Amerika-GipfelWir sind am Ende

Der Krieg gegen die Drogen ist gescheitert. Lateinamerikas Staatschefs wollen die Legalisierung. von 

Monterrey, Mexiko

Am Tatort eines Drogenmordes in Monterrey, Mexiko  |  © STRINGER Mexico / Reuters

Ich bin nicht gegen jeden Krieg. Ich bin gegen dumme Kriege." Barack Obama hat diesen Satz als junger Senator gesagt. Er meinte damals den Irak-Feldzug, nicht den aussichtslosesten und längsten Krieg, den die USA jemals begonnen haben. Eine ganze Amtszeit lang hat Obama den war on drugs, den Krieg gegen die Drogen , unvermindert weitergeführt wie schon fünf seiner Vorgänger. Nun spürt er zum ersten Mal massiven politischen Widerstand. Nicht von einer Friedensbewegung, sondern von Amtskollegen auf dem Kontinent. Anlässlich des Gipfeltreffens der amerikanischen Staats- und Regierungschefs, das am Samstag im kolumbianischen Cartagena beginnt, fordern die lateinamerikanischen Präsidenten zum ersten Mal eine offene Debatte über die Entkriminalisierung der Drogen. Schon vergangenen November hatte Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos die Strategie der Kriminalisierung als "anachronistisch" bezeichnet und eine internationale Debatte über die Legalisierung vorgeschlagen. Monate später setzte er sie auf die Agenda des Gipfels und überwand schon im Vorfeld die wichtigste Hürde: Barack Obama nahm die Einladung trotz der für ihn prekären Tagesordnung an. Eine Debatte über die Legalisierung von Drogen ist im Wahlkampf das Letzte, was er brauchen kann.

Der Krieg gegen die Drogen, so die Botschaft von Santos und seinen lateinamerikanischen Amtskollegen, ist gescheitert. Und weil dieser Krieg ein globaler ist, gilt sie nicht nur für die Schauplätze in Kolumbien, Mexiko , Guatemala oder Bolivien, sondern auch für den Rest der Welt.

Anzeige

Für die europäische Öffentlichkeit mag dieser gut vorbereitete Tabubruch von Cartagena überraschend kommen: Bei dem Wort Krieg denkt man in Berlin, Paris und London an Afghanistan , nicht an Mexiko, wo seit 2006 in Kämpfen zwischen kriminellen Kartellen, Militär und Polizei rund 50.000 Menschen getötet worden sind. Den Begriff des "kollabierten Staates" assoziiert man hier mit Afghanistan oder Somalia, nicht mit Guatemala oder El Salvador, wo Drogenkartelle inzwischen rund 40 Prozent des Territoriums kontrollieren .

Doch Europa sollte die Debatte in Cartagena aufmerksam verfolgen. Denn das Nein zum war on drugs geht auch mit einer Warnung an die reichen, westlichen Länder einher: Die lateinamerikanischen Nationen sind nicht mehr bereit, ihre Gesellschaften zum Kollateralschaden eines Krieges gegen Rauschmittel zu machen, deren Produktion durch die USA und Europa überhaupt erst angeheizt wird. Dort liegen, trotz steigenden Konsums im Süden, nach wie vor die weltweit größten Absatzmärkte für illegale Drogen.

Die Vorreiter der Gipfel-Initiative sind neben dem Kolumbianer Juan Manuel Santos der Bolivianer Evo Morales , Guatemalas neu gewählter Präsident Otto Pérez Molina und Mexikos aus dem Amt scheidender Staatschef Felipe Calderón . Ihre Motive, ihre politische Herkunft und ihr taktisches Kalkül könnten unterschiedlicher nicht sein. Morales, der erste indianische Staatschef seines Landes, kommt aus der politischen Bewegung der Koka-Bauern. Die von den USA forcierte Kriminalisierung des Koka-Anbaus hat er immer schon verurteilt. Pérez Molina, während des guatemaltekischen Bürgerkrieges General einer Armee, die zahlreiche Massaker an der indigenen Bevölkerung beging, gab sich noch im Wahlkampf als Hardliner im Kampf gegen Drogen. Nun, da sein Land unter der höchsten Mordrate seit dem Bürgerkrieg leidet, sieht er offenbar keine andere Möglichkeit, als neue Strategien auszuprobieren. Kolumbiens Santos will das Erbe seines politischen Ziehvaters und Vorgängers Álvaro Uribe abschütteln, der von George W. Bush sieben Milliarden Dollar für den Drogenkrieg erhielt und dieses Geld besonders in den Kampf gegen die Farc-Guerilla investierte, die schon seit Jahren Rauschgift produziert und schmuggelt.

Leserkommentare
    • Tambai
    • 14. April 2012 11:55 Uhr

    Konsum von Rauschmittel kann auch als Spiegelbild der Gesellschaft betrachtet werden...
    In der Tat stehen die Latain amerikanischen Staaten mit dem Rücken zur Wand, (so als wenn man hier bei uns Bier und Schnaps verboten hätte). Der Ablauf hat sich enorm zugespitzt und die Debatte über die Legalisierung von Rauschmittel kommt leider erst jetzt. In einer Studie der WHO plädiert man auch für eine Legalisierung.
    Kurzfristig wird das in den westlichen Ländern zu vermehrtem Anstieg führen.. wir sind ja die Spassgesellschaft und was brauchen wir um Spass zu Haben... Rauschmittel... Das würde heißen das wir mittelfristig eine Menge an gesellschaftlichen Debatten zu führen hätten.
    Das würde unsere Denkweise unserer Lebensweise neu beflügeln.

    Rauschmittel gab es schon eh und je. Setzen wir uns mit den Ursachen der Sucht auseinander, finden wir dafür helfende Konzepte dann brauchen wir langfristig nicht vor der Legalisierung bange sein.

    Die Legalisierung käme am meisten denen zu Gute die am meisten darunter zu Leiden haben. Die einfachen Bauern, die Landbevölkerung, den anschaffenden Damen und nicht zu letzt den Süchtigen selber. Einbußen hätte die Waffenindustrie, Banken, korrupte, machtsüchtige und gewalttätige Geschäftsleute hinzunehmen. Um die täte es mir nicht wirklich leid. Doch gerade die werden sich wehren. Und bestimmt mit allen erdenklich fiesen Mitteln.

    3 Leserempfehlungen
  1. ... orientiert sich die Drogenpolitik leider nicht an wissenschaftlichen Kriterien. Das gibt die Drogenbeauftragte, Frau Dyckmans (FDP)ganz unverblümt zu.
    Zitat:
    >>Bei Cannabis handelt es sich um eine berauschende Substanz, deren Konsum gesundheitsgefährdend ist.<<

    Wobei sie offensichtlich schlecht informiert ist: Der Wirkstoff im Cannabis ist berauschend, aber nicht schädlich. Schädlich ist die Konsumform des Rauchens. Man kann C. auch oral konsumieren. Es gibt keine bekannte tödliche Überdosis.

    Aber es geht um einen "gesellschaftlichen und politischen Konsens", nach dem Motto "Trink halt Alkohol": Dessen Produktion wird in D sogar mit Millionen gefördert, obwohl jedes Jahr an die 40.000 Menschen (allein in D) an den Folgen übermäßigen Trinkens sterben.

    Durch den so entstandenen illegalen Markt verzichtet die Regierung auf Kontrollmöglichkeiten des Angebotes. Dabei werden gesundheitliche Risiken durch gepanschte Substanzen in Kauf genommen:
    Blei- und Plastikanteile in Cannabis, Gips und Strychnin in Heroin und Kokain, Partypillen mit unbekanntem Inhalt... all das sind die Früchte unserer Drogenpolitik.

    Wenn wir uns als aufgeklärte Gesellschaft betrachten wollen, müssen wir die Bürger informieren, nicht bevormunden.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Tambai
    • 14. April 2012 12:07 Uhr

    Es stimmt das der Genuss von Cannabis zum Rausch führt. Dieser Rauschzustand ebbt bei regelmäßigem Konsum ab. (fragen sie mal die langjährigen Kiffer) Man erreicht nicht mehr diese "euphorischen Momente. Der "Stoned" Zustand ist eben dann eine andere Form. Und dies wird unterschiedlich wahrgenommen. Einige berichten von depressiv, melancholischen und sogar von Angstzuständen. Nicht alle törnt das an.

  2. Die gibt's seit über 10 Jahren in fast beliebigen Ausführungen.

    http://www.google.de/sear...

    Antwort auf "Legalisierung"
  3. Bei der Frage der Drogenpolitik sollte man sich als aller erstes fragen wer davon profitiert. Es sind in erster Linie die USA. Sie rüsten die betroffenen Staaten in Südamerika aus mit Sicherheitstechnik, Personal und Waffen. Multimilliarden Dollar Aufträge. Sie eröffnen Militärstützpunkte z.B. in Kolumbien. Natürlich nur um den Drogenkrieg zu führen. Die Mafiabanden bringen ihr dreckiges Geld bevorzugt in die USA und legen es an der Wallstreet an.

    Und nicht zuletzt steht immerwieder der Vorwurf im Raum, die CIA finanziert sich abseits des US-Haushaltes mit Drogengeld.

    Nein, die südamerikanischen Staten sollten sich im Notfall über die Blockade der USA hinwegsetzen und ihre eigene Drogenpolitik einführen. Die USA schert sich bei ihrer Politik auch einen Dreck über die Meinung der Nachbarn im Süden.

    4 Leserempfehlungen
  4. Mit Drogenmissbrauch ist es wie mit Prostitution: Beides lässt sich nicht mit verhältnismäßigen Mitteln unterbinden, damit braucht es eine pragmatische Lösung zur Minimierung des gesellschaftlichen Schadens.
    Leider wurde die Debatte, wie die meisten Debatten bei uns, maßgeblich von den U.S.A beeinflusst, wo mittlerweile jede politische Initiative als "Krieg gegen Irgendwas" verkauft wird, in der vergeblichen Hoffnung, den Urnenpöbel vom Fernsehsessel hochzuscheuchen.
    Freigabe harter Drogen halte ich für zu gefährlich: vor kurzem hatten wir den Fall, daß ein kleines Mädchen durch Methadon zu Tode gekommen ist. Der Fall illustriert das Problem: harte Drogen sind tödlich und Junkies sind aufgrund ihrer Erkrankung völlig unzuverlässig. Mein Vorschlag wäre ein flächendeckendes Netz von Fixerstuben, wo harte Drogen abgegeben und unter Aufsicht konsumiert werden können.
    Weiche Drogen würde ich freigeben, aber Freiheit bedeutet auch Verantwortung: zwei Jahre ohne Bewährung für Cannabis oder Kokain am Steuer und endlich, endlich nach dem Grundsatz der actio libera in causa Alkohol nicht mehr als Strafmilderungs- sondern als Strafschärfungsgrund.
    Noch eins: wer wie der Autor Crack von der Gefährlichkeit für vergleichbar mit Kokain hält, zeigt, daß er sich mit dem Thema nicht mal oberflächlich beschäftigt hat.

    3 Leserempfehlungen
  5. "Das Verbot kam erst in den 60er-Jahren, auf massiven Druck der USA in internationalen Gremien. Die dortigen, puritanisch-prüden Hinterwald-Moralvorstellungen haben gefälligst überall zu gelten."

    - Was wenige wissen: Es war eine politische Entscheidung, durchgefochten von einem U.S.-Politiker, der hier sein Profilierungsfeld suchte und fand: Anslinger - http://www.cannabislegal....

    Ich meinte in meinem Beitrag jedoch den Gedanken, dass Gesellschaften, gleich, ob nun die U.S.A. oder europäische - generell keinen so großen Abusus von Drogen jeglicher Art hätten, wenn sie humanere Lebensvoraussetzungen bieten würden. In unseren Leistungs-, Ellenbogen- und Konsumgesellschaften möchten immer mehr Menschen zumindest zeitweise die Trost- und Sinnlosigkeit ihrer Existenz "vergessen".

    3 Leserempfehlungen
    • Tambai
    • 14. April 2012 12:07 Uhr

    Es stimmt das der Genuss von Cannabis zum Rausch führt. Dieser Rauschzustand ebbt bei regelmäßigem Konsum ab. (fragen sie mal die langjährigen Kiffer) Man erreicht nicht mehr diese "euphorischen Momente. Der "Stoned" Zustand ist eben dann eine andere Form. Und dies wird unterschiedlich wahrgenommen. Einige berichten von depressiv, melancholischen und sogar von Angstzuständen. Nicht alle törnt das an.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "In Deutschland..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    kann sogar Wasser tödlich sein.

  6. Cocablätter machen im Urzustand gelbe Zähne und so abhängig wie ein Darjeeling.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service