Grass-Debatte : Das Opfer des Dichters
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Der eigentliche Tabubruch

Aber bitte sehr – die Einfühlung in die prekäre Lage Israels ist natürlich nichts, was man befehlen kann. Wenn Günter Grass in den Israelis eher die Täter von morgen als die Opfer von gestern sehen will und diese Einsicht als kühnen Durchbruch zur Wahrheit – als Tabubruch! – inszenieren möchte, dann darf er sich freilich nicht beklagen, wenn daraufhin die Hüter des Tabus auf den Plan treten, und zwar in großer Zahl, denn andernfalls wäre es ja keines. Oder wie? Woher kommt die Larmoyanz, die im Gedicht schon vorweggenommene und im Nachhinein noch einmal vorgetragene? Warum fühlt sich Günter Grass immer schon als Opfer, als wessen Opfer? Doch nicht etwa einer jüdischen Medienverschwörung?

Natürlich nicht. Natürlich hat er auch nicht das Tabu gebrochen, an das er denkt, wenn er die Selbstverteidigungsstrategie Israels kritisiert. Er hat aber ein anderes Tabu gebrochen – nämlich indem er unterstellt, dass diese Strategie das »iranische Volk auslöschen könnte«. Wahrscheinlich war es diese Zeile, die alle Leser des Gedichts, bewusst oder unbewusst, alarmiert hat. Israel, das seit Jahr und Tag von Auslöschung bedroht ist, zu unterstellen, es könne die Auslöschung eines anderen Volkes betreiben oder doch billigend hinnehmen, mehr noch: den Juden das zu unterstellen, die ihrerseits dem nazideutschen Auslöschungsunternehmen nur in knapper Zahl entronnen sind, das ist – ja was nun? Wie sollte man das nennen? Grass selbst hat kein gutes Gefühl dabei. Etwas zwickt ihn dabei schon im Fortgang des Gedichts, und das ehrt ihn – mildert zumindest den Schock. Es zwickt ihn dann doch sein Gewissen als Deutscher, die Ahnung, dass Deutschland an der Entstehung Israels, ganz vorsichtig gesagt, nicht unbeteiligt war. Was ihn nicht ehrt, ist der – glücklicherweise nur halbherzige – Versuch, das zwickende Gewissen als bloße Furcht zu interpretieren, von anderen ungerechterweise als Antisemit bezeichnet werden zu können.

Mit anderen Worten: Grass exportiert eine innere Angelegenheit. Und an diesem Punkt – aber nur an diesem – ist das Gedicht dann doch mehr als ein verunglückter Debattenbeitrag, nämlich symptomatisch. Deutsche hadern, wenn sie mit Israel hadern, immer zuvörderst mit sich selbst. Sie hadern mit den Fesseln, die ihnen die Vergangenheit anlegt. Sie würden sich gerne frei fühlen – sind es aber nun einmal nicht. Israelis erkennen diese Gemütslage manchmal besser. Zu den wenigen hellen Momenten der Debatte gehörten die scharfsinnigen, beinahe weisen Erklärungen des Diplomaten Avi Primor und des Historikers Tom Segev , die in dem Gedicht viel politische Torheit, aber in Grass selbstverständlich keinen Antisemiten sahen.

Und doch – schrecklich und irgendwie verdächtig bleibt die Verdruckstheit, nicht die von Grass im Besonderen, aber die deutsche Verdruckstheit im Allgemeinen. Wenn es wirklich um eine Wahrheit gehen sollte, über Israel oder sonst eine jüdische Angelegenheit, und nicht doch um Ressentiment – dann sollte die Furcht vor dem Antisemitismusvorwurf keine Rolle spielen. Das müsste man dann doch wegstecken können, nicht wahr? Und das Krakeelen der Öffentlichkeit aushalten können. Wenn aber die Furcht überwiegt – wenn sie so groß ist, dass sie ganze Gedichtstrophen füllt –, dann liegt der Verdacht nahe, dass man sich gerade selbst ertappt hat – und deswegen damit rechnet, von anderen ertappt zu werden. Vom Selbstmisstrauen ist es nur ein kleiner Schritt zur Falle des Rechthabenmüssens – jenes Rechthabenmüssens, von dem Martin Walser im Interview auf dieser Seite mit scheu zurückblickendem Schaudern spricht.

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Kommentare

318 Kommentare Seite 1 von 43 Kommentieren

Seltsam,

warum beteuert die eine Seite, man könne jederzeit Kritik an Israel äußern, und die andere in der Grass-Debatte hat den Eindruck, das wäre ein Tabu? Ich frage mich: Woran liegt diese unterschiedliche Wahrnehmung?
Die vollkommen überzogene Reaktion auf Grass scheint allerdings gegen eine der beiden Wahrnehmungen zu sprechen.

Danke für Ihre Antwort.

Das könnte es erklären. Natürlich wird Kritik an der israelischen Politik geäussert. Trotzdem glaube ich, die Erklärung greift zu kurz. Denn einige meiner jüdischen Freunde haben eben auch das Problem, wenn sie Kritik an der israelischen Politik äußern, konkret an dem Umgang mit den Palästinensern, dann werden auch sie als Anti-Semiten bezeichnet. Das habe ich hier als auch in den USA erlebt. Darum frage ich mich, ob das Tabu nicht tiefer liegt?

Grass sollte noch ein letztes Buch für seine Fans schreiben

Den Umgang der Israelis mit den Palästinensern bzw. den Umgang der Palästinenser mit den Israelis muss man von der Politik Israels insgesamt trennen. Ebenso von dem Umgang mit dem Iran. Die Deutschen können das auch gerne alles am Stammtisch diskutieren. Deutsche Politiker können es auch unter 4 Augen mit israelischen Politikern besprechen, aber eine öffentliche Kritik, besonders von einem Nobelpreisträger, der die Nazi-Zeit noch miterlebt hat, sollte unterbleiben. Ob er recht hat oder nicht, ich denke nein, ist hier doch einfach nebensächlich. Bei mir bleibt der Eindruck, dass es Herrn Grass mehr um Aufmerksamkeit als um "Weltverbesserung" ging.

Danke ZEIT, ich stimme Ihrem Artikel voll zu!

Mich störrt schon lange das einseitige Israel-Bashing vieler Europäer. Diese Leute übersehen gerne, dass Israel wie kein anderes Land bedroht ist, dass in bestimmten Regionen auf übelste Weise gegen Juden gehetzt wird und dass es außer Israel kein Land in der Region gibt, in der alle Religionen gleichberechtigt sind.

http://www.youtube.com/wa...

sie meinen sicherlich die

zig gelöschten kommentare, welche für die ZEIT-redakteure wohl zu kritisch waren

wie dem auch sei, es spielt keine rolle mehr, was leute wie joffe, jessen, de winter, wergin, broder, herzinger, r.r. usw schreiben

es ist ausgesprochen und ist im raum und es wird nicht mehr von den alternativlosen israelfreunden versteckt werden können

israel ist mit seiner samson option eine gefahr für den weltfriden

das ist ein faktum !

'alle Religionen gleichberechtigt'?

Es wird Sie vielleicht amüsieren, daß Sari Nusseibeh zu einem ähnlichen Schluß kam wie Andrew Klavan, wenn auch aus deutlich anderer Motivation.

'Ich schlage vor, dass Israel die besetzten Gebiete offiziell annektiert, die Palästinenser in dem so vergrößerten Israel akzeptieren, dass dieser Staat jüdisch bleibt und sie im Gegenzug sämtliche bürgerlichen, wenn auch nicht politischen Rechte erhalten. Damit wäre der Staat jüdisch, das Land hingegen wirklich binational, und es würde für das Wohl aller Araber in diesem Land gesorgt.'

Nusseibeh schlägt also eine ausdrückliche Zweitklassigkeit palästinensischer Bürger in einem Großisrael vor, damit sie wenigstens endlich in den Genuß von Bürgerrechten (außer den politischen) kommen. http://wissen.dradio.de/s... oben rechts finden Sie den Podcast zum Gespräch.

Meinung

Das ist das Problem mit den Deutschen, sich schuldig zu fuehlen.

Ich war auch mal Deutscher weil ich dort geboren bin. Bin aber mit 24 Jahren ausgewandert vor vielen Jahren und habe die DE Staatsbuergerschat aufgegeben und die Staatsbuergerschaft meiner Wahlheimat angenommen.

Ich habe mich nie schuldig gefuehlt ueber die Taten meiner Vorfahren.

Ich sehe die Sache so.

DE hat in 12 Jahren viele seiner juedischen Staatsbuerger umgebracht und auch viele in anderen Laendern die es im Kriege besetzt hatte.
Es war ein Verbrechen.

Die Konsequenz war das das Land in Schutt und Asche bombardiert wurde und das es 1/4 seiner Landflaeche verlor.
Da war die Bestrafung.

Israel besetzt seit 63 Jahren Palestina. Toetet viele Palestinier mit dem Ziel da ganze Palestinische Land zu uebernehmen und die Palestinier zu toeten oder vertreiben.
Es fuehrte zu diesem Zwecke einige Kriege.
Das ist auch ein Verbrechen

Im Vergleich zu DE Israelis fuehlen sich nicht schuldig.

Sie wissen das sie vom Westen unterstuetzt werden bei dem was sie machen.

Am und zu meldet sich eine Stimme der Kritik. Aber meistens von anderen Laendern und nicht DE.

Da ich seit 44 Jahren auf der anderen Seite der Welt lebe (nicht in USA) habe ich eine andere Einstellung zu dieser Sache erreicht.

Man muss von der Gechichte lernen damit man das boese nicht wiederholt.

Man soll aber nicht zusehen ohne etwas zu sagen wenn andere ein Verbrechen tun.

Ein mehr als nur tendenziöser Artikel

Wer wie G. Grass mal die Meinung kund tut "das Israel eine Gefahr für den Weltfrieden ist" ist Antisemit und ein Feind des Staates Israel der mal gerade ca. 65 Jahre besteht, natürlich "höchst demokratisch" gegründet!
Henry Kissinger ist ein geachteter US Amerikaner mit jüdischen Wurzeln und sagte: The great Russian bear and Chinese sickle will be roused from their slumber and this is when Israel will have to fight with all its might and weapons to kill as many Arabs as it can. Quelle:http://www.dailysquib.co....
Ist das auch antisemitisch??

Ich glaube nicht das Israel

im Momment eine kluge Politik macht, es stellt sich nicht die Frage wie eine Zukunft mit den Palästinensern aussehen soll. Entweder ein Staat oder 2 Staatenlösung nur dann müsste ich aufhören Siedlungen zu bauen, damit ein lebensfähiger Palistinenserstaat entstehen kann usw.
Und es ist auch wahr das es in China und Inien keine nenneswerte Jüdische Lobby gibt die den Schutz, vielleicht in 30 Jahren garantieren, könnten wenn die USA dazu nicht mehr in der Lage wären.
Nur hat das alles nichts mit dem verklemmten "Gedicht" von G.G. zu tun. Es ist doch lächerlich Israel zur Gefahr für den Weltfrieden hoch zu stiliseren. Man spürt doch das da was anderes dahinter steckt als politisches Interesse.
Glauben sie im Ernst China oder Russland werden Iran zur Seite springen, falls Israel wirklich so dumm sein sollte den Iran anzugreifen dann werden die in Ruhe zusehen wie Israel und die USA ihren Niedergang beschleunigen.

China und Russland

"Glauben sie im Ernst China oder Russland werden Iran zur Seite springen, falls Israel wirklich so dumm sein sollte den Iran anzugreifen dann werden die in Ruhe zusehen wie Israel und die USA ihren Niedergang beschleunigen."

Wenn man sich die Beziehungen China-Iran und Russland-Iran mal anguckt, dann wird auffallen, dass es dort großes wirtschaftliche (und auch politische) Interesse geben wird, den Iran beiseite zu stehen. Inwiefern, keine Ahnung (auch Waffenlieferungen?), aber tatenlos zusehen wird man wohl nicht.

Das ist sicher nicht, was gesagt werden musste

Jetzt also ist es "Rechthaberei", die Grass treibt..

Man darf nun also Israel nicht nur deshalb kritisieren, weil Kritik an Israel antisemitisch ist, sondern nun auch, weil es sich um "Rechthaberei" handelt..

Einfach nur absurd, diese "Argumentation".

Man möchte, wie auch beim Antisemitismusvorwurf, von den FAKTEN ablenken:

Israel bricht das Völkerrecht und missachtet Menschenrechte von Millionen von Menschen.