Wenn zwischen dem Iran und Israel der Krieg ausbricht, auf welcher Seite stehen Sie dann?« Das fragte mich vor ein paar Wochen jemand auf Facebook, als die Nachrichten meldeten, ein israelischer Schlag gegen iranische Atomanlagen stehe unmittelbar bevor. Seit meiner frühen Jugend zu Beginn der iranischen Revolution von 1979 wurde meine Loyalität schon so oft infrage gestellt, dass ich solche Verdächtigungen inzwischen als mein iranisch-jüdisches Erbe begreife.

Vor ungefähr dreißig Jahren nahm mich in Teheran eine kleine Gruppe von sozialistischen Intellektuellen in ihren Kreis auf. Wir trafen uns heimlich, es waren gefährliche Jahre. Die neue Regierung hatte gerade erst die Macht erobert und war sich ihrer Sache auf bedrohliche Weise unsicher. Oppositionsgruppen standen unter heftigem Druck. Ein Krieg gegen den Irak tobte, und die USA hatten Sanktionen verhängt. Unsere Tage verbrachten wir in Warteschlangen, weil die meisten Grundnahrungsmittel rationiert waren.

Alle Mitglieder der Gruppe hatten den Auftrag, sich mit je einem dieser dringenden Probleme zu beschäftigen. Ich hingegen sollte Woche für Woche das Neueste zum israelisch-palästinensischen Konflikt berichten. Ich war zwar viel jünger als die übrigen Mitglieder der Gruppe, aber mir war völlig klar, welcher Seite meine Sympathien aus ihrer Sicht zu gelten hatten. Palästina müsse den Palästinensern zurückgegeben werden, erklärte ich deshalb zum Abschluss aller meiner Berichte. Nie erwähnte ich, dass sich unter den Juden in jenem Land auch meine mittellosen Verwandten befanden. Sie waren aus dem Iran nach Israel geflohen, nachdem ein wütender Mob im Chaos vor der Revolution ihr Haus und ihr Geschäft in Brand gesteckt hatte.

Schweigen und Unterwürfigkeit kennzeichnen den Charakter der iranischen Juden bis heute. Wir gehen jeglicher Konfrontation aus dem Weg. Wir machen uns unter unseren muslimischen Freunden und Nachbarn unsichtbar. Am sichersten und erfolgreichsten leben diejenigen unter uns, die sich am besten angepasst haben, die am wenigsten zulassen, dass irgendein Bestandteil ihrer jüdischen Identität in ihr iranisches Dasein hineinspielt.

Heute droht dieses Vergessen beide Völker zu verschlingen. Noch niemals gab es zwei Nationen, die so tief voneinander geprägt waren und die zugleich so wenig darüber wussten, wie viel sie einander verdanken. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde auch der Iran von der Gesetzlosigkeit und dem Tribalismus des Mittleren Ostens geplagt. Aber bis etwa zur Mitte des Jahrhunderts erlangte der Iran unter Schah Mohamed Reza Pahlevi eine Armee und eine effektive Zentralregierung. Das erst machte die spätere Industrialisierung möglich. Zu einem überraschend großen Anteil hat der Iran diese Industrialisierung den Anstrengungen führender iranischer Juden zu verdanken.

Zu ihnen gehörten die Gebrüder Nazarian. In den späten vierziger Jahren hatten sie den Iran verlassen und 1948 in Israels Unabhängigkeitskrieg gekämpft. Anschließend stiegen sie dort in die Baubranche ein. Nachdem sie das Gewerbe von der Pike auf gelernt hatten, taten sie das Undenkbare: Sie kehrten zurück in das Land ihrer Geburt, um nun auch am Aufbau des Irans mitzuwirken. Sie wurden zu Herstellern von Radladern und Muldenkippern, Kränen und Betonmischern, sie machten diese modernen Werkzeuge der Urbanisierung verfügbar und erschwinglich. Eine der größten Touristenattraktionen im Iran, die Stadt Isfahan, erlangte ihren Ruhm erst, nachdem die Nazarians gemeinsam mit israelischen Ingenieuren dort eine unterirdische Kanalisation gebaut hatten, welche die Stadt von Krankheiten und Gestank befreite.