Klaus Biesenbach mit der Regisseurin Sally Potter und der Schauspielerin Tilda Swinton © Jemal Countess/Getty Images

Es ist eins dieser halbformellen Geschäftsessen, die nach 50 Minuten beendet sein müssen, weil 50 Minuten das Maximum an Zeit darstellen, die Menschen in Midtown Manhattan in ein Mittagessen investieren können. Das Museum of Modern Art (MoMA) hat zu Ehren der Künstlerin Andrea Zittel ins Restaurant The Modern geladen: fünf Tische, intime Runde. Anwesend sind die Direktoren des Museums, die führenden Finanziers, Museumsmitarbeiter, Künstlerkollegen. Wichtig sind die zehn Minuten vor dem Lunch, in denen die Gäste noch nicht sitzen und sich an Stuhllehnen festhalten: Da müssen Komplimente gemacht und Kontakte geknüpft werden. Glenn Lowry, der Direktor des MoMA, wirkt wieder sehr aufmerksam. Die wunderbare Aggie Gund, Kunstpatronin der alten Schule, sieht aus wie aus einem Roman von F. Scott Fitzgerald. Der Künstler Cyprien Gaillard , der im Dezember eine Ausstellung im MoMA PS1 eröffnen wird, trägt exakt die Jeansjacke, die ein junger, wilder Künstler wie er tragen muss. Und welche Rolle spielt der Deutsche Klaus Biesenbach , seines Zeichens Chief Curator at Large am MoMA und Direktor der Zweigstelle MoMA PS1 und, so kann man sagen, einer der einflussreichsten Player der internationalen Kunstwelt?

Im Moment macht Klaus, wie sie ihn hier alle nennen, seine Sache so gut, dass ihm keine Rolle anzumerken ist. Er strahlt; er trägt einen taubengrauen Anzug, der sich gut macht zu seinem schlohweißen Haar. Er wirkt im gleichen Maße unnahbar und ausgesucht teilnahmsvoll – das ist die gute alte New Yorker Schule: professioneller Auftritt. Klaus Biesenbach bringt es auch mal fertig, zwei Gäste gleichzeitig an den Händen zu halten – ein Sinnbild dafür, dass dieser Kurator es als Teil seiner Arbeit begreift, Menschen, die es seiner Meinung nach wert sind, einander vorzustellen. Während des Mittagessens stehen dann immer wieder Gäste auf und erheben ihr Glas auf den MoMA-Sponsor Volkswagen: Der Konzern hat im letzten Jahr viele große Ausgaben mitfinanziert.

In diesen Tagen wird im MoMA eine Ausstellung mit dem Ehrfurcht gebietenden Titel Kraftwerk Retrospective 12345678 eröffnet – an acht Abenden stellen Kraftwerk, die Düsseldorfer Elektropop-Pioniere, die acht maßgeblichen Studioalben ihrer 40-jährigen Karriere von Autobahn (1974) bis Tour de France (2003) im Atrium des MoMA live vor. Die achtmal 450 Konzerttickets waren in fünf Minuten ausverkauft. Die Show, von Biesenbach kuratiert, verspricht schon jetzt ein Erfolg ganz im Sinn des äußerst erfolgreichen Ausstellungsmachers Klaus Biesenbach zu werden – große Show, großer Pop, großes Tamtam im weltweit nach wie vor wichtigsten Museum für zeitgenössische Kunst.

Nach dem Essen versammelt sich auf dem Bürgersteig der 53. Straße vor den Schaufenstern, die Andrea Zittel gestaltet hat, ein Teil der Gästeschar, unter ihnen die Künstlerin, und gleich stellt sich die Frage, wie das nun möglich ist, in Anwesenheit der Künstlerin über ihr Kunstwerk zu reden. Einer sagt: »It’s amazing.« Eine sagt: »It’s totally awesome.« Klaus Biesenbach nickt. Es tritt nun Zittels Galeristin Andrea Rosen hervor und legt Biesenbach eine Hand auf die Schulter. Sie erklärt: »Diese Stadt wäre nicht dieselbe ohne dich, Klaus. Wir danken dir.« Und der so Geehrte, er antwortet nur, betont ernst, betont knapp: »Vielen Dank.«

Über Klaus Biesenbach, den deutschen Ausstellungsmacher in New York , wird in Berlin und den anderen Kunstzentren der Welt nun schon seit Jahren in einer seltsamen Mischung aus Ehrfurcht, Respekt, Neid und Missgunst geredet: so weit, so normal. Der Name Biesenbach steht in den Listen der Einflussreichen und Mächtigen, die die Kunstwelt so sehr liebt, stets ganz oben. 1966 bei Köln geboren, kommt der Medizinstudent Biesenbach gleich nach dem Fall der Mauer nach Berlin, eröffnet 1991 in einer ehemaligen Fabrik den Ausstellungsort Kunst-Werke . Am heute legendären Ruf der Kunst-Werke stimmt zumindest die Geschichte, dass der Autodidakt und selbst ernannte Kurator Biesenbach damals mit wenigen Ausstellungen (37 Räume, 1992) den Hype um das Kunstviertel Berlin-Mitte in Gang brachte. Die von Biesenbach mit gegründete Kunst-Biennale, die Ende April zum siebten Mal eröffnet , versammelte 1998 die Künstler, die heute als ein Who is Who der Berliner Kunstszene gelten können (Thomas Demand, Olafur Eliasson , Douglas Gordon , Jonathan Meese , John Bock). Und natürlich wurde in den Kunst-Werken auch einfach nur großartig gefeiert.

In der Berliner Zeit entwickelt Biesenbach seine bis heute sprichwörtliche Vorliebe für kluge ältere Frauen mit großen Haaren – zu ihnen gehören die Künstlerinnen Katharina Sieverding , Marina Abramović , Patti Smith , die Politikerin Antje Vollmer, die 2004 verstorbene Susan Sontag. 1996 bestellt Alanna Heiss, ebenfalls in Biesenbachs Club der klugen Damen und Gründerin des alternativen New Yorker Kunstzentrums PS1, den Kurator als ihren Stellvertreter – seither läuft der für Biesenbachs Karriere sicherlich förderliche Lebensabschnitt, in dem er sich in Berlin als Big Player aus New York und in New York als Hipster aus der aufkommenden Kunststadt Berlin inszeniert. Seit 2004 Kurator am MoMA, wird eigens für Biesenbach das Department for Media and Performance gründet; einige Jahren später übernimmt er zusätzlich den Ausstellungsort PS1, dem MoMA mittlerweile unterstellt.