KrisenprotesteLügen gegen das Kapital

Es ist ein Märchen, zu glauben, der Finanzsektor müsse stärker reguliert werden, um die Krise zu überwinden. Wer so spricht, hat Angst vor unserer abstrakten Zeit, meint der Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler. von Ernst-Wilhelm Händler

Occupy-Schild in Washington, D.C.

Occupy-Schild in Washington, D.C.  |  © Mladen Antonov/AFP/Getty Images

Auslöser der jüngsten Finanzkrise war nicht eine spezifische Bankenstrategie oder ein innovatives Finanzinstrument, sondern das Ende einer Ära: Es gibt keine risikofreien Staatspapiere mehr. Bis in die jüngste Zeit hinein galten die Bonds aller Mitgliedstaaten der Euro-Zone als sicher. Die Staaten waren daran interessiert, ihre Defizite zu möglichst günstigen Konditionen zu finanzieren. Deshalb mussten Banken der Euro-Zone, die entsprechende Anleihen in ihren Büchern hatten, dafür kein Eigenkapital bereitstellen. Der 21. Juli 2011 markiert eine Zeitenwende: Mit der Einbeziehung des Privatsektors in die Bewältigung der griechischen Zahlungsschwierigkeiten änderte sich die Bewertung von Staatspapieren westlicher Wirtschaften fundamental. Auch nach dem jetzt durchgeführten griechischen Schuldenschnitt herrscht auf den Märkten für Staatsanleihen Unsicherheit.

Wenn die Occupy-Bewegung die Ursachen für die Finanzkrise in einem entfesselten Markt und in dem maßlosen Profitstreben der Banker sieht, macht sie es sich zu einfach. Die Ursache für die gegenwärtige Krise ist das Ausgabeverhalten aller, der Konsumenten, der Firmen und der Staaten. Die Staaten sind nicht die Alleinschuldigen. Nach gewissermaßen hausväterlichen Berechnungen kann eine Volkswirtschaft bei gegebenen demografischen Strukturen und Produktivitätszuwächsen eine Gesamtverschuldung von circa 180 Prozent des Bruttoinlandsproduktes langfristig finanzieren. In den europäischen Staaten und den USA haben Privathaushalte, Unternehmen und öffentliche Haushalte ganz einfach zu viel Geld ausgegeben. Der nach dieser Vorgabe abzubauende Schuldenüberhang beträgt für die Euro-Zone 6,12 Billionen Euro und für die USA 8,24 Billionen Euro.

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Obwohl sie das Gegenteil beteuern, versuchen Regierungen und Zentralbanken, die angehäuften Schulden durch eine inszenierte mittelfristige Inflation zu entwerten. Sie sehen keine realistische Alternative. Der demografische Wandel zu immer älteren Gesellschaften zehrt einen großen Teil der Gewinne aus dem technologiebedingten Produktivitätszuwachs auf. Eine Stimulierung des Wirtschaftswachstums durch Geldpolitik ist nicht mehr möglich, die Bedingungen, zu denen sich die Banken mit Zentralbankgeld versorgen, können nicht noch günstiger werden. Ein Sparkurs der öffentlichen Haushalte, der seinen Namen verdienen würde, führt in die Rezession und zur Abwahl der Regierenden.

Schon die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands bereitet Probleme, der Zahlungsausfall eines anderen Euro-Landes würde die Existenz des Bankensystems in seiner jetzigen Form gefährden. Die Bereitschaft des Kapitals, Kosten für die Akzeptanz des ökonomischen Systems zu tragen, ist durchaus nicht verschwunden. Aber eine umfassende Restrukturierung der Schulden scheitert auch daran, dass es die von der Occupy-Bewegung behauptete gigantische Umverteilung zugunsten der Beherrscher des Finanzsektors nicht gab. Die Börsenperformance der Finanztitel in Europa und in den USA ist – euphemistisch ausgedrückt – unterdurchschnittlich. Ein Blick auf die Liste der 500 reichsten Deutschen zeigt: Die wirklich Reichen sind allesamt in der Realwirtschaft tätig. Sie mögen geerbt haben und sie mögen bei Finanztransaktionen ihr Vermögen vermehrt haben. Aber es gibt niemanden darunter, der ein Vermögen ausschließlich durch Finanzdeals gemacht hat.

Welche andere Möglichkeit bleibt den Regierungen und Zentralbanken? Der Währungsschnitt, die Abschaffung einer bestehenden Währung und ihre Ersetzung durch eine neue, schafft Schulden, aber auch Guthaben ab. Eine soziale Komponente könnte verhindern, dass Arbeitnehmer ihre Ersparnisse verlieren. Aber dann werden mächtigere Inhaber von Guthaben wie Firmen oder vor allem Länder, die Devisenreserven der abgeschafften Währung halten, ebenfalls auf Startguthaben in der neuen Währung bestehen. Den in der neuen Währung zur Verfügung gestellten Startguthaben müssen Startschulden entsprechen, womit der erwünschte Effekt des Neuanfangs mindestens verwässert würde.

Oberflächlich gesehen, protestiert die Besetzt-die-Banken-Bewegung gegen die falschen Akteure. Die Lebenssituation, in der sich viele Menschen als Folge des gegenwärtigen ökonomischen Umbruches befinden, fordert es jedoch ein, sich mit den tieferen Zielen und Motiven des Protests zu beschäftigen. Nicht nur die Mitglieder der Occupy-Bewegung betrachten den Einfluss der Finanzwirtschaft auf die Realwirtschaft als grundsätzlich schädlichen. Zum einen oktroyiert die Finanzwirtschaft den Akteuren auf den Märkten für Güter und Dienstleistungen das bedingungslose Gebot der Profitmaximierung. Der erbarmungslose Wettbewerb auf den Märkten sondert ständig nicht wettbewerbsfähige Menschen und Firmen aus und testet die Überlebensfähigkeit ganzer Staaten. Zum anderen zieht die Finanzwirtschaft die Realwirtschaft über Spekulationsblasen immer wieder in Abschwünge hinein. In diesem Geschehen spielen individuelle Lebensperspektiven keine Rolle. Der Kapitalismus wird als eine Maschine gesehen, deren Input die Leben der Menschen sind und deren Output Geld ist.

Dabei ist das Geld zugleich Symbol für alles, was am Wirtschaftsprozess abstrakt ist. Dementsprechend bildet die Finanzwirtschaft die Verkörperung aller abstrakten Aktivitäten. Die Occupy-Bewegung ist auch ganz wesentlich eine Revolte gegen das Abstrakte, das nach dem Empfinden der Menschen Lebensaussichten sowohl unkenntlich macht als auch zerstört.

Leserkommentare
    • fauler
    • 13. April 2012 23:47 Uhr

    Ich finde, der Schriftsteller analysiert unsere Situation besser als so manch anderer Wirtschaftswissenschaftler es hätte tun können. Doch was als Lösung vergeschlagen wird, die Schulden zu bezahlen, wenn auch auch so, dass die Wirtschaft nicht angegriffen wird, finde ich zu naiv gedacht.

    Die erste Frage sollte doch sein, bei wem wir verschuldet sind und wie diese Personen und Institutionen an soviel Geld kommen konnten, welches Erträge in der Realwirtschaft um ein vielfaches übersteigt.

    Das was wir nicht als Steuern von den Reichen einnehmen, wird als Schuld bei diesen herangeschafft. Wenn wir die nicht entsprechend besteuern- sodass, das was ihnen übrig bleibt, deren Leistung entspricht die sie für die Gesellschaft erbracht haben bei dem Produzieren von Wohlstand- müssten wir unsere Ausgaben senken, was IMMER die einfachen Bürger trifft.

    Absurd die Situation. Wir prodzuieren immer mehr, doch verliert der einfache Bürger inzwischen immer mehr an Wohlstand.

    Es muss endlich aufhören, dass die Politiker Handlanger der Wirtschaft, um zu präzisieren, der Finanz"wirtschaft" sind und endlich sich dem Wohl der Bürger verpflichten!

  1. Hier wird Ursache und Wirkung verwechselt!

    "Auslöser der jüngsten Finanzkrise war nicht eine spezifische Bankenstrategie oder ein innovatives Finanzinstrument, sondern das Ende einer Ära: Es gibt keine risikofreien Staatspapiere mehr."

    Mit Verlaub, aber das ist Blödsinn!

    Vor dem Banken-Kollaps 2007 - Das Staatsdefizit betrug im Jahr 2007 0.7% (BIP) im Euro-Raum - Die Gesamtschuldenquote war seit "Euro-Start" um 10% gesunken (ITA = 17%gesunken) - 21 von 35 Regierungen fahren Etatüberschüsse ein - Senken der Schuldenquote:
    Spanien auf 40%, Irland auf 30%, Rekordtief der Risikoprämie auf Staatsanleihen Dies hat sich 2007 schlagartig geändert: Laut Bundesbank mussten im Jahr 2010 €240mrd für kollabierende Banken aufgebracht werden (Hälfte des gesamten Anstiegs der Staatsschulden seit 2007). Laut Carmen Reinhart/Kenneth Rogoff stieg die Schuldenquote der Länder von 40 auf 90%. Auf Deutschland bezogen sind es €255mrd. "Wie Reinhart und Rogoff in historischen Studien herausfanden, hat fast jede Bankenkrise
    irgendwann zu ernsten Problemen in den Staatsfinanzen geführt, manchmal zu Pleiten: "Bankkrisen sind gute Frühindikatoren für Staatsschuldenkrisen". Man beachte die Wirkungsrichtung.
    Es sinnvoll von einem Schuldenabbau zu sprechen, nur ist diese Krise im Ursprung keine Staatsschuldenkrise und der Schuldenanstieg seit 2007 ist die Folge des Bankenkollapses. Schuldenbremsen schön und gut, aber es ist - wenn man ehrlich ist - nichts anderes als das "Kurieren an Symptomen".

    Eine Leserempfehlung
  2. "Die einzig zuverlässige Methode zur Reduktion des Finanzsektors besteht im Abbau der ubiquitären Verschuldung."

    Wieder falsch, was das Verschreiben planloser Austerität mit immer neuen Sparprogrammen bewirkt, haben Griechenland und Portugal bereits gezeigt, die Reise führt in die Depression und man entfernt sich so von einer wirtschaftlichen Gesundung nur noch weiter.

    "Nun können die Schuldenüberhänge, wenn überhaupt, nicht schnell abgebaut werden. Die Länder müssen effektiver wirtschaften, der Schlüssel dazu sind Strukturreformen, die immer eine Wirkung haben: Sie verschärfen den Wettbewerb auf allen Märkten."

    "Effektiver Wirtschaften" = siehe meinen obigen Beitrag, Ursache und Wirking.

    Was Sie mir Ihren "Strukturreformen" meinen, sollte jedem klar sein, Kürzungen wo es nur geht.

    Dazu ein interessanter Beitrag des Ökonomen Herbert Schui, mit dem Titel "Die wahren Gründe für die Sparpolitik".
    http://www.zeit.de/wirtsc...

    Dies sind wohl auch die wahren Gründe des Unternehmers Ernst-Wilhelm Händler!

    • Logeg
    • 15. April 2012 21:25 Uhr

    Wie viele Leute sind dort beschäftigt und welchen Anteil hat er an den gesamten Unternehmensgewinnen?

  3. @Logeg

    Erst einmal lesen und verstehen, dann einen - so hoffe ich doch - nicht so dermaßen dämlichen Kommentar ablassen.

    Hier geht es um die von Händler subversiv geforderte Austerität für ALLE im Sinne der "Märkte".
    http://www.zeit.de/wirtsc...

    Hier geht es nicht um die Beschäftigten im "Finanzsektor" (el oh el).

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