In der Grundschule waren wir fasziniert von einem Wort, das mit einer gewissen Sprengkraft in unseren Pausenhof klatschte: Sexbombe. Allerdings konnten wir uns nicht wirklich etwas darunter vorstellen. Wir kannten Bomben, Eisbomben, Arschbomben. Aber Sexbomben?

Irgendwann gesellte sich zu diesem Wort ein Name und ein Gesicht: Marilyn Monroe .

Und egal, welchen Monroe-Filmen oder Bildern man im Laufe der Jahrzehnte begegnete, egal, was man über ihr Leben, ihre Liebschaften und ihren rätselhaften Tod erfahren sollte, haften blieb die frühe Vorstellung, dass Marilyn Monroe eine leibhaftige Bombe war, eine von sexuellen Druckwellen umgebene, alles und jeden umwerfende Wasserstoffperoxydexplosion.


In Simon Curtis’ Film My Week with Marilyn schlägt diese Bombe in einen Filmset im England des Jahres 1956 ein: In den Londoner Pinewood-Studios soll Marilyn (Michelle Williams) gemeinsam mit Laurence Olivier (Kenneth Branagh) in dessen Komödie Der Prinz und die Tänzerin spielen. Sie steht auf dem Zenit ihres Ruhms, ist gerade die Frau des weltberühmten Dramatikers Arthur Miller geworden und sieht nervös der Arbeit mit Olivier entgegen. Es wird die Karambolage zweier Darstellerwelten: Hier der König der britischen Bühne, die Schauspielerei als Handwerk und hohe Schule, und da der größte Star der Welt mit seinem von Verletzlichkeit und Angst durchzitterten, in einer chemisch-erotischen Reaktion mit der Kamera verschmelzenden Spiel. Hier Disziplin und professionelles Understatement, da die Identifikation des Method-Acting, Psychodramen und stundenlange Verspätungen auf dem Set, die nicht nur diesen Film zu sprengen drohten.

My Week with Marilyn beruht auf zwei tagebuchartig geschriebenen Büchern des Dokumentarfilmers Colin Clark, der damals auf dem Set als Assistent arbeitete und dabei angeblich eine Romanze mit Monroe erlebte. Als das Verhältnis zu Laurence Olivier wegen ihrer monströs ausartenden Unzuverlässigkeit und ihrer ständigen Textfehler zerrüttet ist und Arthur Miller nach einem Ehestreit abreist, wählt sich Marilyn, so erzählen es Clark und der Film, den jungen Kinonovizen zu ihrem Vertrauten. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Krisentherapie, Flirt und wahr gewordener Jungenfantasie inklusive schmelzender Küsse und Nacktbaden im See. Clark, der auf der Leinwand von dem eher blässlichen Eddie Redmayne verkörpert wird, fühlt sich von dem allnächtlich in Nembutalnebeln entschwindenden Star erwählt, gemeint, vielleicht sogar geliebt.

In einem der wenigen luziden Momente seiner so schlüpfrigen wie geschwätzigen Monroe-Biografie schreibt Norman Mailer über sich selbst als Autor und zugleich über jeden Monroe-Mann: "Er hatte sich in seiner Eitelkeit ja eingebildet, dass niemand auf der ganzen Welt besser imstande wäre, das Beste aus ihr herauszuholen, als ausgerechnet er, eine Selbstüberschätzung, der vielleicht noch fünfzig Millionen andere Männer erlegen waren – er hatte ja noch viel zu wenig erlebt, um zu begreifen, dass das Geheimnis ihrer Kunst gerade darin bestehen könnte, jeden Mann so anzusprechen, als sei er das einzige männliche Wesen, das ihr zur Verfügung stand."

Diese Gratwanderung zwischen Marilyns Projektionskraft und ihrer im ganz buchstäblichen Sinne nicht zu fassenden Person gelingt My Week with Marilyn nicht. Der Film ist zu langweilig fotografiert und zu routiniert inszeniert, um eine Vision von Marilyn zu entwickeln, in der der Mythos und eine Vorstellung ihres Ichs gleichermaßen Platz hätten. So versucht er sich an einer psychologischen Person, zerstört diese Skizze aber immer wieder durch jene einschlägigen Monroe-Posen, die nur abgeschmackt wirken können: Marilyn, süß über ihre Schulter lächelnd, im Überschwang die Beine hochwerfend, mit verwuschelten Haaren aus Bettlaken blinzelnd. Muss man den Zuschauer wirklich daran erinnern, dass er es mit einer Ikone zu tun hat?

Schade, dass der Film eine Schauspielerin wie Williams, die immer eher annähernd als imitierend spielt, so alleine lässt. Doch immerhin stellt er ihr wunderbare Nebenfiguren zur Seite: Marilyns Schauspiellehrerin und Vertraute Paula Strasberg (Zoë Wanamaker) zum Beispiel, die als schwarz gekleideter Zerberus über die Seele ihres Schützlings wacht und unermüdlich Komplimente und Aufmunterungen in den bodenlosen Abgrund ihrer Unsicherheit schaufelt. Oder Judi Dench, die in der Rolle der großen Shakespeare-Darstellerin Sybil Thorndike gleich auf zwei Ebenen vorführt, was britische Schauspielkunst sein kann: Man stellt sich hin, spricht seinen Text und ist dabei ganz nebenbei noch groß.