißt nicht, dass man jede These kritiklos übernehmen muss, es darf durchaus auch Kritik geübt werde. Aber eine pauschale Aburteilung ist nicht fair und gerecht.

    Der von Ihnen zitierte Vergleich der Aussagen finde ich zur Veranschaulichung für angebracht. Noch stärkeren Tobak sehe ich aber in den anderen (realen) Aussagen, diese finde ich zum Teil wirklich heftig: "Männer sind Tiere", "Männer" (völlig gedankenlos verallgemeinert) seien für das "Erdbeben auf Haiti verantwortlich"? Würden Sie es begrüßen, wenn ähnliches einfach so über Frauen geschrieben würde? Ich fände das sehr schlimm und ich finde es auch bei Männern schlimm!

    Ich bestreite absolut nicht, dass auf genug Gebieten trotzdem immer noch Frauen benachteiligt, belächelt und unfair behandelt werden - auf dieses Problem wird übrigens auch im Artikel im hinteren Teil deutlich hingewiesen. Gleiches gilt aber leider auch für Männer und das bringt niemanden weiter, es schadet nur, deshalb ist es wichtig auch auf dieses Problem hinzuweisen!

    Grundschullehrer: Bin ich ganz bei Ihnen, sowie wohl auch der Autor des Artikels. Die Frage ist eben gerade, warum unsere Gesellschaft es so unattraktiv macht und Grundschullehrer geradezu als "unmännlich" gelten. Ist nicht gerade das Diskriminierung?

    Freundliche Grüße

    • E.Wald
    • 16. April 2012 21:22 Uhr

    "Dieser Arme-Männer-Text ist langweilig, oberflächlich und populistisch. Der Autor mußte sich hier wohl mal ausweinen."
    Dieses "Argument" kommt doch jedes Mal, wenn ein Artikel über Männer gebracht wird - meist in schöner und paradoxer Zweisamkeit mit dem Machismo-Vorwurf. Wer argumentiert hier nochmal langweilig, oberflächlich und populistisch?

    Zum Artikel: ich fand's sehr interessant zu lesen. Schade, dass der Artikel nur noch unter Gesellschaft steht; er sollte die selbe Aufmerksamkeit wie die vergangenen Artikel über "Schmerzensmänner" und Frauenquote erhalten (die ja für sich auch nicht gerade wissenschaftliche Glanzlichter darstellen). Offenbar fehlt der ZEIT-Redaktion dafür leider der Mut.

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