Pressekonferenz der Polizei Emden im Mordfall des 11-jährigen Mädchens. © Carmen Jaspersen/dpa

Hartmut Ufen will unbedingt den Namen wissen, den Namen von Lenas Mörder. An einem Sonntag erfährt er von dem Tod des Mädchens, einen Tag nachdem es in einem Parkhaus in Emden umgebracht wurde. »Ein Mörder läuft frei herum!«, denkt er. Er will ihn finden, im Netz. Er ist nicht der Einzige, die Netzgemeinde zieht auf Facebook in den Kampf, eine Gemeinschaft der Jäger. Es wird spekuliert und denunziert. Bilder vermeintlicher Täter werden gezeigt, Namen gepostet und wieder gelöscht. Als am Dienstagabend, drei Tage nach dem Mord, ein 17-Jähriger festgenommen wird , schickt Hartmut Ufen eine Nachricht in den virtuellen Raum: »Wie heißt denn der mutmaßliche Täter?« Er bekommt viele Nachrichten, die fragen, warum er das wissen wolle. Und eine Nachricht, in der ein Name steht. Emden hat 52.000 Einwohner, jeder kennt jemanden, der jemanden kennt.

Noch sieht alles nach normaler Ermittlungsarbeit aus. Ein Mord ist geschehen, ein Täter gefunden. Wenige Tage später zeigt sich, dass alles ganz anders ist, dass diese Geschichte lange vor der Tat beginnt. Eine Geschichte, die sich aus Pannen, Verzögerungen und Versäumnissen zusammensetzt: bei der Polizei, beim Jugendamt und in der Psychiatrie. Und die sich nach der Tat beständig fortschreibt, durch die Sozialen Netzwerke, die jede Neuigkeit verbreiten und kommentieren. Eine neue, unkontrollierbare Kraft, die schließlich aus dem virtuellen Raum in die Wirklichkeit einbricht.

Hartmut Ufen sitzt auf einem grauen Sofa in seinem Wohnzimmer, er ist 21, neben ihm hockt seine Freundin. Die Wände sind orangefarben gestrichen, Kerzen leuchten auf dem Tisch, ein riesiger Fernseher hängt an der Wand, es läuft Pro Sieben. Unter dem Bildschirm liegt der Laptop, Ufens Nachrichtenzentrale.

Nachdem Ufen den Namen geschickt bekommen hat, schaut er sich auf Facebook das Profil von Niklas P.* an. Seine Jagd nach dem Mörder ist bequem, er muss noch nicht mal die Wohnung verlassen. Ufens Freundin sagt, P. sei ihnen verdächtig vorgekommen, er trage auf den Bildern im Netz einen schwarzen Kapuzenpulli wie auf dem Video der Überwachungskamera im Parkhaus. Auf seiner Facebook-Seite lesen sie, P. höre gern Gangsta-Rap, Lieder, in denen Frauen nicht besonders gut behandelt werden. »Oh Gott, der könnte es sein«, denkt Ufen. Wer solche Musik hört, bei dem scheint ihm alles vorstellbar. »Wir wollten einfach wissen, wer das ist, ob wir vielleicht sogar mit dem befreundet gewesen sind«, sagt Ufens Freundin. Sie sind aufgeregt, aufgeputscht. Ufens Freundin hört von jemandem, der P. kennt: Das sei ein ganz Ruhiger. Stille Wasser sind tief, denkt sie.

Für die Verfolger im Netz gibt es das Adjektiv »mutmaßlich« vor dem Wort Täter bald nicht mehr, sie wollen ihn steinigen, ihn hängen sehen. Am Dienstagabend ruft eine Bekannte bei Ufen an und fragt, ob sie mitkämen zur Polizeiwache in Emden, den Täter rausholen. Ufen hat die Aufrufe auf Facebook schon gelesen. Die beiden entscheiden sich dagegen, sie wollen den vierjährigen Sohn nicht allein lassen. In der Nacht ziehen etwa 50 Facebook-Freunde vor die Wache und fordern den Tod des vermeintlichen Täters. Ufen blickt zu seiner Freundin, sie ruft jetzt ihre Bekannte an, die dabei war. Sie sei zu spät gekommen, sagt diese, und überhaupt habe sie nur im Auto gesessen. Sie will über die Aktion nicht mehr sprechen. Denn drei Tage nachdem der Mob sich vor der Wache versammelt hatte, stellt sich heraus: Niklas P. ist unschuldig . Er wird aus der Haft entlassen.

Im Wohnzimmer ist es für einen Augenblick sehr still, nur das Mauzen der Katze dringt vom Balkon herein. Seit sie wissen, dass sie einem Unschuldigen den Tod gewünscht haben, ist Hartmut Ufen und seiner Freundin ihr Jagdfieber peinlich. Ufen arbeitet als Maschinenführer in einer Werft, in einer Arbeitspause hat er eine Entschuldigung an die Familie von Niklas P. entworfen und wieder auf Facebook gepostet. »Der 17-Jährige ist es nicht, wir sollten uns alle bei ihm aufrichtig entschuldigen und ihm und seiner Familie wieder zu einem normalen Alltag verhelfen«, schreibt er darin. Sein Brief sei sehr lang geworden, sagt er, lang heißt bei Facebook: fünf Sätze. Immerhin traut er sich damit mehr als die meisten seiner Facebook-Freunde. »Ich bin froh, dass wir ihn nicht so doll verurteilt haben wie die anderen«, sagt Ufen.