Heller Dampf steigt aus langen Schloten über einer Fabrik nahe dem beschaulichen Städtchen Ladenburg am Neckar in die Luft – und verliert sich im blassen Frühlingshimmel. Dieses Werksgelände ist der größte unternehmerische Fußabdruck der verschwiegenen Milliardärsfamilie Reimann in der Region. Mehrere Hundert Mitarbeiter produzieren Reinigungstabs für Geschirrspülmaschinen, nach Angaben des Unternehmens laufen jährlich etwa vier Milliarden Tabs der Marke Finish/Calgonit vom Band.

Die unternehmerischen Wurzeln der Reimanns reichen in der süddeutschen Rhein-Neckar-Region mit den Städten Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg mehr als 180 Jahre zurück. Auch heute sollen Teile der Familie, deren Vermögen vom manager magazin zuletzt auf acht Milliarden Euro geschätzt wurde, dort leben. Zu sprechen sind sie nicht.

Die Reimanns besitzen unter anderem rund 15 Prozent der Anteile am britischen Konsumgüterkonzern Reckitt Benckiser, der wiederum die Fabrik in Ladenburg betreibt. Aber die Besitztümer beschränken sich bei Weitem nicht auf diese Fabrik, auf Geschirrspültabs und Reinigungsmittel. Manager des Reimannschen Familienvermögens investieren seit vielen Jahren in Luxusgüter sowie Kosmetik, und seit zehn Tagen ist bekannt, dass die Familienholding über eine Zwischenfirma den amerikanischen Kosmetikkonzern Avon übernehmen will. Übers Osterwochenende wehrten sich die derzeitigen Avon-Besitzer allerdings demonstrativ gegen diese Offerte. Sie ernannten eine neue Konzernchefin.

Wer sind diese Reimanns?, mögen sich die Amerikaner fragen. Eine Antwort darauf fällt auch hierzulande schwer.

Eine ihrer Spuren hat die Familie auch in Mannheim hinterlassen. Von dort wird das Deutschland-Geschäft von Reckitt Benckiser gesteuert. In Weinheim, keine 20 Kilometer entfernt, produzieren ein paar Dutzend Mitarbeiter Kukident-Haftcreme und -Reiniger für die dritten Zähne. Und auf der anderen Rheinseite, in Ludwigshafen, forschen Wissenschaftler des Konzerns am Geschirrspülmittel der Zukunft. Rund 900 von weltweit rund 27.000 Beschäftigten von Reckitt Benckiser arbeiten in der Region.

Dass sich die deutschen Standorte zwischen Rhein und Neckar konzentrieren, ist kein Zufall. Reckitt Benckiser ging vor einigen Jahren aus dem Zusammenschluss zweier Firmen hervor: Reckitt & Colman und Benckiser, einem Ludwigshafener Chemieunternehmen. Gegründet wurde die Firma 1823 von Johann Adam Benckiser, der sich 1830 den Chemiker Ludwig Reimann in den Betrieb holte. Der übernahm die Firma später, und seither blieb das Unternehmen fünf Generationen lang im Besitz der Familie Reimann.

Noch die Eltern und Großeltern der heutigen Reimanns waren bekannte Größen in der Region. Albert Reimann sen. engagierte sich von 1937 bis 1941 als Präsident der Industrie- und Handelskammer Ludwigshafen; sein Sohn Albert Reimann jun. feierte 1978 seinen 80. Geburtstag mit einem großen Fest, bei dem unter anderem Fernseh-Entertainer Frank Elstner auftrat. Doch nach dem Tod von Albert Reimann im Jahr 1984 zog sich die Familie aus der Öffentlichkeit zurück. Der Besitz ging unter anderem auf die vier Adoptivkinder über, deren Anteile in der Holding Johann A. Benckiser gebündelt wurden.