Junge Singles: Der Psychopath hat leichtes Spiel
Mit "Ewig Dein" hat Daniel Glattauer einen flotten Roman über nicht mehr junge Singles geschrieben.
Was der Wiener Daniel Glattauer wirklich draufhat, ist Nonchalance. Vermutlich verkaufen sich seine Liebesgeschichten deshalb so gut. Eigentlich handeln sie nämlich von dramatischen Verhältnissen und seelischen Verwicklungen, die man im Ernstfall als relativ beschwerlich erleben würde. Bei Glattauer indes versetzen sie einen in heiterste emotionale Aufgeräumtheit.

Über die Gründe dafür zu räsonieren ist natürlich ein bisschen, wie einen harmlosen Witz zu erklären. Da wäre die Aprilfrische seines Tonfalls, immer hart an der Grenze zur Mündlichkeit. Seine ersten Bestseller waren sogenannte E-Mail-Romane und bestanden aus den virtuellen Botschaften der Hauptfiguren, da gehörte das zum Genre. Der neue nun, Ewig Dein, besitzt zwar einen auktorialen Erzähler, hält sich aber sonst an das flotte Temperament der Vorgänger, unterstützt durch Dialoge in Form von Sie Doppelpunkt, Er Doppelpunkt. Auch mangelt es nicht an witzigen Sentenzen, zu denen man wohlfeil nicken kann, zumal sich die Erzählung perspektivisch auf die Seite der weiblichen Hauptfigur schlägt: »Es wirkte ja auch noch im 21. Jahrhundert wie ein Wunder, wenn ein Mann um die vierzig im Supermarkt zu-, aus- und einpackte, als hätte er es vorher schon einmal getan.«
Der Herr, der hier so vorzüglich einkauft, trägt den sprechenden Namen Bergtaler, Vorname Hannes, und fährt der 37-jährigen Lampenfachhändlerin Judith mit dem Einkaufswagen auf die Fersen. Daraufhin weicht er ihr kaum mehr von der Seite, was zunächst wie eine sehr romantische Begebenheit aussieht, dann aber gruselige Ausmaße annimmt. Es ist ein smarter Zug von Daniel Glattauer, dass er nach dem Erfolg seiner E-Mail-Schnulzen bei diesem Buch nun an der Kreuzung zum Wahnsinn, die jeder anständigen Liebesgeschichte eingeschrieben ist, mit Schmackes abbiegt. Das birgt auch den Vorteil, dass Anleihen bei den populären Genres Thriller und Detektivstory gemacht werden können.
Wirklich ängstigen muss man sich bei Glattauer aber nie, weil selbst die unordentlichsten Gefühle ordentlich motiviert werden. Sollte einmal etwas Unvernünftiges geschehen, wird das sicher später gut begründet. Natürlich gibt es eine Menge liebesmäßigen Hin und Hers, und in Ewig Dein kommen nun sogar Zustände geistiger Wirrnis dazu. Aber zumindest die wesentlichen Charaktere verlieren nie für mehr als ein paar Buchseiten ihre Fähigkeit zu sympathischer Selbstironie. Für die letzten unerklärlichen Reste stehen Psychiatrie und Polizei hilfreich bereit.
Nur wenn man aus Versehen am Anfang schon weiß, wie die Geschichte ausgeht, fällt einem auf, dass sie doch einen möglicherweise unabsichtlich fiesen Zug hat. Man beobachtet dann, wie Glattauer seine Hauptfigur herrichtet für ihr Schicksal. Tatsächlich ist doch eine wie diese Judith von vornherein der paradigmatische Krisenfall unserer Zeit. Eine hartleibige Junggesellin, die sich unverwundbar fühlt, »weil sie keine zwanzig mehr war, weil sie die Männer kannte und nicht mehr so leicht bereit war, in ihren Vorstellungen vom Plural abzuweichen, und weil sie bei Gott Wichtigeres zu tun hatte, weil sie gerade die Kaffeemaschine entkalken wollte«. So eine will ihre Autarkie wahren, während sie im Herzen eine Prinzessin bleibt, die durch bombastisches Liebeswerben durchaus zu übertölpeln ist. Auch hat sie einige um ihren Familienstand besorgte Angehörige und befreundete Paare, die sie in eine Mesalliance hineinquatschen wollen. Da hat der Psychopath fraglos leichtes Spiel. Denn was Judith eigentlich bevorsteht, ist ungeheurer als der – die Einsamkeit. Und so nett der Autor Glattauer und seine Romane auch sind: Diese letzte Drohung nimmt er nicht zurück.






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