Luchs Nr. 303Pferdedung und Orangenduft

Darek wächst im postsozialistischen Tschechien auf: Eine Jugend mit Widrigkeiten. von Birgit Dankert

© Sauerländer Verlag

Der Roman Orangentage beginnt mit klugen mütterlichen Ratschlägen: Es gibt Dinge, die man sich merken muss. Bestimmte Sachen sollte man aber schnellstens vergessen. Ob das Erste oder das Zweite gilt, kann man nur selbst erkennen. Darüber müsste der 14-jährige Darek erst einmal in Ruhe nachdenken. Doch vorerst fehlt ihm dazu die Zeit, denn er wird in eine heftige Prügelei mit seinem Widersacher Hugo verwickelt. Dabei geht es um vieles – vor allem, wie so oft, um Dareks kleine Schwester, die am Downsyndrom leidet. Hugo und die anderen Jungen hänseln sie grausam. Das kann der Bruder nicht dulden – obwohl er selbst manchmal schwer daran trägt, immer freundlich zu ihr sein zu müssen: »Emma ähnelte keinem Menschen, den er kannte. Sie war anders, und er musste sich damit abfinden. Er musste sie liebhaben, wie sie war – hatte die Mutter gesagt. Nie hatte Darek mit ihr darüber diskutiert, aber oft überlegte er, ob man Liebhaben anordnen konnte.«

Erst am Schluss des Romans erfahren die Leser, wie Schläge und Ratschläge in dieser Geschichte zusammenhängen. Innerhalb weniger Monate, zwischen Frühlingsbeginn und dem Ende der Sommerferien, gelingt es dem Jungen aus einem Dorf im tschechischen Teil von Schlesien, sein Leben in den Griff zu bekommen. Eine große Rolle spielt dabei das nach Orangen duftende Mädchen Hanka: Sie wird das Glück seines Lebens.

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Einstweilen hat es Darek hart getroffen. Seine Mutter stirbt, der Vater ertränkt Trauer und wirtschaftliche Sorgen zunächst im Alkohol, bis er ein Geschäft mit Pferden beginnt. Für einen Moment scheint sich da das Blatt zu wenden, doch Dareks Traum von einer Pferde-Pflegestation entpuppt sich schnell als Illusion. Trotz allem gibt ihm die Erinnerung an die Mutter Kraft, und er respektiert auch durchaus die Schweigsamkeit und das Durchhaltevermögen des Vaters. Das freie Leben in der Natur genießt Darek – sogar die anhaltenden Kämpfe mit dem furchtbaren Hugo. Und selbst die schwer durchschaubaren Lebensweisheiten des alten Herrn Havlik haben etwas für sich. Dareks Arbeit mit den Pferden scheint trotz aller Schwierigkeiten in eine bessere Zukunft zu führen. Hanka, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, ist ihm allerdings ein Rätsel, eine Herausforderung. Am Verhältnis zu ihr kann Darek erproben, wie weit er im Kampf mit dem Leid seines Lebens und in der Auseinandersetzung mit sich selbst schon gekommen ist.

Dareks ländliche Wirklichkeit, 23 Jahre nach der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei, ist noch geprägt von den politischen Veränderungen der Zeit. Das Dorf teilt sich, für alle ungewohnt, auf einmal in Erfolgreiche und Arme. Ein neues Schulsystem, auch eine Betreuung für die behinderte Schwester werden erprobt. Die Landwirtschaft befindet sich in der Krise. Es gibt noch keinen Euro. Für Darek gehören ein Magnum-Eis, coole Pullover und ein eigenes Handy ins Reich der sehnlichen Wünsche. Hanka denkt und fühlt ganz anders.

Glaubhaft und eindrucksvoll führt die Autorin uns in und durch die innere und äußere Welt des Jungen. Wir folgen ihr von Dareks blutiger Schlägerei mit seinem Todfeind durch haltlos-wütende Schimpfkanonaden gegen die verhasste Vertraute des Vaters bis zu poetischen Schilderungen der Natur und verschmitzten, zärtlichen Dialogen mit Hanka.

In die kontinuierliche Schilderung der Geschehnisse durch einen auktorialen Erzähler sind acht kurze, assoziative Rückblenden in Ichform eingefügt – Dareks Erinnerungsfetzen. In einer ausweglosen Situation wird der Leser zudem Zeuge einer fiktiven Unterhaltung des Jungen mit seiner toten Mutter. Was uns da berichtet wird, erhält durch die Schlüsselszenen im Gedächtnis des Helden seinen tieferen Sinn. Aus diesem Grund lohnt es sich, das Buch noch einmal von vorne zu lesen.

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Iva Procházkovás Jugendbücher sind von ihrer Biografie nicht zu trennen. 1953 wurde sie als Tochter des bekannten tschechischen Autors Jan Procházká (1929 bis 1971) geboren. Der Vater wurde politisch verfolgt, weil er einer der Wortführer des Prager Frühlings gewesen war. Die Tochter, deren erste schriftstellerische Versuche in der ČSSR nicht erscheinen durften, emigrierte mit der Familie 1983 nach Österreich und später nach Deutschland. 1995 kehrte sie nach Prag zurück, seitdem schreibt sie ihre Bücher sozusagen simultan, gleichzeitig für ein deutsches und ein tschechisches Publikum. An ihrem »Prager Deutsch«, der wort- und bildreichen Sprache mit einer großen Fülle von sorgfältig abgestimmten Beschreibungen einzelner Vorgänge und Stimmungen, können sich deutsche Leser, die in Jugendbüchern sprachlich nicht immer verwöhnt werden, ganz besonders erfreuen.

Auf dem Jugendbuchmarkt Tschechiens spielen Fantasy, Graphic Novels und Comics im Augenblick eine größere Rolle als realistische Schilderungen jugendlichen Lebens in der postsozialistischen Gesellschaft. Da sind die Bücher, Fernsehsendungen und Filme der Autorin Impulse zur Wiederbelebung eines unterbrochenen Qualitätsanspruchs. Denn die ČSSR war für ihre Bilder- und Kinderbücher, für Puppenspiele und -filme weltweit bekannt und angesehen. Zwischen jungen, unbelasteten Nachwuchstalenten, ehemals linientreuen Autoren, vorsichtigen Reformern und nicht heimgekehrten tschechischen Künstlern mit internationaler Bedeutung kommt Iva Procházková eine wichtige Aufgabe zu. Durch ihr persönliches Schicksal und ihr literarisches Werk legt sie Zeugnis ab vom Freiheitswillen einer Autorengeneration, die viel für diese Freiheit bezahlt hat und sie – wie in dem Jugendroman Orangentage – als das Zentrum jugendlichen Lebensgefühls mit Herzblut und Disziplin weiterträgt.

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Leserkommentare
  1. Kinderbücher usw. was ist derzeit der Renner bei den Kids? Potter, viele Triologien und Fantasystorys - trotz Zeitalter Multimedia hat die Faszination Buch immer noch ihre Fans und was wäre die Meschheit ohne Bücher?

    Auch Kinderbücher suchen nach neuen Möglichkeiten und was mit dem sagenumwobenden Potter began - wer weiss, vielleicht gibt es wieder einen "Helden der Kids und Jugendbücher" der als Blockbuster unsterblich wird....

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  • Schlagworte Jugendbuch | Buch | Literatur | Tschechische Republik
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