Dieser MOP ist nicht zum Aufwischen gedacht. Er steht für Massive Ordnance Penetrator, den mächtigsten Sprengkörper im amerikanischen Arsenal: sechs Meter lang und 14 Tonnen schwer. Die Monsterbombe bohrt sich durch 60 Meter Beton, bevor ihre 2,5-Tonnen-Sprengladung zündet. Sie wäre das "Mittel der Wahl", um die tief verbunkerte Anreicherungsanlage in Fordo nahe Ghom zu vernichten. 

Warum Fordo? Es ist militärisches Sperrgebiet, umzäunt von Flak und Raketen. Die IAEA , der atomare Wachhund der UN, hatte keinen Schimmer von dem Untergrund-Projekt. Vor drei Jahren wurde es von westlichen Diensten aufgestöbert. Seitdem geht ein Gespenst um: Die Iraner fahren zweigleisig – hier die inspizierten Anlagen, dort die geheimen Zwillinge .

Als Fordo entdeckt wurde, orderte die Air Force 20 MOPs. Die ersten wurden im Herbst ausgeliefert. Allerdings ist sich Pentagon-Chef Leon Panetta nicht sicher, ob das Ding ganze Arbeit leisten kann; "wir sind noch immer mit der Entwicklung beschäftigt". Das Bergmassiv über den Zentrifugenräumen ist mindestens 60 Meter stark; vielleicht frisst sich der MOP durch, vielleicht nicht. Dann schafft eine zweite Bombe die letzten Meter? Die Planer bleiben zuversichtlich: So oder so würden die hochsensiblen Zentrifugen den Schock nicht überleben.

Auf jeden Fall eskaliert der drei Jahre alte Nervenkrieg. Anfang März dozierte der israelische Premier Benjamin Netanjahu: Ein Angriff sei nicht eine Frage von Tagen oder Wochen . Aber auch nicht von Jahren. Amos Yadlin, der frühere Chef des Aman, der militärischen Aufklärung, behauptet, den Termin zu kennen. In der New York Times orakelt er, Israel werde an dem Tag attackieren, da Iran "kurz davorsteht, seine Atomanlagen wirksam gegen einen Angriff zu schützen".

Geht es also nur noch um das Wann? Israelische Diplomaten und Geheimdienstler erzählen jedem, der es hören will: Die Zeit für die Diplomatie laufe ab , dann sprächen die Waffen. Man wolle bloß abwarten, ob die Sanktionen und die Verhandlungen mit dem Iran, die am Wochenende beginnen sollen, die Mauer der Verweigerung brechen. Wenn nicht? Die Zuträger wackeln sorgenvoll mit dem Kopf und murmeln vom Sommer – noch ist das Wetter für einen Angriff günstig.

Das ist Psychokriegführung: Politischer Druck ist besser als Detonationswellen, die den gesamten Nahen Osten überrollen könnten. Umso mehr gilt es, die kalten Fakten zu betrachten. Israels Problem sind die Mittel. Die haben nur die Amerikaner , angefangen mit dem MOP und dem Langstreckenbomber B-2, der ihn mitschleppt. Sie haben die Luftstützpunkte rund um den Iran, die Flugzeugträger, die vor dem Persischen Golf kreuzen. Mit Hunderten von Jets könnten sie die iranische Luftabwehr dezimieren, die Befehlsbunker knacken, die Küstenbatterien und Raketen verwüsten, die einen Vergeltungsschlag gegen die Ölader der Welt führen könnten. Sie würden vor allem behalten, was im Strategie-Jargon "Eskalationsdominanz" heißt: Verdoppelt das Regime den Einsatz, kann Amerika ihn vervierfachen. Das wissen die Eiferer von Teheran.

Handeln sie halbwegs rational, werden sie gegen Amerika nicht in den Krieg ziehen, etwa indem sie als Reaktion auf einen möglichen israelischen Präventivschlag den Ölriesen Saudi-Arabien oder Tanker im Golf attackieren. Zwar könnte der Iran auch seine Stellvertreter – Hisbollah und Hamas – auf Israel hetzen. Doch auch die müssten scharf kalkulieren, hält doch Israel seinerseits im Konflikt mit unmittelbaren Nachbarn die Eskalationsdominanz. Sterben für die Mullahs?

In der großen Arena aber hat Israel nicht die Übermacht. Das ist der Schwachpunkt aller Angriffsszenarien, die seit Jahren durch die Medien geistern. Die Israelis besitzen zwar eine der größten Luftwaffen der Welt, eine größere noch als Deutschland oder Frankreich, aber die ist für die kürzeren Distanzen in der arabischen Nachbarschaft gedacht. Die Hauptlast müssten zwei Flugzeugtypen tragen, die ursprünglich für den Luftkampf konzipiert wurden. Das sind Varianten der amerikanischen F-16 und F-15 mit einem "I" wie "Israel" als Anhängsel. Die können auch weiträumig bombardieren.

Die Geografie ist Israels schlimmster Feind bei einem Angriff

Der verlängerte Arm ist trotzdem zu kurz. Wie lang er ist, bleibt das Geheimnis der IAF, der Israel Air Force. Zudem hängt der Kampfradius von Flugprofil, Zuladung und Verweildauer über dem Ziel ab. Zum Beispiel: Fliegt eine F-16I ("Sturm") sehr hoch in sehr dünner Luft, schafft sie mit Extratanks 1500 Kilometer. Fliegt sie aber niedrig, um das Radar in Jordanien , im Irak und im Iran auszutricksen, verkürzt sich der Radius auf die Hälfte.

Der F-15I ("Donner"), dem mächtigsten Jet der IAF, wird Ähnliches nachgesagt: 1000 bis 1500 Kilometer. Aber wie man es dreht, ist es nicht weit genug. Die Piloten müssten etwa hundert Kilometer vor den Anreicherungsanlagen in Fordo und Natans abdrehen. Wollten sie dennoch hin, müssten sie auf dem Hin- und Rückweg über nicht gerade freundlichem Gebiet auftanken: über Jordanien und dem Irak auf der direkten Route oder entlang der syrisch-türkischen Grenze auf der Nordroute. Unbehelligt könnten sie nur über dem Meer die Arabische Halbinsel umfliegen. Das wären 5000 Kilometer, ein absurdes Unterfangen.

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Perfekt wäre indes ein vierter Angriffskorridor, der in Aserbaidschan begönne. Dieser nördliche Nachbar des Irans ist Israels neuer Freund in der islamischen Welt. Der Iran ging 1979, die Türkei in jüngster Zeit verloren. Die Gerüchte überschlagen sich seit März. Angeblich wolle Baku den Israelis vier alte sowjetische Flugfelder nahe der iranischen Grenze überlassen; von dort wäre der Weg nach Isfahan nur halb so lang wie der vom Mittelmeer. Diese Option darf man allerdings unter "Nervenkrieg" abbuchen. Gibt sich Aserbaidschan als Sprungbrett her, droht ihm fürchterliche Vergeltung aus dem Iran. Kein Wunder, dass Baku kategorisch verneint: "Von unserem Territorium aus wird es keinen Einsatz gegen den Iran geben."

Die Geografie bleibt also Israels schlimmster Feind, der nur durch Auftanken bezwungen werden kann. Doch besitzen die Israelis nur fünf Jet-Tanker, umgebaute Boeing 707. Jetzt etwas Kopfrechnen. Die IAF hat 100 "Sturm" und 25 "Donner". Lässt sie alle auf einmal los, müssten sie zweimal betankt werden – hin und zurück. Zweimal 125 ist gleich 250. Und das mit einer Handvoll Tanker?

Dann vielleicht mit der halben Flotte? Selbst das würde nicht viel ändern. Denn Bomber müssen sich gegen Jäger und Bodenraketen wappnen. Die 50 Jäger der iranischen Luftwaffe (F-14, Mirage und Mig-29) sind zwar ältlich bis veraltet, müssen aber einkalkuliert werden; also muss Begleitschutz her. Die iranische Flugabwehr ist auch nicht up to date, weil die Russen die modernste Version ihres flächendeckenden S-300-Abwehrsystems zäh verweigern. Es bleibt aber die akute Gefahr unmittelbar an den Zielorten, wo die Luftabwehr besonders dicht ist. Die Bomber brauchen also eine Vorhut, die die letzte Meile frei schießt. Folglich müssten sich an die hundert Jets auf den Weg machen, eine Zahl, die in krassem Missverhältnis zu einer Handvoll Tanker steht.

Eine solche Flotte wäre mit Blick auf die Zielliste nicht zu groß. Hier die Top Acht:

Ardekan: eine Uranfabrik, die Erz in "Yellowcake" verwandelt, das am Anfang aller Anreicherung steht.

Isfahan: ebenfalls ganz weit oben, denn hier kann der Iran die beiden nächsten Etappen zur Bombe bewältigen. Die erste ist die Konversion von Yellowcake in ein Gas, das durch die Anreicherungszentrifugen gejagt wird. Die zweite ist die Rückführung des angereicherten Gases in Metall. Keine Bombe ohne metallisches Uran, das allerdings auf 90 Prozent gepuscht werden muss. Offengelegt haben die Iraner die Anlage erst, als die IAEA peinliche Fragen stellte.

Parchin: ebenfalls ein Muss. Das dürre Fazit der IAEA vom November 2011: Der Iran hat hier "an der Entwicklung eines atomaren Sprengsatzes gearbeitet". Wie? Mit Zündern und Sprengstoffen, die einen Uran- oder Plutoniumkern in Millisekunden zusammenstauchen, um so die Kettenreaktion auszulösen. Die IAEA berichtet auch von Sprengkopf-Design und Miniaturisierung – klassische Indizien für die Atomrüstung, insbesondere die Miniaturisierung. Denn je kleiner die Bombe, desto weiter reichen die Raketen, die ebenfalls in Parchin entwickelt werden.

Fordo: eine hoch verbunkerte Anreicherungsanlage, bis 2009 geheim, die Uran auf 20 Prozent anreichert, fast siebenmal höher, als Brennstäbe für zivile Atomkraftwerke es erfordern.

Arak: ein Schwerwasser-Reaktor, der 2014 fertig wird. Er ist ein "Primärziel", weil er mit unbehandeltem Natururan den Bombenstoff Plutonium erbrütet.

Natans: eine 100.000 Quadratmeter große Anreicherungsanlage, acht Meter unter der Erde und geschützt durch massive Betonwälle.

Buschehr: ein ursprünglich deutsches Kernkraftwerk, das von den Russen zu Ende gebaut wurde und ebenfalls Plutonium erzeugt. Einen "heißen" Reaktor zu bombardieren, wird Israel aber wegen des unkalkulierbaren Fallouts nicht wagen.

Darkovin: ein iranischer Eigenbau, der noch "kalt" ist und 2016 ans Netz gehen soll.

Nicht auf dieser Shortlist erscheinen Dutzende von Laboren und Forschungsstätten, die den langen Weg zur Bombe ebnen, sei’s mit Grundlagen-Physik oder Wiederaufarbeitungs-Chemie.

Die Bombe wird noch ein paar Jahre dauern

So leicht die Ziele zu benennen sind, so schwer sind sie zu treffen. Erstens können die Israelis ohne Auftanken gerade mal Arak erreichen. Zweitens können sie anders als die Amerikaner keinen wochenlangen Bombenkrieg führen, der alle Widerstände niederwalzt – die Flugabwehr, die Rollbahnen, die Befehlszentralen –, bevor die eigentlichen Ziele attackiert werden.

Also kein Alleingang der IAF? Nicht unbedingt, denn die Israelis kämpfen nicht "auf Amerikanisch" – im Verlass auf Masse, Feuerkraft und Ausdauer. Stattdessen würden sie einzelne Glieder aus der Bomben-Kette reißen. Zum Beispiel Isfahan: kein Urangas, keine Anreicherung; kein Uranmetall, keine Bombe. Obendrein könnten sie sich Natans vornehmen, wo sie die Bunker ohne MOP brechen könnten.

Und dann?

Das Pentagon hat vor drei Wochen den Ausgang eines Kriegsspiels an die Presse gestreut, wonach ein israelischer Alleingang das Atomprogramm nur um ein Jahr zurückwerfen, aber einen Krieg in der gesamten Region entfachen würde. Das Szenario: Die Iraner schlagen mit Raketen zurück und töten 200 Amerikaner auf einem Navy-Schiff im Golf. Nun entfesselt Amerika seinen eigenen Krieg gegen die Mullahs. Zeitgewinn: gerade mal weitere zwei Jahre. Es bringt also nichts.

Ob der Iran drei oder zehn Jahre zurückgeworfen wird, hängt natürlich vom Ausmaß der Zerstörung ab, das der amerikanische Präsident bestimmt. Die Indiskretion enthält eine politische Botschaft: Das Militär will keinen Krieg gegen den Iran ; deshalb hat die Generalität die trübe Bilanz an die Medien lanciert. Obama will ihn ebenso wenig. Deshalb hat er vor wenigen Tagen dem türkischen Ministerpräsidenten eine Nachricht für den Religionsführer Chamenei mit auf den Weg gegeben: Ein "ziviles Atomprogramm" wäre akzeptabel, so Chamenei glaubhaft machte, dass der Iran "nie Atomwaffen anstreben" werde, wie er selber in einer TV-Ansprache im Februar beteuert hatte.

Wenn alle Verhandlungen scheitern, haben dann "Sturm" und "Donner" das Wort? So richtig wollen auch die Israelis nicht, wie die Meinungsumfragen bekunden. Nur 19 Prozent bejahen den Alleingang ohne die USA, zwei Drittel sind dagegen. Ein Drittel ist gegen jede Art von Angriff. Diese Zahlen zeugen nicht von Kriegsbegeisterung. Das Volk hat offensichtlich nicht den Vernichtungswillen, den Günter Grass dem Judenstaat zuschreibt . Und die Regierung denkt seit Jahren weiter; deshalb die deutschen Dolphin- UBoote. Die sind keine Erstschlags-, sondern Abschreckungswaffen – anders als auf dem Festland stationierten Jets und Jericho-Raketen so gut wie unverwundbar. Just deswegen haben die Regierungen Schröder und Merkel die Boote auch geliefert: Lieber ein Israel, das glaubhaft Vergeltung im Zweitschlag androhen kann, als ein Land, das in der existenziellen Not – schießen oder sterben – als Erstes auf den Knopf drückt.

Und die Iraner? Machen wir uns nichts vor: Sie arbeiten seit den Neunzigern zielstrebig an einer nuklearen Option. Mithilfe ihrer Atomanlagen können sie sich alle erforderlichen Bestandteile für eine eigene Atombombe verschaffen. Die Strategen nennen das "Bombe im Regal". Was dort lagert, könnte in kurzer Zeit zusammengeschraubt und auf Träger verfrachtet werden.

Wie viel Zeit noch bleibt, ist ein beliebtes Ratespiel. Ein Jahr, zwei Jahre, drei? Wenn das Regime nicht insgeheim von irgendwo acht Kilo Plutonium oder 20 Kilo Uran eingeschmuggelt hat, wird es jedenfalls noch eine Weile bis zur Bombe dauern. Inzwischen führen Israel und der Westen längst Krieg – diplomatisch wie im Dunkeln. Die Waffen sind Sanktionen, Sabotage und Bomben gegen iranische Wissenschaftler – diese eine israelische "Spezialität", die schon Nassers Ägypten und Saddams Irak traf. Seit 2010 wurden drei heftige Explosionen im Iran verzeichnet: in zwei Raketenlagern und in der Urankonversionsanlage zu Isfahan. Derweil beißen die Sanktionen immer heftiger. Am 1. Juli werden sie verschärft.

Es ist Nervenkrieg, denn die Mittel des Vor-Krieges sind noch nicht erschöpft. Für den Iran ist die Entscheidung, eine Atombombe nicht nur bauen zu können, sondern es tatsächlich zu tun, nur eine Option. Und wenn die gezogen wird? Die Washington Post zitiert einen hohen Offiziellen: "Selbst im allerschlimmsten Fall" – nur noch sechs Monate bis zur Bombe – "hat der Präsident immer noch Zeit, um zu reagieren" – gewaltsam. Inzwischen werden die Amerikaner an MOP-2 basteln, der garantiert das Massiv von Fordo durchschlägt. Und die Israelis mit Angriffsdrohungen den Druck schüren, der ihnen den Krieg erspart. Diese Gewähr läuft aus, wenn Chamenei die Bombe freigibt.