Brandl-Peverali hat sich erkundigt, in dem Haus in der Reuterstraße muss viel gemacht werden. Bei 110.500 Euro steigt er aus, und am Ende geht die Wohnung für 115.500 Euro an eine junge Ärztin. Nach der Versteigerung kommt der Vertreter der WL Bank kopfschüttelnd aus dem Saal. "Vor einem Jahr waren wir noch froh, wenn wir so ein Objekt zur Hälfte des Verkehrswerts losbekommen haben", sagt er. "Was jetzt passiert, ist einfach Wahnsinn."

Der Wahnsinn hat die ganze Stadt im Griff. Allein im vergangenen Jahr stiegen die Preise für Berliner Altbauwohnungen um mehr als zehn Prozent, durchschnittlich wohlgemerkt. Rund um den Chamissoplatz in Kreuzberg mit seinen Gründerzeitfassaden haben sich die Quadratmeterpreise in den vergangenen Jahren verdoppelt. Am sechsspurigen Mehringdamm entsteht gerade ein Mehrfamilienhaus, in dem die Wohnungen bis zu 4.800 Euro pro Quadratmeter kosten. "Früher hätten wir laute Lagen nicht verkaufen können", sagt Nikolaus Ziegert, dessen Maklerbüro das Objekt vertreibt. Heute ist Lärm kein Problem mehr.

Und das ist nicht nur in Berlin so. Nach Schätzungen der Bundesbank haben sich Wohnimmobilien in den großen Städten 2011 im Schnitt um fünfeinhalb Prozent verteuert. In Spitzenlagen wie Hamburg-Hohenfelde müssen Käufer für Eigentumswohnungen heute 45 Prozent mehr bezahlen als noch vor einem Jahr. Das ist umso bemerkenswerter, als die Immobilienpreise zuvor jahrelang gefallen waren.

Die "markante Trendwende" (Bundesbank) ist nicht nur eine Folge der niedrigen Zinsen. Viele Deutsche zieht es in die Ballungsgebiete. Die Jungen locken die Berufsperspektiven und die Alten die kurzen Wege und die medizinische Versorgung. Das hat zur Folge, dass die Preise in den Städten anziehen, während sie in vielen ländlichen Regionen zum Teil sogar sinken. Dazu kommt, dass mehr Deutsche in Singlehaushalten wohnen, was die Nachfrage nach Wohnraum ankurbelt.

Vor allem aber treibt die Angst vor Inflation und einer Währungsreform viele Bundesbürger in den Immobilienmarkt. Nach einer Umfrage des Branchenverbands IVD halten 54 Prozent der Deutschen die Immobilie für den besten Schutz gegen Geldentwertung. Ein Berliner Makler hat beobachtet, dass bei ihm die Telefone immer dann oft klingeln, wenn in Brüssel wieder einmal Milliarden zur Stabilisierung des Euro aufgeboten werden.

Nun ist nicht jeder Boom gleich ein Problem. Nach der jahrelangen Talfahrt war eine Trendwende am Immobilienmarkt überfällig. Und weil die Konjunktur besser läuft, können sich die Deutschen teurere Wohnungen leisten, ohne sich übermäßig verschulden zu müssen.

Den Hauskauf auf Pump erschweren auch die im Vergleich zu den Vereinigten Staaten konservativen Finanzpraktiken der deutschen Banken. Die hiesigen Institute verlangen bei Immobilienkrediten in der Regel einen Eigenkapitalanteil von mindestens 20 Prozent – in Amerika mussten die Käufer zum Teil gar kein Kapital mitbringen. Zudem können die Amerikaner ihre Häuser immer wieder neu beleihen, hierzulande ist das sehr schwer. In Deutschland sei aktuell "keine Blase zu erkennen", heißt es in einer Analyse der Großbank UniCredit.

Doch so läuft es immer: Die Zuversicht lockt Investoren an, der Wert der Häuser steigt, die Banken vergeben mehr Kredite , die Menschen werden wagemutiger und schalten den Verstand aus. Wer will schon außen vor bleiben, wenn auf Partys alle über das neue Eigenheim reden? Irgendwann nährt der Boom den Boom, und den Experten fallen immer neue Argumente ein, warum das alles ganz normal ist, obwohl die Preise schon lange nichts mehr mit der Realität zu tun haben. Noch im Juli 2005 – die US-Hauspreise hatten sich bereits innerhalb von nur fünf Jahren verdoppelt – stritt der damalige Notenbankchef Alan Greenspan ab, dass es sich um eine Blase handle. Bald darauf begann die große Krise.

Nachher wissen es alle besser, aber zunächst einmal merkt niemand etwas – auch das gehört zur Logik der Spekulation.

Steffen Sebastian, Immobilienökonom an der Universität Regensburg, beobachtet denn auch den "Anfang einer Blasenbildung". Schließlich schrumpft in Deutschland die Bevölkerung, wo soll also auf Dauer die Nachfrage nach Immobilien herkommen? Überdies wird die Phase niedriger Zinsen irgendwann enden. Wer sein Häuschen kreditfinanziert hat, erlebt dann möglicherweise eine böse Überraschung, weil die monatliche Belastung steigt.