ChristentumBrauchen wir den Papst noch?

Der deutsche Pontifex feiert 85. Geburtstag. Acht ZEIT-Autoren machen sich Gedanken über die Zukunft seines Amtes. von , , , , , Christiane Florin, und

Papst Benedikt XVI. bei der Osteransprache auf dem Petersplatz in Rom

Papst Benedikt XVI. bei der Osteransprache auf dem Petersplatz in Rom  |  © Osservatore Romano / Reuters

Ein Chef hat Vorteile

Natürlich braucht die Menschheit einen Papst , was sich am besten e contrario belegen lässt: Was wäre denn, wenn sie keinen hätte? Dann wären die Katholiken wie die Protestanten, Juden und Muslime: ein unordentlicher Verein ohne Führung. Die Juden schaffen es allenfalls bis zum Oberrabbiner, der aber nicht viel zu sagen hat. Von den Protestanten weiß man, dass sie ihre Existenz der Revolte gegen den Pontifex verdanken. Jeder sei sein eigener Priester, war ihr Schlachtruf: Wir brauchen keinen, der uns glauben macht, er hätte den alleinigen Draht zum Himmel. Auch die Muslime haben sich nach Mohammed nie einem Großen Mittler unterworfen, davon zeugen ihre vielen Sekten und Abspaltungen. Der Mullah oder Ajatollah ist kein Priester, sondern Experte in Religionsfragen. Aber was hat es gebracht?

Verwirrende Vielfalt: Im Islam kann jeder Ajatollah seine eigene Fatwah ausstoßen, das schafft eine chaotische Rechtslage. Im Protestantismus gibt es unendlich viele Kirchen – von Anabaptisten bis zu Unitariern, von Calvinisten bis zu Lutheranern. Und bei den Juden gibt es nicht nur Orthodoxe, Konservative, Liberale, sondern da hat in Brooklyn und Israel jeder Rabbi seine eigene Schule und Anhängerschaft.

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Ich glaube nicht, dass der liebe Gott sich das so vorgestellt hat. Mit wem er alles verhandeln muss! Deshalb ist ihm die Una Sancta die liebste, mit einem einzigen Spitzenrepräsentanten, einem unfehlbaren obendrein. Wenn der ex cathedra spricht, hören 1,2 Milliarden Gläubige zu, derweil die anderen Monotheisten wähnen, ihr eigenes Gespräch mit Gott führen zu können.

Gott ist zwar ewig, aber auch seine Arbeitszeit ist begrenzt. Deshalb hat er den siebenten Tag zum Ruhetag ausgerufen. Deshalb schätzt er seinen Stellvertreter, den Papst. Dessen Schäfchen haben einen Wettbewerbsvorteil. Sie dürfen diesen unique selling proposition nie aufgeben.

Josef Joffe

Der Heilige war gestern

Als ich ein kleiner Junge war, durfte ich in den vatikanischen Sammlungen meiner Großeltern kramen. In deren Schlafzimmerkommode lagen Rosenkränze, Heiligenbildchen und Ansichtskarten aus Rom . Am stärksten aber beeindruckte mich das Schwarz-Weiß-Foto eines Mannes mit Tiara, der in einer Sänfte saß, nein: thronte; neben sich riesige Fächer aus Straußenfedern. Huldvoll winkend ließ er sich durch eine Menschenmenge tragen – der "Heilige Vater", wie meine Großmutter ihn nannte. Dieser unnahbare Herr auf dem Foto, Pius XII., hatte schon längst das Zeitliche gesegnet. Doch verehrt wurde er immer noch.

Mit diesem Bild vom Pontifex bin ich aufgewachsen vor drei Jahrzehnten am Rande des Hunsrücks. Es gehörte zum Glaubensalltag wie Fronleichnamsprozessionen und Erzählungen von der Wallfahrt. Der Papst war einfach da, und sei es als überlebensgroßes Porträt in der Sakristei meiner Gemeinde, in der ich messdiente.

Heute fällt es mir schwer, den genauen Zeitpunkt zu benennen, von dem an der Heilige Vater mir selbst nicht mehr heilig war. Ich denke, es hat gar nicht so sehr mit der gängigen Kritik am Papsttum oder mit der Frage der Unfehlbarkeit zu tun. Womit dann? Das Papstamt kann seinem Wesen nach nur funktionieren, wenn es abgehoben erscheint vom Diesseitigen und etwas Unnahbares hat. Das aber funktioniert in unserer modernen Zeit einfach nicht.

Ich beneide meine inzwischen verstorbenen Großeltern manchmal um ihre Ehrfurcht, mit der sie auf den Nachfolger Petri blickten – als einen, der nicht ganz von dieser Welt war. Sie hätten sich gewundert über heutige Fragen zum Papst: Ist er im Herzen ein Grüner? Schaut er abends fern? Alles hat seine Zeit, heißt es in der Bibel. Johannes Paul II . war der Erste, der darauf verzichtete, in einer Sänfte umhergetragen zu werden. Die Art, wie er öffentlich mit Krankheit und Tod umging, hat mich berührt. Bei seinem Nachfolger Benedikt XVI. interessierte mich, ob ihn das Amt verändern würde. Aber sonst? Ob ich ihn brauche? Ich begegne ihm mit freundlicher Gleichgültigkeit.

Stefan Schirmer

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