NetzwerkLiken Sie uns!

Facebook ist für Firmen ein Muss: In dem Netzwerk wollen sie cool rüberkommen, weil junge Leute da ständig abhängen. Aber wie macht man das? Besuch bei einem Einsteiger-Seminar für Facebook-Marketing.

Bertolt Brecht war nicht auf Facebook. Aber in der Dreigroschenoper schrieb er den für Facebook paradigmatischen Vierzeiler:

»Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.«

Anzeige

Es gibt bei Facebook die im Lichte, das sind die Connaisseure, die wissen, wie es läuft in der virtuellen Welt. Und es gibt die im Dunkeln, das sind die Nichtwissenden, die sich selten outen – weil sie Angst haben, abgehängt zu werden, ohne jemals dabei gewesen zu sein. Vom Zusammenprall dieser beiden Gruppen handelt das folgende Dramolett. Wir sind bei einem Einsteiger-Seminar für Online-Marketing auf Facebook. Sie lesen die dramatisierte Fassung eines wahren Ereignisses.

Der Hotelraum ist klimatisiert, auf blauem Teppich stehen helle Holzstühle und helle Holztische. An den Wänden hängen Filmplakate. Es gibt einen Beamer mit Leinwand und ein Flipchart mit dem Programm. Sieben Stunden dauert das Seminar der Firma eMBIS, es kostet 750 Euro, inklusive Mittagessen und Getränken. Um die Tische sitzen:

Die Marketingfrau einer Hochschule. Lange braune Haare, legerer Look. Die Anfängerin – ist als Einzige der Teilnehmer nicht auf Facebook, fragt Grundlegendes.

Die Marketingfrau eines Bremer Kaufhauses. Gelocktes braunes Haar, beige Jacke, orange Bluse. Die Ängstliche – will beim Firmenauftritt ja nichts falsch machen; ist privat auf Facebook, fragt trotzdem viel Grundlegendes.

Der Pressesprecher einer Forstvereinigung. Kurze braune Haare, Brille, grünes Jackett. Der Besonnene – betreut seit einem halben Jahr die Facebook-Präsenz und will mehr Fans, schreibt fleißig mit und fragt selten.

Der Sales-Manager eines schwäbischen Mittelständlers. Kurze graue Haare, blau-weißes Hemd, schwarze Chucks. Das Alphatier – ist beim Seminar, weil der Chef die Firma auf Facebook haben will.

Vor den Teilnehmern steht: die Seminarleiterin. Schulterlanges Haar, schwarzer Pulli, Schottenrock, schwarze Stiefel. Die Powerfrau – ist seit Jahren im Business, redet pausenlos und lacht schallend

10 Uhr: Das Seminar beginnt

Seminarleiterin: Was ist das eigentlich, dieses Facebook? Diese Frage müssen wir zunächst klären. Für mich ist es wie ein Marktplatz. Früher, da haben wir uns dort getroffen, um zu quatschen. Heute machen wir das auf Facebook. Für Sie als Unternehmen bedeutet das: Auf Facebook führt man keine tieferen Diskussionen, das ist oberflächlich, wie auf dem Marktplatz!

Sie setzt sich an ihr MacBook und klickt auf ihre Facebook-Seite

Damit Sie ein Gefühl für die Sache bekommen, reden wir zum Einstieg über private Profile: Weil ich bei Facebook so viele Freunde habe und so viele Unternehmen like, lasse ich nicht alle Posts von ihnen auf meiner Startseite zu. Facebook hilft mir dabei. Es stellt meine Startseite mit einem Algorithmus zusammen, den nur Facebook kennt. Und der funktioniert so: Weil der Andi ein guter Freund von mir ist und wir viele gemeinsame Freunde haben, bleibt der in der Timeline auf meiner Startseite. Weil ich öfter auf »Deutsche Start-ups« geklickt habe, bleiben die auch drin. Als Unternehmen ist es Ihre wichtigste Aufgabe, in der Timeline Ihrer Fans zu bleiben. Gewinnen Sie also möglichst viele Freunde aus einem Freundeskreis als Fans!

Sales-Manager: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Fan und einem Freund?

Seminarleiterin: Gar keiner. Sie können auch Kontakt dazu sagen. Ein Like ist ein Fan ist ein Freund.

Sales-Manager: Und ist es für eine Firma eigentlich besser, mehrere Seiten auf Facebook zu haben, damit die Leute die Firma immer finden, egal nach welchen Begriffen sie suchen?

Seminarleiterin: (lacht) Nein, nein, auf keinen Fall, dann muss man alle Seiten bespielen, das kostet Zeit und Geld und bringt gar nichts.

Sales-Manager: (beginnt zu schwäbeln) Okay, cool. Des is für mich a richtige Gedankeblitz. Des hab ich net so gesehe. I han denkt: Wenn ma mehrere Seite einer Firma findet, sucht ma sich die aus, die für eine die richtige isch. Aber ich glaub’s Ihne absolut.

Seminarleiterin: Super! Dann machen wir jetzt die erste Aufgabe: Definieren Sie Ihre Ziele für die Facebook-Auftritte Ihres Unternehmen. Zehn Minuten Zeit.

Nach zehn Minuten

Förster: Wir wollen kompetenter Ansprechpartner für das Thema Wald sein, auch für die jungen Leute auf Facebook.

Marketingfrau des Kaufhauses: Für uns ist die Kommunikation mit den Kunden zentral.

Marketingfrau der Hochschule: Wir wollen die Identifikation mit der Hochschule steigern.

Sales-Manager: Wir wollen bekannter werden.

Marketingfrau des Kaufhauses: Eine kurze Zwischenfrage: Wie ist das eigentlich mit dem Löschen? Man hört ja immer diese Horrorgeschichten, dass alles auf ewig auf Facebook bleibt.

Seminarleiterin: (lacht) Klar kann man löschen, dann sieht man es auf der Seite nicht mehr. Aber Facebook behält die Daten. Nur: Die haben ja nichts davon, wenn wir User verärgert sind und die Plattform verlassen. Das ist die Sicherheit, die wir haben. Und Payback sammelt ja auch unsere Daten. Von denen fühle ich mich ehrlich gesagt mehr belästigt als von Facebook.

12.30 Uhr: Mittagessen

Alle gehen in den Speisesaal. Es gibt: Kürbissuppe, Steak mit Rösti und Gemüse, Eis mit Erdbeeren und Brownie. Gesprächsthema ist ein Vogel, der Geräusche von Kettensägen und zuschlagenden Türen nachmachen kann und ein Hit auf YouTube ist

13.30 Uhr: Weiter geht’s

Seminarleiterin: Wir schauen uns nun die Seite der Forstvereinigung an. Ich bin jetzt hyperkritisch, aber bei den Posts ist zu viel Schrift. Das ist zu informationslastig und zu lang – laut Statistik sind 120 Zeichen die beste Länge. Stellen Sie die Pressemitteilung also nicht einfach rein, interpretieren Sie sie! Das heißt: Emotionalisieren Sie!

Erster Post: ein Foto mit Kindern

Seminarleiterin: Kinder sind super auf Bildern, genauso wie Katzen. Und was auch immer gut ist: einen Post mit den Worten »George Clooney« zu beginnen. (lacht schallend)

Zweiter Post: ein kurzer Satz über die Zumutung der Zeitumstellung für Wildtiere

Seminarleiterin: Ein super Post! Aber wo ist das Foto dazu? Wir brauchen ein gähnendes Tier! Sie sehen: Da sind schon gute Sachen dabei, aber man kann immer viel optimieren!

Fünf Minuten Raucherpause, die Teilnehmer unterhalten sich

Sales-Manager: Unsere Seminarleiterin, die macht das echt klasse, gell?

Marketingfrau des Kaufhauses: Ja, total. Sie hat so lebensnahe Beispiele.

Sales-Manager: Ich merk so richtig, wie wichtig das ist. Was kann ich denn machen, wenn ich noch ’n bisserl Gas geben will?

Marketingfrau des Kaufhauses: Ich mache noch das Fortsetzungsseminar im Mai.

Sales-Manager: (streckt den Daumen in die Luft) I like. Das mache ich auch.

Raucherpause beendet

Seminarleiterin: Denken wir jetzt über unsere Zielgruppe nach. Wen wollen wir erreichen? Stellen Sie sich ganz konkrete Personen mit Eigenschaften vor, dann fällt Ihnen das Posten viiiiiel leichter! Nehmen wir ein Beispiel: das Kaufhaus in Bremen. Das hat wunderbare Qualitätsware, aber da kaufen nur die Älteren ein. Wir wollen über Facebook die Jüngeren erreichen. Wer wäre eine typische Kundin? Sagen wir, sie heißt Christiane, ist 32, frisch verheiratet, hat zwei Kinder, ist gut gebildet und in Mutterschaft. Es ist gaaaanz wichtig, sich Christiane genau vorzustellen: Wo wohnt sie? Nicht in Bremen, sondern in einem Vorort, sie brauchen ja einen Garten für die Kinder. Sie hat ein Smartphone, ja, aber ist sie markenaffin? (die Marketingfrau des Kaufhauses nickt) Ja, also hat sie ein iPhone! Ihre Hobbys? Sie macht irgend so ’nen neumodischen Sport.

Sales-Manager: Pilates natürlich! (alle lachen, die Stimmung wird ausgelassen)

Seminarleiterin: Genau! Pilates! Früher war sie reiten, und in den Urlaub fliegt sie, wohin fliegt sie denn? Nach Cooornweeell. Sie liest viel, und sie fährt einen Multi-Van, den haben ja gerade alle Mamis... Sehen Sie? (blickt triumphierend in die Runde) Das ist konkret, damit können Sie arbeiten. Und wenn Sie die Christiane haben, haben Sie auch Ihre Themen auf Facebook. Alles muss praxisbezogen sein. Die besten Posts sind deshalb: Bei mir fährt gerade ein schwarzer Lkw am Fenster vorbei. Ich garantiere Ihnen, da schreiben die Leute zurück: Bei mir ist gerade ein grüner vorbeigefahren. Dann sind Sie fuuurchtbaaaar autheeeentisch!

Marketingfrau der Hochschule: Wie oft sollte man denn posten?

Seminarleiterin: Drei Mal die Woche auf jeden Fall. Aber werden Sie Fan von Wettbewerbern, dann können Sie vergleichen.

Sales-Manager: Wenn ich beim Wettbewerber Fan werde, dann sieht der aber doch, dass ich von der Konkurrenz bin, oder nicht?

Seminarleiterin: Wir sind hier in einer aaabsooooluuut offenen Gesellschaft! Da kann ich doch Fan eines Wettbewerbers werden, das ist gar kein Problem! Und ich kann mir auf allfacebook.com auch die Statistiken all meiner Wettbewerber ansehen.

Marketingfrau der Hochschule: (guckt ungläubig) Ich bin schockiert, dass das geht.

Seminarleiterin: Es ist doch aaaaalles öffentlich, wirklich aaaaalles!

Marketingfrau der Hochschule: Irgendwie denke ich noch falsch.

Seminarleiterin: (versöhnlich) Es ist aus meiner Sicht ganz wichtig, dass Sie ein Gefühl dafür bekommen. Und Sie müssen wissen: Es gibt auch bei Facebook nichts umsonst. Wenn Sie Fans haben wollen, müssen Sie Werbung machen. Ein guter Fan kostet 50 Cent – 30 Cent für die Werbung, und für ’n Gewinnspiel geben Sie im Durchschnitt noch mal 20 Cent aus.

17.00 Uhr: Schluss

Seminarleiterin: Liebe Damen und Herren, wenn Sie noch Fragen haben, dürfen Sie mich jederzeit anmailen, facebooken oder xingen. Ich werde auch gerne Fan von Ihnen.

Alle packen ihre Sachen

Sales-Manager: (zum Förster) Ich werde Ihre Seite auf jeden Fall verfolgen, mit all den wunderbaren Tieren.

Förster: Super, und liken Sie uns, wir können jede Stimme gebrauchen.

Allgemeines Händeschütteln, die Seminarleiterin packt ihren Rucksack

Seminarleiterin: Ich bin total fertig, aber es war wie immer: Am Ende sind alle glücklich.

 
Leserkommentare
  1. über das Innenleben einer Sekte, Ihrer Anhänger und Religionsstifter.

    Wer glaubt, von dem nimmt man gern.

    3 Leserempfehlungen
  2. ...ging es auch bei einem Google Seminar, nur der war umsonst :)
    ...also immer die kostenlosen besuchen, man ist hinterher genauso schlau wie bei den kostenpflichtigen...

    2 Leserempfehlungen
    • barfly
    • 14.04.2012 um 14:55 Uhr

    so oder so ähnlich geschehen?
    in welcher rolle war dann der autor des artikels dabei?

    Eine Leserempfehlung
  3. übrigens, ist ein "Leierschwanz". König im kopieren-irgendwie passend. :D

    3 Leserempfehlungen
  4. Gibts eigentlich "second Life" noch?

    Wäre das nicht der perfekte Kandidat für eine "freundliche" Übernahme durch Zuckerbergs Sekte ?

  5. Facebook ist für mich eine der fragwürdigsten Erscheinung im gesamten Internet. Fragwürdig nicht weil Facebook gefährlich oder problematisch wäre, sondern vor allen Dingen weil dieser inhaltsleeren "clicky bunty" Community eine Bedeutung zugemessen wird, die in keiner Beziehung zur Wirklichkeit steht. Nach dem Motto "... Millionen Fliegen können nicht irren" wird digitale Debilität und binäre Belanglosigkeit propagiert. Wenn das die Segnungen des digitalen Zeitalters sein sollen kann die Devise nur lauten "sofort abschalten". Wie wäre es, wenn man das geniale Medium "Internet" für etwas nutzen würde, was dem Label "social networking" wenigstens im Ansatz gerecht würde.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vielleicht liegt das auch einfach nur daran wie Sie Facebook nutzen oder es eben auch nicht tun. Vielleicht haben Sie auch noch nicht verstanden worum es noch gehen kann, sicher gibt es auch eine Masse wie Sie sie beschreiben. Aber gab es diese nicht schon immmer in ähnlicher Form, auch wenn Sie einem vielleicht nicht so bewusst wurde?
    Es gibt unterschiedliche Arten das Internet und auch Facebook für sich zu nutzen und es mit anderen zu Teilen, aber nur weil man noch nicht den richtigen Weg für sich gefunden hat ist es nicht per se schlecht.

    Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass ich nicht Opfer digitaler Beliebigkeit bin und bei "Content" etwas mehr erwarte als das substanzlose Gestammel pubertierender Gestalten. Natürlich gibt es hin und wieder auch eine Information, die die Bezeichnung zu Recht trägt, aber bei Facebook kann man in dieser Beziehung nur von homöopathischen Dosen sprechen. Es geht mir um alles andere als um eine Verteufelung des Internets, aber man braucht aus jeder Flatulenz eine Symphonie machen nur weil das Geräusch der Masse gefällt.

    Vielleicht liegt das auch einfach nur daran wie Sie Facebook nutzen oder es eben auch nicht tun. Vielleicht haben Sie auch noch nicht verstanden worum es noch gehen kann, sicher gibt es auch eine Masse wie Sie sie beschreiben. Aber gab es diese nicht schon immmer in ähnlicher Form, auch wenn Sie einem vielleicht nicht so bewusst wurde?
    Es gibt unterschiedliche Arten das Internet und auch Facebook für sich zu nutzen und es mit anderen zu Teilen, aber nur weil man noch nicht den richtigen Weg für sich gefunden hat ist es nicht per se schlecht.

    Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass ich nicht Opfer digitaler Beliebigkeit bin und bei "Content" etwas mehr erwarte als das substanzlose Gestammel pubertierender Gestalten. Natürlich gibt es hin und wieder auch eine Information, die die Bezeichnung zu Recht trägt, aber bei Facebook kann man in dieser Beziehung nur von homöopathischen Dosen sprechen. Es geht mir um alles andere als um eine Verteufelung des Internets, aber man braucht aus jeder Flatulenz eine Symphonie machen nur weil das Geräusch der Masse gefällt.

  6. Vielleicht liegt das auch einfach nur daran wie Sie Facebook nutzen oder es eben auch nicht tun. Vielleicht haben Sie auch noch nicht verstanden worum es noch gehen kann, sicher gibt es auch eine Masse wie Sie sie beschreiben. Aber gab es diese nicht schon immmer in ähnlicher Form, auch wenn Sie einem vielleicht nicht so bewusst wurde?
    Es gibt unterschiedliche Arten das Internet und auch Facebook für sich zu nutzen und es mit anderen zu Teilen, aber nur weil man noch nicht den richtigen Weg für sich gefunden hat ist es nicht per se schlecht.

    Eine Leserempfehlung
  7. ...für die Lektüre dieses komplett überflüssigen Artikels gilt es noch viel mehr.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service