StrandräuberStrand der Dinge

An der Küste der niederländischen Insel Texel kann man vieles finden, vom Kompass bis zum Mammutzahn. Man muss nur suchen. Gilles van Mil, 63, hat sich darauf spezialisiert. von Christine Dohler

Empfänger unbekannt, wie immer bei Flaschenpost

Empfänger unbekannt, wie immer bei Flaschenpost  |  © misterQM/photocase.com

DIE ZEIT: Herr van Mil, Sie leben auf Texel und sind Strandräuber. Wie hat man sich das vorzustellen?

Gilles van Mil: Ich suche Strandgut, das wiederverwertbar ist: Bojen, Holz, Seile...

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ZEIT: Solche Dinge findet man auch als normaler Strandspaziergänger.

van Mil: Gestern habe ich zum Beispiel 24 Mascaras entdeckt! Einmal habe ich auch einen Mammutzahn aufgesammelt – Wissenschaftler haben mir später bestätigt, dass er echt ist. Und ab und zu sehe ich eine Leiche oder...

ZEIT: ...eine Leiche?

van Mil: Es kommt ab und zu vor, dass jemand über Bord geht. Dann rufe ich aber die Polizei.

ZEIT: Eine Flaschenpost aufzusammeln dürfte erfreulicher sein.

van Mil: Die finde ich etwa drei Mal pro Woche. In Whiskyflaschen stecken meist Briefe von Seeleuten. Leider vergessen die im Suff, ihre Adresse dazuzuschreiben, da kann man nicht antworten. Briefe in Limonadenflaschen stammen von Kindern. Denen schreibe ich, wann und wo ich die Flasche entdeckt habe. Einmal habe ich hintereinander erst eine Flaschenpost von einem Jungen aus England und dann eine von seiner Schwester gefunden. Der Junge war damals elf Jahre alt, mit 21 hat er mich besucht und sich seinen Brief zeigen lassen. Und erst kürzlich war ich auch bei seiner Familie.

ZEIT: Ist der Strand von Texel ein besonders ertragreiches Revier für einen Strandräuber?

van Mil: Oh ja, der Strand ist etwa 30 Kilometer lang; und jeden Tag werden hier Unmengen, sagen wir mal: Müll angespült. Das liegt daran, dass 35 Kilometer vom Ufer entfernt die stark genutzte Schifffahrtsroute zwischen der Straße von Dover , den deutschen Nordseehäfen und Skandinavien verläuft. Schiffe verlieren manchmal Dinge. Strandräuber gibt es auf Texel traditionell seit Jahrhunderten: Die Menschen waren arm, und wenn sie Holz brauchten, sind sie eben an den Strand gegangen.

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