DIE ZEIT: Herr Johnson, als Manager des Soros Fund waren Sie Teil eines Finanzsystems, das Sie heute kritisieren. Was hat Sie vom Spekulanten in einen Systemkritiker verwandelt?

Robert Johnson: Die Finanzkrise. Ich sah die Rettung der Banken durch den Staat und wie die Banker sich weiterhin Boni auszahlen. Ich konnte einfach nicht mehr ertragen, wie miserabel die Politik auf die Krise reagiert hat. Und es hat mich unglaublich geärgert, wie ausgerechnet die Lobbyisten der Branchen, die immer mit Effizienz und Markt argumentierten, in der Krise dann die Hilfe des Staates forderten und bekamen.

ZEIT: Und das hat Sie dann einfach so die Seiten wechseln lassen?

Johnson: Ich bin in Detroit aufgewachsen und habe erlebt, wie die Autoindustrie zusammengebrochen ist und wie das die ganze Region verwüstet hat . So etwas vergisst man nicht. Mir war immer klar, dass ich mehr als nur Geld für mich und meine Familie verdienen will.

ZEIT: Hierzulande würde man sagen: Mit der Einstellung kann man dann nicht bei einem Hedgefonds arbeiten. Da geht man in die Politik...

Johnson: ( lacht ) Bei uns würde man eher argumentieren, dass Politiker ziemlich wenig zu sagen haben, meist auf die gängige Meinung reagieren und die wahre Macht bei der Privatwirtschaft liegt. Aber im Ernst: Ich habe nach der Uni zunächst für den Staat gearbeitet, im Banken-Ausschuss. Das war zur Zeit von Ronald Reagan . Als mein zweites Kind geboren wurde, hätte meine Frau nach drei Wochen wieder arbeiten müssen. Wir haben uns dann Geld von meinen Vater geliehen, damit sie wenigstenw ein halbes Jahr zu Hause bleiben konnte. Dann wurde mir dank Ronald Reagan auch noch die Pension gestrichen. Und so habe ich schließlich gekündigt, wie viele andere gute Leute auch. Dass ich ausgerechnet in der Finanzwirtschaft gelandet bin, war wohl keine noble Entscheidung. Aber ich musste damals Geld verdienen.

ZEIT: Und wie erklären Sie die Arbeit bei Hedgefonds? Die gelten in Deutschland als Zocker .

Johnson: Die Finanzkrise entstand nicht in den Fonds, sondern in den großen Banken. Ich halte deswegen auch das Verhalten der großen Banken bis heute für brandgefährlich. Die wissen: Im Zweifel haut mich der Staat raus. Also können sie ziemlich gewissenlos agieren. Und das tun sie immer noch. Außerdem ist ihr Einfluss auf die Politik immens. Sie sorgen durch enorme Lobby dafür, dass es keine neuen, strengen Gesetze gibt, die sie regulieren. Also werden sie in den USA immer noch nicht richtig überwacht. Auch die Märkte für Derivate sind bis heute nicht transparent. Deswegen existieren die Risiken weiter, die schon zur letzten Krise geführt haben. Bei uns herrscht das Gesetz des Wilden Westens.

ZEIT: Wie klischeehaft.

Johnson: Aber es ist die Wahrheit. Mit viel Geld können Sie in Amerika ziemlich leicht gute in schlechte Politik verwandeln. Der nächste Präsident braucht etwa eine Milliarde Dollar für seinen Wahlkampf . Irgendwo muss das Geld herkommen. Und irgendwann wird er dafür Gegenleistungen erbringen müssen. Bei den Hedgefonds besteht die in der Besteuerung: Deren Einkommen wird in den USA viel geringer besteuert als das von Sekretärinnen oder Automechanikern. Leider zerstört all das inzwischen das Gleichgewicht in der Gesellschaft. Denn wie kann es sein, dass die Ungleichheit in meinem Land trotz all der schönen Theorie seit Ende der siebziger Jahre stetig wächst?