Roman "Gehwegschäden"Berliner Schattenboxen

Helmut Kuhn bedauert in seinem neuen Roman "Gehwegschäden" das kreative Hauptstadt-Prekariat. von Alexander Pleschka

Berlin ist eine Stadt voller Abgründe, voller Verzweiflung und voller Trostlosigkeit. Genau wie seine Bewohner. So könnte man zumindest meinen, wenn man sich in den neuen Roman des 1962 in München geborenen Schriftstellers Helmut Kuhn, Gehwegschäden, vertieft. Der Titel spielt auf die Warnschilder an, auf Gehwege also, die trotz ihrer Beschädigungen von der Stadt nicht weiter instand gehalten werden. In ihnen sieht Kuhn die desolate Lage Berlins und seiner Bewohner gespiegelt. Am Ende habe man resigniert und sich mit den Verhältnissen abgefunden.

In kleinen, lose aneinandergereihten Miniaturen zeichnet Kuhn ein detailliertes Porträt der im Berliner Stadtbild allgegenwärtigen Künstler, Schriftsteller und anderer kreativer Freiberufler. Erzählt wird aus der Perspektive des schon etwas in die Jahre gekommenen Journalisten Thomas Frantz, der sich mit seinen Artikeln mehr schlecht als recht über Wasser halten kann. Auf Recherchearbeit durchstreift Frantz die Stadt und gelangt an solch unterschiedliche Orte wie die ehemalige SED-Verwaltungszentrale, die von einem britischen Investor in einen Konsumtempel umgestaltet wird, die Wettbüros Neuköllns, eine Demonstration oder ein kabbalistisches Esoterikseminar. Von seiner Leidenschaft zum Schachboxen ist die Rede, einer Sportart, bei der es den Gegner abwechselnd im Schach und im Boxen zu schlagen gilt. Von seiner Beziehung mit einer älteren Französin und seiner unglücklichen Liebe zu einer jungen Doktorandin. Davon, wie er sich, durch die nächtlichen Swingerklubs Berlins irrend, allmählich in den Alkohol flüchtet.

Anzeige

Lebensläufe, so der Tenor, verlaufen heutzutage nicht mehr geradlinig. Selbst die Rede von einem Verlauf habe sich inzwischen erübrigt. Die Biografien, derer Kuhn sich annimmt, wabern vielmehr ohne festes Ziel vor sich hin. Sie handeln von Menschen, die sich aufgegeben haben und allein noch um sich selbst und ihre eigenen Befindlichkeiten kreisen. Sie schlingern in einem Trott, der aus dem Wissen erwächst, dass auf das jetzige Provisorium nur ein weiteres folgen wird.

© Frankfurter Verlagsanstalt

Erzählbar sind solche Viten allein noch als Collagen vollkommen heterogener und austauschbarer Bausteine. Kuhn hat daraus die Konsequenz gezogen. In seinen Erzähltext montiert er – darin stark an sein Vorbild Alfred Döblin und dessen Collageroman Berlin Alexanderplatz erinnernd – Werbeslogans, E-Mail-Auszüge und Internetartikel, die alle ebenso ersetzbar sind wie die Ereignisse, von denen sie handeln. Und so wie sein Protagonist ein Provisorium an das nächste reiht, fügt Helmut Kuhn Kapitel an Kapitel, immer in dem Wissen, dass alles auch anders hätte kommen können.

Kuhn ironisiert all die Abgründe, die sich hinter den Banalitäten des Alltags auftun. Eines Alltags, mit dem seine Figuren die Unzulänglichkeit ihrer Bemühungen zu überspielen versuchen, mit ihrem Elend zurande zu kommen. Doch obwohl er seine Figuren auf diese Weise vorführt, überwölbt eine über die soziale Tristesse empörte Erzählstimme den Roman. In pathetischer Emphase beklagt sie unablässig, dass früher alles anders gewesen sei und dass auch heute alles anders sein sollte – was leider gelegentlich in eine Larmoyanz kippt, die nur wenig überzeugt. Damit findet Helmut Kuhn in seinem Erzählgewirr am Ende doch noch zu einer Konstante: dem Bedauern darüber, dass er die Lebenswege seiner Figuren und damit seinen Roman so erzählen muss, wie er ihn erzählt.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Kreative Prekarier allerdings lassen vermuten, dass es mit der selbstbehaupteten Kreativität nicht allzuweit her ist, sonst könnte man sich damit ja auch ganz kreativ im Leben einrichten. Das haben viele Kreative in allen Zeiten vor dem Wohlfahrtsstaat auch gemusst und geschafft, übrigens ohne deshalb zu verdorren.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • msknow
    • 14. April 2012 20:54 Uhr

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und ohne Unterstellungen. Danke, die Redaktion/mk

    • msknow
    • 14. April 2012 20:54 Uhr

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und ohne Unterstellungen. Danke, die Redaktion/mk

  2. Erich Kästner mit seinem fabelhaften Werk "Fabian" sei an dieser Stelle ausdrücklich gelobt. Eine sehr angenehme Sprache, immer gern ein bisschen ironisch und sehr angenehm zu lesen. Außerdem ist der Eindruck Berlins in diesem Buch so interessant bürgerlich und leicht melancholisch.

    • Stenka
    • 16. April 2012 18:39 Uhr

    "Gehwegschäden" mag Lesern gefallen, die keine Ahnung von Literatur haben.
    Empfehlenswert ist eher die Dichtung von Johannes Becher, Wilhelm Klemm oder auch Georg Heym... In einem einzigen Gedicht steckt mehr Emotion als in diesem dicken Buch.

  3. Das Buch mag keine psychologische Tiefe haben, vielleicht auch keine gesellschaftspolitische, aber er bringt doch sehr interessante Beobachtungen. Vieles ist doch aus einem sehr gesettelten Ausgangspunkt geschrieben, so gibt es kein "Mitte-Prekariat", die Mieten sind hier viel zu teuer, und der Obdachlose betreibt auch keine Probaganda "Straßenfeger, Straßenfeger". Vieles versucht noch einen verklärten zwanziger Jahre Blick auf diese Stadt zu erzeugen. Aber die heutige Massenkultur, auch in Berlin ist doch um einiges trostloser, trotz Wohnzimmer-Bar. Doch einiges istsher scharf beobachtet, gerade gegen Ende des Romans, der sich in windeseile durchlesen lässt. Er ist so leicht, wie das gedankenlose Flanieren selbst. Nicht reflektiert, nicht nach Ursachen suchend, selbstverliebt, aber doch ein spannendes Zeugnis dieser Zeit und ihrer Sehnsucht nach Sicherheit und Aufregung zugleich. Zu hoffen bleibt, dass auf dieses Buch nicht die gleiche Entwicklung folgt, wie auf Kästners Fabian und Döblins Alexanderplatz.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Alfred Döblin | Alkohol | Alltag | Lebenslauf | Roman | Schach
Service