Grass-Debatte : Das Opfer des Dichters

Günter Grass schreibt Verse gegen Israel. Aber in Wahrheit bekämpft er sich selbst.

Das Gedicht von Günter Grass , mit dem der Nobelpreisträger vor der Gefahr eines israelischen Angriffs auf den Iran warnen wollte, hat die erwartbaren Wellen der Empörung ausgelöst. Noch am selben Tag, als das Gedicht in der Süddeutschen Zeitung gelesen werden konnte (die ZEIT hatte sich gegen den Abdruck entschieden), wusste die Welt schon zu berichten, dass hier eine schlimme, wenn nicht antisemitische Entgleisung vorliege. Und freilich – die Erklärung eines deutschen Autors, dass Israel den Weltfrieden bedrohe, noch dazu kurz vor Ostern veröffentlicht, musste geradezu die Erinnerung an jene antisemitische Tradition provozieren, »Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen«, wie der israelische Gesandte Emmanuel Nahshon denn auch sogleich in Berlin bemerkte.

Inzwischen haben berühmte Schriftsteller wie Wolf Biermann , Rolf Hochhuth , Marcel Reich-Ranicki , Leon de Winter, aber auch der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und nicht wenige Politiker ihre teils grimmige, teils gespielt belustigte, aber einhellig entsetzte Ablehnung geäußert. Frank Schirrmacher unterzog das Gedicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einer rhetorisch glänzenden und moralisch vernichtenden Lektüre. Israel schließlich erklärte, nachdem Ministerpräsident Netanjahu schon öffentlich repliziert hatte, Günter Grass zur Persona non grata und verhängte ein Einreiseverbot .

Selten hat ein politisches Gedicht – streng genommen nur ein in Verse gebrachter Kommentar – eine so dramatisch eskalierende Reaktion gefunden. Die deutschen Zeitungen haben sich noch eine Woche nach der Publikation nicht beruhigt , das Fernsehen gab Grass auf allen Kanälen die Möglichkeit der Stellungnahme, die er selbstverständlich zu trotzigem Beharren und nur gerade eben dem Zugeständnis nutzte, er hätte statt von Israel besser von der Regierung Netanjahu sprechen sollen. Im Übrigen erging er sich in Klagen über die »Gleichschaltung« der Medien, über den »Hordenjournalismus« gegen seine Person.

Hat der große Mann also tatsächlich, wie er es in seinem Gedicht halb weinerlich, halb kokett schon vorwegnahm, ein schlimmes Tabu gebrochen? Ist es einem Deutschen nicht erlaubt, Israel für seine Politik zu kritisieren oder auch nur vor einem militärischen Abenteuer zu warnen? Wird die deutsche Rüstungshilfe für Israel, die sich zur »Mitschuld« an einem Atomkrieg auswachsen könnte, wie Grass düster orakelt, aus politisch-moralischer Ängstlichkeit totgeschwiegen? Ist eine umfassende »Heuchelei des Westens« am Werk, der seinem israelischen Bündnispartner eine fatale »Nibelungentreue« hält? Und all das aus Angst vor dem »Verdikt ›Antisemitismus‹«?

Ach was. Israelische Politik wird tagtäglich kritisiert, besonders lebhaft in Israel, aber ebenso im Herzen des Westens selbst, in dem liberalen jüdischen Milieu Amerikas, wie das Beispiel David Remnicks zeigt , des Chefredakteurs des New Yorkers immerhin. Es sind auch keineswegs nur Juden, wie Grass vielleicht argwöhnte, die sich trauen. Es ist die deutsche Politik, es sind die deutschen Medien seit Jahr und Tag damit beschäftigt, Israel nervös auf die Finger zu schauen. Welcher Staat in einer Krisenregion dieser Erde wird überhaupt vergleichbar kritisch beäugt? Den besten Beweis für die unablässige Beschäftigung der deutschen Öffentlichkeit mit israelischen Belangen liefert Grass in seinem Gedicht selbst. Es enthält an Fakten nichts, was nicht von Medien hierzulande ausgebreitet wurde. Der Nobelpreisträger ist ein guter Zeitungsleser. Selbst der israelische Besitz von Atomwaffen, auch wenn offiziell nie bestätigt, ist selbstverständlich kein dunkles Geheimnis, das erst Grass enthüllen muss, sondern ein Umstand, mit dem alle, nicht nur Experten, seit Jahrzehnten rechnen.

Kurzum, das ist Unfug, ein Popanz angeblich feigen Wegschauens, den der Dichter mühsam aufbaut. Und ebenso mühsam, eine Gratismühe und reine Fleißarbeit, ihn Punkt für Punkt zu widerlegen, wie es deutsche Journalisten und Intellektuelle gleichwohl getan haben. Günter Grass ist die bei Weitem berühmteste Stimme des Landes, es wäre unanständig, es sich mit ihm leichter zu machen. Auch die ZEIT hat sehr wohl erwogen, sein Gedicht zu drucken. Man möchte fast sagen: Es gehört sich nicht, einen Grass nicht zu drucken. Aber es wäre in der ZEIT auch niemand bereit gewesen, das Gedicht gegen die erwartbare Empörung zu verteidigen, nicht einmal als notwendigen Anstoß zu einer Debatte. Und in der Tat ist die Nahost-Debatte denn auch, nach Tagen gewaltigen Flügelschlagens, genau dort wieder gelandet, wo sie zuvor schon stand: bei der Erkenntnis eines bedrohlichen Konflikts zwischen Israel und Iran, der durchaus den »Weltfrieden« gefährden kann, wie Grass pathetisch zuspitzt – aber eben keineswegs zuvörderst durch verantwortungsloses Agieren der »Atommacht Israel «, wie er suggeriert.

Denn das hat der Dichter der Debatte denn doch wieder eingefügt: ein paar jener missgünstigen Missverständnisse, die der deutsche Stammtisch liebt. Wie dieser blendet auch Grass die iranischen Vernichtungsdrohungen gegen Israel aus, die nach aller Erfahrung mit Teheran durchaus ernst genommen werden können. Er blendet aus, dass Israel seine Existenz seit Jahrzehnten militärisch sichern muss, dass es sich als einzige Demokratie in einem von Diktatoren oder religiös fanatisierten Massen beherrschten Umfeld behaupten muss, dass es überhaupt nicht leicht in einer Welt von Feinden ist, die pazifistisch entspannte Gemütsruhe zu behalten, die Grass offenbar als politisches und moralisches Ideal vorschwebt. Im Gegenteil müsste man wohl sagen, dass nicht leicht ein anderer Staat auf der Welt zu finden ist, der mit höherer Berechtigung Atomwaffen zur Abschreckung vorhält – wenn man einmal für den Moment beiseitelässt, dass die Existenz von Atomwaffen prinzipiell nicht wünschenswert ist.

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Kommentare

318 Kommentare Seite 1 von 43 Kommentieren

Seltsam,

warum beteuert die eine Seite, man könne jederzeit Kritik an Israel äußern, und die andere in der Grass-Debatte hat den Eindruck, das wäre ein Tabu? Ich frage mich: Woran liegt diese unterschiedliche Wahrnehmung?
Die vollkommen überzogene Reaktion auf Grass scheint allerdings gegen eine der beiden Wahrnehmungen zu sprechen.

Danke für Ihre Antwort.

Das könnte es erklären. Natürlich wird Kritik an der israelischen Politik geäussert. Trotzdem glaube ich, die Erklärung greift zu kurz. Denn einige meiner jüdischen Freunde haben eben auch das Problem, wenn sie Kritik an der israelischen Politik äußern, konkret an dem Umgang mit den Palästinensern, dann werden auch sie als Anti-Semiten bezeichnet. Das habe ich hier als auch in den USA erlebt. Darum frage ich mich, ob das Tabu nicht tiefer liegt?

Grass sollte noch ein letztes Buch für seine Fans schreiben

Den Umgang der Israelis mit den Palästinensern bzw. den Umgang der Palästinenser mit den Israelis muss man von der Politik Israels insgesamt trennen. Ebenso von dem Umgang mit dem Iran. Die Deutschen können das auch gerne alles am Stammtisch diskutieren. Deutsche Politiker können es auch unter 4 Augen mit israelischen Politikern besprechen, aber eine öffentliche Kritik, besonders von einem Nobelpreisträger, der die Nazi-Zeit noch miterlebt hat, sollte unterbleiben. Ob er recht hat oder nicht, ich denke nein, ist hier doch einfach nebensächlich. Bei mir bleibt der Eindruck, dass es Herrn Grass mehr um Aufmerksamkeit als um "Weltverbesserung" ging.

Danke ZEIT, ich stimme Ihrem Artikel voll zu!

Mich störrt schon lange das einseitige Israel-Bashing vieler Europäer. Diese Leute übersehen gerne, dass Israel wie kein anderes Land bedroht ist, dass in bestimmten Regionen auf übelste Weise gegen Juden gehetzt wird und dass es außer Israel kein Land in der Region gibt, in der alle Religionen gleichberechtigt sind.

http://www.youtube.com/wa...

sie meinen sicherlich die

zig gelöschten kommentare, welche für die ZEIT-redakteure wohl zu kritisch waren

wie dem auch sei, es spielt keine rolle mehr, was leute wie joffe, jessen, de winter, wergin, broder, herzinger, r.r. usw schreiben

es ist ausgesprochen und ist im raum und es wird nicht mehr von den alternativlosen israelfreunden versteckt werden können

israel ist mit seiner samson option eine gefahr für den weltfriden

das ist ein faktum !

'alle Religionen gleichberechtigt'?

Es wird Sie vielleicht amüsieren, daß Sari Nusseibeh zu einem ähnlichen Schluß kam wie Andrew Klavan, wenn auch aus deutlich anderer Motivation.

'Ich schlage vor, dass Israel die besetzten Gebiete offiziell annektiert, die Palästinenser in dem so vergrößerten Israel akzeptieren, dass dieser Staat jüdisch bleibt und sie im Gegenzug sämtliche bürgerlichen, wenn auch nicht politischen Rechte erhalten. Damit wäre der Staat jüdisch, das Land hingegen wirklich binational, und es würde für das Wohl aller Araber in diesem Land gesorgt.'

Nusseibeh schlägt also eine ausdrückliche Zweitklassigkeit palästinensischer Bürger in einem Großisrael vor, damit sie wenigstens endlich in den Genuß von Bürgerrechten (außer den politischen) kommen. http://wissen.dradio.de/s... oben rechts finden Sie den Podcast zum Gespräch.

Meinung

Das ist das Problem mit den Deutschen, sich schuldig zu fuehlen.

Ich war auch mal Deutscher weil ich dort geboren bin. Bin aber mit 24 Jahren ausgewandert vor vielen Jahren und habe die DE Staatsbuergerschat aufgegeben und die Staatsbuergerschaft meiner Wahlheimat angenommen.

Ich habe mich nie schuldig gefuehlt ueber die Taten meiner Vorfahren.

Ich sehe die Sache so.

DE hat in 12 Jahren viele seiner juedischen Staatsbuerger umgebracht und auch viele in anderen Laendern die es im Kriege besetzt hatte.
Es war ein Verbrechen.

Die Konsequenz war das das Land in Schutt und Asche bombardiert wurde und das es 1/4 seiner Landflaeche verlor.
Da war die Bestrafung.

Israel besetzt seit 63 Jahren Palestina. Toetet viele Palestinier mit dem Ziel da ganze Palestinische Land zu uebernehmen und die Palestinier zu toeten oder vertreiben.
Es fuehrte zu diesem Zwecke einige Kriege.
Das ist auch ein Verbrechen

Im Vergleich zu DE Israelis fuehlen sich nicht schuldig.

Sie wissen das sie vom Westen unterstuetzt werden bei dem was sie machen.

Am und zu meldet sich eine Stimme der Kritik. Aber meistens von anderen Laendern und nicht DE.

Da ich seit 44 Jahren auf der anderen Seite der Welt lebe (nicht in USA) habe ich eine andere Einstellung zu dieser Sache erreicht.

Man muss von der Gechichte lernen damit man das boese nicht wiederholt.

Man soll aber nicht zusehen ohne etwas zu sagen wenn andere ein Verbrechen tun.

Ein mehr als nur tendenziöser Artikel

Wer wie G. Grass mal die Meinung kund tut "das Israel eine Gefahr für den Weltfrieden ist" ist Antisemit und ein Feind des Staates Israel der mal gerade ca. 65 Jahre besteht, natürlich "höchst demokratisch" gegründet!
Henry Kissinger ist ein geachteter US Amerikaner mit jüdischen Wurzeln und sagte: The great Russian bear and Chinese sickle will be roused from their slumber and this is when Israel will have to fight with all its might and weapons to kill as many Arabs as it can. Quelle:http://www.dailysquib.co....
Ist das auch antisemitisch??

Ich glaube nicht das Israel

im Momment eine kluge Politik macht, es stellt sich nicht die Frage wie eine Zukunft mit den Palästinensern aussehen soll. Entweder ein Staat oder 2 Staatenlösung nur dann müsste ich aufhören Siedlungen zu bauen, damit ein lebensfähiger Palistinenserstaat entstehen kann usw.
Und es ist auch wahr das es in China und Inien keine nenneswerte Jüdische Lobby gibt die den Schutz, vielleicht in 30 Jahren garantieren, könnten wenn die USA dazu nicht mehr in der Lage wären.
Nur hat das alles nichts mit dem verklemmten "Gedicht" von G.G. zu tun. Es ist doch lächerlich Israel zur Gefahr für den Weltfrieden hoch zu stiliseren. Man spürt doch das da was anderes dahinter steckt als politisches Interesse.
Glauben sie im Ernst China oder Russland werden Iran zur Seite springen, falls Israel wirklich so dumm sein sollte den Iran anzugreifen dann werden die in Ruhe zusehen wie Israel und die USA ihren Niedergang beschleunigen.

China und Russland

"Glauben sie im Ernst China oder Russland werden Iran zur Seite springen, falls Israel wirklich so dumm sein sollte den Iran anzugreifen dann werden die in Ruhe zusehen wie Israel und die USA ihren Niedergang beschleunigen."

Wenn man sich die Beziehungen China-Iran und Russland-Iran mal anguckt, dann wird auffallen, dass es dort großes wirtschaftliche (und auch politische) Interesse geben wird, den Iran beiseite zu stehen. Inwiefern, keine Ahnung (auch Waffenlieferungen?), aber tatenlos zusehen wird man wohl nicht.

Das ist sicher nicht, was gesagt werden musste

Jetzt also ist es "Rechthaberei", die Grass treibt..

Man darf nun also Israel nicht nur deshalb kritisieren, weil Kritik an Israel antisemitisch ist, sondern nun auch, weil es sich um "Rechthaberei" handelt..

Einfach nur absurd, diese "Argumentation".

Man möchte, wie auch beim Antisemitismusvorwurf, von den FAKTEN ablenken:

Israel bricht das Völkerrecht und missachtet Menschenrechte von Millionen von Menschen.