Die heile Welt von Florian Münch liegt 500 Meter vom Hamburger U-Bahnhof Eppendorfer Baum entfernt in einer ruhigen Seitenstraße. Auf dem Weg dorthin passiert man zwei Maklerbüros, ein Einrichtungsgeschäft, eine Weinbar und einen Gewürzladen, "Bestlage", wie es im Maklerjargon heißt. Eine Kirche gibt es da, deren runde Eingangshalle aus Glas aussieht wie der Vorraum zum Himmel. In dieser Gegend, inmitten von vanillefarbenen Jugendstilfassaden, hohen Bäumen und Vogelgezwitscher, soll seine Tochter aufwachsen. So hat es Florian Münch beschlossen. "Irgendwie ist hier alles noch so in Ordnung", sagt er.

Wer sich in diese heile Welt einkaufen will, muss mittlerweile Millionär sein.

Münch, ein Mann in Jeans und Pulli, ist es etwas peinlich, dass er gerade ein Vermögen für eine Wohnung in dieser Gegend ausgegeben hat. Er nennt sie deshalb "mein Geheimprojekt". Seine Schwester hat ihn für verrückt erklärt, als er ihr den Preis nannte, bei den wenigen Freunden, die davon wissen, war es genauso. Also spricht er lieber mit niemandem mehr darüber. Auch sein Name wurde hier geändert. Drei Jahre lang hat Florian Münch gesucht, anfangs wollte er 450.000 Euro ausgeben, jetzt ist er beim Doppelten gelandet, für eine 170-Quadratmeter-Wohnung.

Besichtigungstermin in Hamburg: Nur Minuten für den Millionenkauf

In die Wohnung wird Münch noch einmal rund 100.000 Euro Renovierungskosten stecken. Wie viel genau – das weiß er nicht. Es blieb ja keine Zeit für Details. Da waren schließlich noch andere Interessenten, die sie genauso sehr wollten wie er, und er hatte schon ein paar Mal erlebt, wie man ihm seine Traumwohnung wegschnappte, weil er zu zögerlich war. Einmal sagte jemand zu, bevor er das Objekt überhaupt gesehen hatte. Ein anderes Mal musste Münch mit 40 anderen Bewerbern stundenlang in Eiseskälte vor dem Haus ausharren und sollte nach ein paar Minuten Besichtigung entscheiden, ob ihm die Wohnung eine Million wert ist.

So wie in Hamburg-Eppendorf geht es in praktisch allen deutschen Ballungszentren zu. Auf dem Berliner Grundstücksmarkt wurden 2011 mehr als zehn Milliarden Euro umgesetzt, in Frankfurt inserieren Makler ihre Objekte nicht einmal mehr, weil sie ansonsten mit Anfragen überschwemmt werden, in Düsseldorf müssen Kaufinteressenten auf einen Termin bei der Bank manchmal Wochen warten, eine Wohnung im Münchner Immobilienprojekt "The Seven" – einem umgebauten alten Heizkraftwerk – kostet 22.000 Euro pro Quadratmeter.

Es gibt inzwischen Makler , die so wild auf der Suche nach Objekten sind, dass sie für einen Tipp einen Krügerrand als Prämie bieten, und der ist derzeit mehr als 1.200 Euro wert. Bei Immobilienscout24.de – dem Marktführer unter den Immobilienportalen im Netz – werden pro Tag rund sechs Millionen Exposés abgerufen. Der amerikanische Finanzinvestor Cerberus verhandelt in diesen Tagen über den Erwerb von mehr als 20.000 deutschen Wohnungen – zum geschätzten Kaufpreis von knapp einer Milliarde Euro. Deutschland heute, das ist ein Land im Häuserkampf.

Schon wächst die Angst, dass die Lage außer Kontrolle geraten könnte. Wohnimmobilien hätten sich im vergangenen Jahr "kräftig verteuert" , schreibt die Bundesbank in ihrem letzten Monatsbericht, und Jörg Asmussen, Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB), warnt, man müsse die Immobilienpreise "aufmerksam verfolgen".

Achtung, Spekulationsalarm!, heißt das übersetzt aus der nüchternen Sprache der Notenbanker – und das ausgerechnet in Deutschland, wo die Menschen nach vielen schweren Jahren erstmals wieder die Erfahrung machen, dass es auch aufwärtsgehen kann. Und wo die Politiker gerne mit dem Finger auf den angelsächsischen Pumpkapitalismus zeigen.

Was ist hier los? Sind die Deutschen am Ende genauso verrückt wie die Amerikaner, die im Immobilienfieber beinahe ihr Land ruinierten? Der Anstieg der Hauspreise nährte die Illusion von Wachstum und Wohlstand, heute verrotten die Traumvillen am Stadtrand, und die Wirtschaft versinkt in Schulden.

Droht jetzt also die deutsche Blase ?