ChristentumBrauchen wir den Papst noch?

Der deutsche Pontifex feiert 85. Geburtstag. Acht ZEIT-Autoren machen sich Gedanken über die Zukunft seines Amtes.

Papst Benedikt XVI. bei der Osteransprache auf dem Petersplatz in Rom

Papst Benedikt XVI. bei der Osteransprache auf dem Petersplatz in Rom

Ein Chef hat Vorteile

Natürlich braucht die Menschheit einen Papst, was sich am besten e contrario belegen lässt: Was wäre denn, wenn sie keinen hätte? Dann wären die Katholiken wie die Protestanten, Juden und Muslime: ein unordentlicher Verein ohne Führung. Die Juden schaffen es allenfalls bis zum Oberrabbiner, der aber nicht viel zu sagen hat. Von den Protestanten weiß man, dass sie ihre Existenz der Revolte gegen den Pontifex verdanken. Jeder sei sein eigener Priester, war ihr Schlachtruf: Wir brauchen keinen, der uns glauben macht, er hätte den alleinigen Draht zum Himmel. Auch die Muslime haben sich nach Mohammed nie einem Großen Mittler unterworfen, davon zeugen ihre vielen Sekten und Abspaltungen. Der Mullah oder Ajatollah ist kein Priester, sondern Experte in Religionsfragen. Aber was hat es gebracht?

Verwirrende Vielfalt: Im Islam kann jeder Ajatollah seine eigene Fatwah ausstoßen, das schafft eine chaotische Rechtslage. Im Protestantismus gibt es unendlich viele Kirchen – von Anabaptisten bis zu Unitariern, von Calvinisten bis zu Lutheranern. Und bei den Juden gibt es nicht nur Orthodoxe, Konservative, Liberale, sondern da hat in Brooklyn und Israel jeder Rabbi seine eigene Schule und Anhängerschaft.

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Ich glaube nicht, dass der liebe Gott sich das so vorgestellt hat. Mit wem er alles verhandeln muss! Deshalb ist ihm die Una Sancta die liebste, mit einem einzigen Spitzenrepräsentanten, einem unfehlbaren obendrein. Wenn der ex cathedra spricht, hören 1,2 Milliarden Gläubige zu, derweil die anderen Monotheisten wähnen, ihr eigenes Gespräch mit Gott führen zu können.

Gott ist zwar ewig, aber auch seine Arbeitszeit ist begrenzt. Deshalb hat er den siebenten Tag zum Ruhetag ausgerufen. Deshalb schätzt er seinen Stellvertreter, den Papst. Dessen Schäfchen haben einen Wettbewerbsvorteil. Sie dürfen diesen unique selling proposition nie aufgeben.

Josef Joffe

Der Heilige war gestern

Als ich ein kleiner Junge war, durfte ich in den vatikanischen Sammlungen meiner Großeltern kramen. In deren Schlafzimmerkommode lagen Rosenkränze, Heiligenbildchen und Ansichtskarten aus Rom. Am stärksten aber beeindruckte mich das Schwarz-Weiß-Foto eines Mannes mit Tiara, der in einer Sänfte saß, nein: thronte; neben sich riesige Fächer aus Straußenfedern. Huldvoll winkend ließ er sich durch eine Menschenmenge tragen – der »Heilige Vater«, wie meine Großmutter ihn nannte. Dieser unnahbare Herr auf dem Foto, Pius XII., hatte schon längst das Zeitliche gesegnet. Doch verehrt wurde er immer noch.

Mit diesem Bild vom Pontifex bin ich aufgewachsen vor drei Jahrzehnten am Rande des Hunsrücks. Es gehörte zum Glaubensalltag wie Fronleichnamsprozessionen und Erzählungen von der Wallfahrt. Der Papst war einfach da, und sei es als überlebensgroßes Porträt in der Sakristei meiner Gemeinde, in der ich messdiente.

Heute fällt es mir schwer, den genauen Zeitpunkt zu benennen, von dem an der Heilige Vater mir selbst nicht mehr heilig war. Ich denke, es hat gar nicht so sehr mit der gängigen Kritik am Papsttum oder mit der Frage der Unfehlbarkeit zu tun. Womit dann? Das Papstamt kann seinem Wesen nach nur funktionieren, wenn es abgehoben erscheint vom Diesseitigen und etwas Unnahbares hat. Das aber funktioniert in unserer modernen Zeit einfach nicht.

Ich beneide meine inzwischen verstorbenen Großeltern manchmal um ihre Ehrfurcht, mit der sie auf den Nachfolger Petri blickten – als einen, der nicht ganz von dieser Welt war. Sie hätten sich gewundert über heutige Fragen zum Papst: Ist er im Herzen ein Grüner? Schaut er abends fern? Alles hat seine Zeit, heißt es in der Bibel. Johannes Paul II. war der Erste, der darauf verzichtete, in einer Sänfte umhergetragen zu werden. Die Art, wie er öffentlich mit Krankheit und Tod umging, hat mich berührt. Bei seinem Nachfolger Benedikt XVI. interessierte mich, ob ihn das Amt verändern würde. Aber sonst? Ob ich ihn brauche? Ich begegne ihm mit freundlicher Gleichgültigkeit.

Stefan Schirmer

Leserkommentare
  1. es währe mir neu das die antiken schrifftsteller die als quelle und vorbilder des humanismus dienten christlichen glaubens gewesen währen
    auch das ersetzen des höchsten gottes durch den einzigen, auf befehl des imperators sieht auf den ersten blick nicht wirklich nach einer verbesserung aus
    ausser man glaubt der geschichte von den wilden haiden die wer nochmal erzählte?

    Eine Leserempfehlung
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    • malera
    • 15.04.2012 um 22:58 Uhr

    Soweit ich informiert bin, wurde auf die antike Philosophie in der Renaissance ->rück<-gegriffen.

    Auch gab es immer wieder Versuche mit griechische Philosophien christliche Lehren nachzubilden.

    Und soweit ich informiert bin ist das 'Scheitern' des Humanismus eben gerade in der bloßen 'reinen Vernunft' begründet.

    Es besteht nämlich eine menschliche 'Lücke' von Sokrates zu Jesus.

    Während Sokrates an die Unsterblichkeit der Seele aus Vernunftgründen festhält und unbekümmert freiwillig (im Sinne, dem gesprochenen Gesetz übereinstimmend) dem Tod entgegenschreitet, und durch Vernunft dem Stachel Tod begegnet, passiert dies bei Jesu mit aller menschlicher(!) Verzweiflung und einem Zwiegespräch aus einer Aktualität und Gegenwärtigkeit zu Gott heraus, die ganz von dieser Vater-Beziehung getragen, den Kelch an sich vorüberzugehen wünscht, aber trotdem dieser Vaterbeziehung gehorchend, annimt.

    Zwischen Antike und christlich gepägtem Christentum scheint mir ein gewaltiger Unterschied zu bestehen, auch dann, wenn es mit der von antiker Philosophie geprägter Vernunft gedacht und eingeortnet wird.

    • malera
    • 15.04.2012 um 22:58 Uhr

    Soweit ich informiert bin, wurde auf die antike Philosophie in der Renaissance ->rück<-gegriffen.

    Auch gab es immer wieder Versuche mit griechische Philosophien christliche Lehren nachzubilden.

    Und soweit ich informiert bin ist das 'Scheitern' des Humanismus eben gerade in der bloßen 'reinen Vernunft' begründet.

    Es besteht nämlich eine menschliche 'Lücke' von Sokrates zu Jesus.

    Während Sokrates an die Unsterblichkeit der Seele aus Vernunftgründen festhält und unbekümmert freiwillig (im Sinne, dem gesprochenen Gesetz übereinstimmend) dem Tod entgegenschreitet, und durch Vernunft dem Stachel Tod begegnet, passiert dies bei Jesu mit aller menschlicher(!) Verzweiflung und einem Zwiegespräch aus einer Aktualität und Gegenwärtigkeit zu Gott heraus, die ganz von dieser Vater-Beziehung getragen, den Kelch an sich vorüberzugehen wünscht, aber trotdem dieser Vaterbeziehung gehorchend, annimt.

    Zwischen Antike und christlich gepägtem Christentum scheint mir ein gewaltiger Unterschied zu bestehen, auch dann, wenn es mit der von antiker Philosophie geprägter Vernunft gedacht und eingeortnet wird.

  2. 274. Sinnlos

    Mann, sind Sie simpel gestrickt.

    Bei Mahatma Gandhis Aktionen wurden Menschen getötet. Er hätte nie dazu aufrufen dürfen.

    Pazifisten halten Aktien von Firmen, die Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens herstellen, mit denen Menschen getötet wurden. Fragen Sie die mal.

    Fanatiker Ihres Schlages biegen sich alles zurecht.

    2 Leserempfehlungen
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    die jährlich eine Kleinstadt ausradieren; aber auch so kann ich den Vorwurf des Simpel-Gestricktseins ruhigen Gewissens an Sie zurückverweisen. Dow und Fiat waren für ihre Produktpalette bekannt.

    die jährlich eine Kleinstadt ausradieren; aber auch so kann ich den Vorwurf des Simpel-Gestricktseins ruhigen Gewissens an Sie zurückverweisen. Dow und Fiat waren für ihre Produktpalette bekannt.

    • malera
    • 15.04.2012 um 22:58 Uhr
    275. Antike

    Soweit ich informiert bin, wurde auf die antike Philosophie in der Renaissance ->rück<-gegriffen.

    Auch gab es immer wieder Versuche mit griechische Philosophien christliche Lehren nachzubilden.

    Und soweit ich informiert bin ist das 'Scheitern' des Humanismus eben gerade in der bloßen 'reinen Vernunft' begründet.

    Es besteht nämlich eine menschliche 'Lücke' von Sokrates zu Jesus.

    Während Sokrates an die Unsterblichkeit der Seele aus Vernunftgründen festhält und unbekümmert freiwillig (im Sinne, dem gesprochenen Gesetz übereinstimmend) dem Tod entgegenschreitet, und durch Vernunft dem Stachel Tod begegnet, passiert dies bei Jesu mit aller menschlicher(!) Verzweiflung und einem Zwiegespräch aus einer Aktualität und Gegenwärtigkeit zu Gott heraus, die ganz von dieser Vater-Beziehung getragen, den Kelch an sich vorüberzugehen wünscht, aber trotdem dieser Vaterbeziehung gehorchend, annimt.

    Zwischen Antike und christlich gepägtem Christentum scheint mir ein gewaltiger Unterschied zu bestehen, auch dann, wenn es mit der von antiker Philosophie geprägter Vernunft gedacht und eingeortnet wird.

    2 Leserempfehlungen
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    • malera
    • 15.04.2012 um 23:00 Uhr

    annimt->annimmt ; eingeortnet->eingeordnet

    "Und soweit ich informiert bin ist das 'Scheitern' des Humanismus eben gerade in der bloßen 'reinen Vernunft' begründet."
    aus sicht der aufklährung?
    ja
    die scholastik die sich quasi aus dem christlichen direkt mit ihrer rationalistischen methode im frühhumanismus fortsetzte, mit dem unterschied das die quellenzahl vergrößert wurde, ist natürlich das was mit der reinen vernunft,im gegensatz zur praktisch empirischen, in die kritik geriet.
    dies allerdings als argument FÜR den vorhumanismus anzuführen...

    auch diese lesart des sokratischen dramas ist etwas eigenwillig
    ich las dort häufig von "notwendigkeit und verantwortung gegenüber der geselschaft"

    natürlich müssen sie,glaubensgemäß ersteinmal den unterschied untermauern, wie es auch die unterschiedlichen abrahamischen sekten gegeneinander tun - egal was die ausserhalb der eigenen strukturen tradierten quellen besagen.
    nähmlich:
    das christentum ist ein produkt der antike, als solche vom damals gerade aktuellen denken und fühlen geprägt - und von diesem nicht nur nicht zu trennen sondern in einem bezug der gegenseitigen spiegelung gefangen.
    julianus apostata studierte philosophie zusammen mit mehreren späteren kirchenvätern - sie tranken aus der selben,neuplatonischen, quelle.

    • malera
    • 15.04.2012 um 23:00 Uhr

    annimt->annimmt ; eingeortnet->eingeordnet

    "Und soweit ich informiert bin ist das 'Scheitern' des Humanismus eben gerade in der bloßen 'reinen Vernunft' begründet."
    aus sicht der aufklährung?
    ja
    die scholastik die sich quasi aus dem christlichen direkt mit ihrer rationalistischen methode im frühhumanismus fortsetzte, mit dem unterschied das die quellenzahl vergrößert wurde, ist natürlich das was mit der reinen vernunft,im gegensatz zur praktisch empirischen, in die kritik geriet.
    dies allerdings als argument FÜR den vorhumanismus anzuführen...

    auch diese lesart des sokratischen dramas ist etwas eigenwillig
    ich las dort häufig von "notwendigkeit und verantwortung gegenüber der geselschaft"

    natürlich müssen sie,glaubensgemäß ersteinmal den unterschied untermauern, wie es auch die unterschiedlichen abrahamischen sekten gegeneinander tun - egal was die ausserhalb der eigenen strukturen tradierten quellen besagen.
    nähmlich:
    das christentum ist ein produkt der antike, als solche vom damals gerade aktuellen denken und fühlen geprägt - und von diesem nicht nur nicht zu trennen sondern in einem bezug der gegenseitigen spiegelung gefangen.
    julianus apostata studierte philosophie zusammen mit mehreren späteren kirchenvätern - sie tranken aus der selben,neuplatonischen, quelle.

    • malera
    • 15.04.2012 um 23:00 Uhr

    annimt->annimmt ; eingeortnet->eingeordnet

    Antwort auf "Antike"
  3. 277. Sauerteig

    Würde man die Wirkung des christlichen Glaubens auf das römische wegdenken, gäbe es kein nationales Recht, was auf Menschlichkeit gründet.

    Christus verglich die damalige Wirkung seiner Lehre als die Wirkung von Sauerteig auf Teig. Eine sehr kleine Menge reicht, um eine große Menge Teig zu säuern. Christus hat den griechisch-römischen Rechtskanon, welcher in den europäischen bzw. westlichen Nationen weiter fortgetragen wird zu einer menschlichen Ausformung verholfen.

    Wobei man keine Scheu haben sollte, über die Fehlentwicklungen in der Religionsgeschichte zu reden. Ich bin dafür, darüber offen zu sprechen.

    Ich sage es hat aber etwas klugscheißerisches, wenn man den Altvorderen ihre Kultur- und Religionsgeschichte vorwirft. Denn die Art und Weise wie damals schon Interessen die Religion korrumpiert haben, so korrumpieren Interessen heute auch. Wobei Interessen zum politschen Geschäft natürlich dazugehören. Es zählt aber, auf welchen Wegen sie eingebracht werden. Die Techniken, die die Religion korrumpierten findet man auch heute in Gesellschaft und Politik.

    Der Mensch hat den Drang Schuldige zu suchen. Die Juden leiteten diese Energie Schuldige zu finden durch Tieropfer aus der Gesellschaft heraus. Das Christentum schaffte Tieropfer (überhaupt im Abendland) ab. Diese Energie Schuldopfer zu finden nimmt Christus auf sich.

    Wer die geschichtlichen Miseren des Abendlandes auf die Religion als Sündenbock leitet nutzt diesen Drang wie Religion.

    5 Leserempfehlungen
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    • malera
    • 15.04.2012 um 23:21 Uhr

    Der Papst brachte in Deutschland anlässlich der Missbrauchsfälle >das< Skandalon, Christi Tod?/Kreuzigung?, als Warnung in Erinnerung.

    Wissen Sie darüber etwas zu sagen?

    • malera
    • 15.04.2012 um 23:21 Uhr

    Der Papst brachte in Deutschland anlässlich der Missbrauchsfälle >das< Skandalon, Christi Tod?/Kreuzigung?, als Warnung in Erinnerung.

    Wissen Sie darüber etwas zu sagen?

    • malera
    • 15.04.2012 um 23:21 Uhr
    278. Frage

    Der Papst brachte in Deutschland anlässlich der Missbrauchsfälle >das< Skandalon, Christi Tod?/Kreuzigung?, als Warnung in Erinnerung.

    Wissen Sie darüber etwas zu sagen?

    Antwort auf "Sauerteig"
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    • malera
    • 15.04.2012 um 23:29 Uhr

    http://www.vatican.va/hol...

    "Es geht hier nicht darum, eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen. Vielmehr gilt es, jede bloße Taktik abzulegen und nach der totalen Redlichkeit zu suchen, die nichts von der Wahrheit unseres Heute ausklammert oder verdrängt, sondern ganz im Heute den Glauben vollzieht, [...], indem sie das von ihm abstreift, was nur scheinbar Glaube, in Wahrheit aber Konvention und Gewohnheit ist.

    Sagen wir es noch einmal anders: Der christliche Glaube ist für den Menschen allezeit – und nicht erst in der unsrigen – ein Skandal. Daß der ewige Gott sich um uns Menschen kümmern, uns kennen soll, daß der Unfaßbare zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort faßbar geworden sein soll, daß der Unsterbliche am Kreuz gelitten haben und gestorben sein soll, daß uns Sterblichen Auferstehung und Ewiges Leben verheißen ist – das zu glauben ist für die Menschen allemal eine Zumutung.

    Dieser Skandal, der unaufhebbar ist, wenn man nicht das Christentum selbst aufheben will, ist leider gerade in jüngster Zeit überdeckt worden von den anderen schmerzlichen Skandalen der Verkünder des Glaubens. Gefährlich wird es, wenn diese Skandale an die Stelle des primären skandalon des Kreuzes treten und ihn dadurch unzugänglich machen, also den eigentlichen christlichen Anspruch hinter der Unbotmäßigkeit seiner Boten verdecken."

    • malera
    • 15.04.2012 um 23:29 Uhr

    http://www.vatican.va/hol...

    "Es geht hier nicht darum, eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen. Vielmehr gilt es, jede bloße Taktik abzulegen und nach der totalen Redlichkeit zu suchen, die nichts von der Wahrheit unseres Heute ausklammert oder verdrängt, sondern ganz im Heute den Glauben vollzieht, [...], indem sie das von ihm abstreift, was nur scheinbar Glaube, in Wahrheit aber Konvention und Gewohnheit ist.

    Sagen wir es noch einmal anders: Der christliche Glaube ist für den Menschen allezeit – und nicht erst in der unsrigen – ein Skandal. Daß der ewige Gott sich um uns Menschen kümmern, uns kennen soll, daß der Unfaßbare zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort faßbar geworden sein soll, daß der Unsterbliche am Kreuz gelitten haben und gestorben sein soll, daß uns Sterblichen Auferstehung und Ewiges Leben verheißen ist – das zu glauben ist für die Menschen allemal eine Zumutung.

    Dieser Skandal, der unaufhebbar ist, wenn man nicht das Christentum selbst aufheben will, ist leider gerade in jüngster Zeit überdeckt worden von den anderen schmerzlichen Skandalen der Verkünder des Glaubens. Gefährlich wird es, wenn diese Skandale an die Stelle des primären skandalon des Kreuzes treten und ihn dadurch unzugänglich machen, also den eigentlichen christlichen Anspruch hinter der Unbotmäßigkeit seiner Boten verdecken."

  4. "Gefühle von Gemeinschaft, Ehrfurcht und Ekstase kann man auch je nach Präferenz auf einem Rockkonzert, in einem Fußallstadion oder an einem Lagerfeuer sitzend erleben."

    Es ging mir nicht um Gemeinschaftsgefühl, sondern um die Wirkung sakraler Bauten. Sie strahlen eine Energie aus, die über unser irdisches Dasein hinausweist. Die besagt, dass der Mensch nicht das Mass aller Dinge ist.
    Ich empfinde dies, wenn ich den Kölner Dom betrete, ich empfinde dies in einer orthodoxen Kirche und ich habe dies genauso vor der Moschee auf dem Registanplatz in Samarkand empfunden.

    Ach ja, da fällt mir noch ein, Goethe's Faust war sicherlich kein "Auftragswerk"...:)

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "naja..."
    • malera
    • 15.04.2012 um 23:29 Uhr

    http://www.vatican.va/hol...

    "Es geht hier nicht darum, eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen. Vielmehr gilt es, jede bloße Taktik abzulegen und nach der totalen Redlichkeit zu suchen, die nichts von der Wahrheit unseres Heute ausklammert oder verdrängt, sondern ganz im Heute den Glauben vollzieht, [...], indem sie das von ihm abstreift, was nur scheinbar Glaube, in Wahrheit aber Konvention und Gewohnheit ist.

    Sagen wir es noch einmal anders: Der christliche Glaube ist für den Menschen allezeit – und nicht erst in der unsrigen – ein Skandal. Daß der ewige Gott sich um uns Menschen kümmern, uns kennen soll, daß der Unfaßbare zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort faßbar geworden sein soll, daß der Unsterbliche am Kreuz gelitten haben und gestorben sein soll, daß uns Sterblichen Auferstehung und Ewiges Leben verheißen ist – das zu glauben ist für die Menschen allemal eine Zumutung.

    Dieser Skandal, der unaufhebbar ist, wenn man nicht das Christentum selbst aufheben will, ist leider gerade in jüngster Zeit überdeckt worden von den anderen schmerzlichen Skandalen der Verkünder des Glaubens. Gefährlich wird es, wenn diese Skandale an die Stelle des primären skandalon des Kreuzes treten und ihn dadurch unzugänglich machen, also den eigentlichen christlichen Anspruch hinter der Unbotmäßigkeit seiner Boten verdecken."

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    • malera
    • 15.04.2012 um 23:36 Uhr

    Er sagt ja nicht nur, dass das primäre skandalon durch die Unbotmäßigkeit der Boten vedeckt wird, sondern, dass diese Missbrauchs-Skandale in ihrer Skandaläsität? an die Stelle des Skandals des Kreuzes treten.

    Und da könnte ich wirklich eine weiterführende Gedankenanregung gebrauchen - da steh ich auf dem Schlauch.
    (Vor allem, weil ich in den Missbrauchskandalen, das skandalon des Kreuzes ('ursächlich') mitverorten würde, und deswegen irritiert mich, dass der Papst sie außerhalb des Kreuzes verortet...)

    Würde mich freuen, wenn ich darauf eine Antwort kriegen könnte!

    • malera
    • 15.04.2012 um 23:36 Uhr

    Er sagt ja nicht nur, dass das primäre skandalon durch die Unbotmäßigkeit der Boten vedeckt wird, sondern, dass diese Missbrauchs-Skandale in ihrer Skandaläsität? an die Stelle des Skandals des Kreuzes treten.

    Und da könnte ich wirklich eine weiterführende Gedankenanregung gebrauchen - da steh ich auf dem Schlauch.
    (Vor allem, weil ich in den Missbrauchskandalen, das skandalon des Kreuzes ('ursächlich') mitverorten würde, und deswegen irritiert mich, dass der Papst sie außerhalb des Kreuzes verortet...)

    Würde mich freuen, wenn ich darauf eine Antwort kriegen könnte!

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