Das ehemalige Fabrikgelände "Pfefferberg" soll nun Standort für das Guggenheim Lab werden. © Wolfgang Kumm dpa/lbn

Das Guggenheim Lab , eigentlich ein harmloser Quader aus Karbonfaser, Arbeitsplatz für vier schlaue Köpfe, wird während seines Besuches in Berlin voraussichtlich unter Polizeischutz stehen. Vertrieben aus Kreuzberg von einer Kiezguerilla, war inzwischen für das intellektuelle Labor ein Standort im durchgentrifizierten Stadtteil Prenzlauer Berg gefunden worden . Weil das Lab aber zum Symbol für Mietsteigerungen und Caffè-Latte-Kultur wurde, zieht der Gentrifizierungsprotest mit. Das Lab im Anflug ist Gelegenheit, sich aufs Neue über den Stand der Stadt auszutauschen: Die Standortpolitiker wettern gegen die linken Schrebergärtner, die Mikrosoziologen erklären, was in der Stadt wirklich los ist. New Berlin, das weltoffene und kulturbeflissene, sieht im Moment ziemlich schlecht aus. »Auch Intoleranz dieser Art darf in Berlin keine Chance haben«, schimpfte Bürgermeister Klaus Wowereit . Ein paar rabiate Banausen drohen vor der internationalen Öffentlichkeit das Image der Stadt abzufackeln.

Die Experten für Stadtkonflikte werden selbst zum Konfliktfall

Was da vom 15. Juni an in der ehemaligen Pfefferberg-Brauerei aufgestellt wird, ist ein Produkt der New Yorker Guggenheim Foundation , eines globalen Museumsbetreibers, der auch ein mächtiger Produzent und Vertreiber von kulturellen Inhalten ist. Im Lab, zuvor erfolgreich in Manhattans Lower East Side zu Gast, werden ein Ingenieur, ein Architekt, eine Expertin für Mobilität und eine Videokünstlerin Gespräche, Filmvorführungen und Workshops anbieten, interaktive Onlinespiele sowie Exkursionen nach Berlin hinein. Drei vergleichbare Architekturen sollen in Zukunft noch entstehen. Sie werden in weltweit neun Städte reisen. Das ganze Projekt dauert sechs Jahre.

Der erste Zyklus, New York , Berlin, Mumbai , steht unter dem Motto »Confronting Comfort« . Das Programm soll – und auf der Website liest sich das im Lichte der Aktualität schon ziemlich selbstparodistisch – »Wege erkunden, wie städtische Umgebungen stärker auf die Bedürfnisse der Menschen reagieren können, um ein Gleichgewicht zwischen individueller und kollektiver Lebensqualität zu erreichen, und es soll die Verantwortung für die Umwelt und das Soziale stärken«. Nicht ohne Ironie ist auch: Die wohlmeinenden Spezialisten für Megastädte und ihre Konflikte werden selbst zum lokalen Streitfall, über den sie vielleicht gerne nachgedacht hätten. Was passiert da? Kämpfen freie Kunst und Rede gegen die Intoleranz, lehnt sich das Gestrige gegen das Neue auf?

Das Lab gehört zu jenen aktuellen Initiativen, in denen sich die Kunst ehrgeizig in Richtung soziale Wirklichkeit erweitern möchte und damit selbstbewusst eine Art Allzuständigkeitsanspruch zum Ausdruck bringt. Das auch in diesem Fall angewandte Schema sieht stets einen nicht weiter verknüpften Synkretismus der Herangehensweisen und Interessen vor. Soziologie, Städteplanung, Glücksforschung, IT-Technik und Kunst: Das Versprechen ist eine Bewusstseinserweiterung und eine Erlebnisvertiefung, die bloße Wissenschaft oder Theorie nie böten. Die authentische Praxis ist eine ästhetisierte Praxis, der Mensch ist dann erst er selbst, wenn er mit seinen Ideen und seinem Handy spielt.

Das Lab wurde im vergangenen Jahr in New York an einem strahlenden Frühlingsmorgen der Öffentlichkeit präsentiert. In großer Disziplin waren Kulturleute und Korrespondenten der Einladung der Guggenheim Foundation sowie des Sponsors BMW gefolgt. Sie lauschten ergriffen dem Grußwort des Vorsitzenden Mr. Armstrong. Einen Wimpernschlag lang hörten sie sich sogar die Vorstellung der jungen Experten an, allesamt ehrgeizig und »brillant«. Doch dann, als offensichtlich wurde, dass niemand erklären würde, wozu dieses Projekt wirklich ins Dasein tritt, was es im Einzelnen kann und soll, widmeten sich alle instinktsicher den Croissants.

In New York ist man weniger geduldig mit Kuratorensprech und Theoriegeschwurbel als in Berlin. Im Grunde ist das Projekt weder über die Maßen bedeutsam noch störend, es ist eines unter vielen dieser Art, nur teurer. Oder wie die Zeitschrift Baumeister schrieb, ein »Diskursansatz auf Welttournee«. Und wohl nur in Berlin, einer Metropole, die ihr Selbstbild in Ermangelung wirtschaftlicher Potenz vor allem auf ihr Kulturleben gründet, kann es geschehen, dass sich Kunst als soziale Praxis mit der Realität kurzschließt – indem das städtische Leben plötzlich tatsächlich auf das soziale Faktum Kunst reagiert. Bloß auf eruptive, unerwünschte Weise. Das ist der Guggenheim-GAU.

»Die Proteste sind doch gut« meint Maria Nicanor , die verantwortliche Guggenheim-Kuratorin, »in a way«. Sofern es mit ihrem Programm vereinbar ist, will sie auf die Situation in Berlin reagieren, »aber natürlich sind wir ein Kulturprojekt, wir können nicht den Weltfrieden herstellen«. Sie meint: »In New York gab es auch Demonstranten, die das Gentrifizierungsthema einklagten. Wir luden sie ein, mit uns zu reden, und am Ende machten sie ein Programm mit uns.« Nicanor hofft, dass sich so etwas auch in Berlin erreichen lässt. Sie hofft auch, dass es ohne Polizeipräsenz möglich sein wird. Kommen will sie in jedem Fall, »es wäre sehr schlecht, wenn ein Kulturprojekt so weit politisiert würde, dass es nicht mehr stattfinden kann«.