Berlin ist eine Stadt voller Abgründe, voller Verzweiflung und voller Trostlosigkeit. Genau wie seine Bewohner. So könnte man zumindest meinen, wenn man sich in den neuen Roman des 1962 in München geborenen Schriftstellers Helmut Kuhn, Gehwegschäden, vertieft. Der Titel spielt auf die Warnschilder an, auf Gehwege also, die trotz ihrer Beschädigungen von der Stadt nicht weiter instand gehalten werden. In ihnen sieht Kuhn die desolate Lage Berlins und seiner Bewohner gespiegelt. Am Ende habe man resigniert und sich mit den Verhältnissen abgefunden.

In kleinen, lose aneinandergereihten Miniaturen zeichnet Kuhn ein detailliertes Porträt der im Berliner Stadtbild allgegenwärtigen Künstler, Schriftsteller und anderer kreativer Freiberufler. Erzählt wird aus der Perspektive des schon etwas in die Jahre gekommenen Journalisten Thomas Frantz, der sich mit seinen Artikeln mehr schlecht als recht über Wasser halten kann. Auf Recherchearbeit durchstreift Frantz die Stadt und gelangt an solch unterschiedliche Orte wie die ehemalige SED-Verwaltungszentrale, die von einem britischen Investor in einen Konsumtempel umgestaltet wird, die Wettbüros Neuköllns, eine Demonstration oder ein kabbalistisches Esoterikseminar. Von seiner Leidenschaft zum Schachboxen ist die Rede, einer Sportart, bei der es den Gegner abwechselnd im Schach und im Boxen zu schlagen gilt. Von seiner Beziehung mit einer älteren Französin und seiner unglücklichen Liebe zu einer jungen Doktorandin. Davon, wie er sich, durch die nächtlichen Swingerklubs Berlins irrend, allmählich in den Alkohol flüchtet.

Lebensläufe, so der Tenor, verlaufen heutzutage nicht mehr geradlinig. Selbst die Rede von einem Verlauf habe sich inzwischen erübrigt. Die Biografien, derer Kuhn sich annimmt, wabern vielmehr ohne festes Ziel vor sich hin. Sie handeln von Menschen, die sich aufgegeben haben und allein noch um sich selbst und ihre eigenen Befindlichkeiten kreisen. Sie schlingern in einem Trott, der aus dem Wissen erwächst, dass auf das jetzige Provisorium nur ein weiteres folgen wird.

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Erzählbar sind solche Viten allein noch als Collagen vollkommen heterogener und austauschbarer Bausteine. Kuhn hat daraus die Konsequenz gezogen. In seinen Erzähltext montiert er – darin stark an sein Vorbild Alfred Döblin und dessen Collageroman Berlin Alexanderplatz erinnernd – Werbeslogans, E-Mail-Auszüge und Internetartikel, die alle ebenso ersetzbar sind wie die Ereignisse, von denen sie handeln. Und so wie sein Protagonist ein Provisorium an das nächste reiht, fügt Helmut Kuhn Kapitel an Kapitel, immer in dem Wissen, dass alles auch anders hätte kommen können.

Kuhn ironisiert all die Abgründe, die sich hinter den Banalitäten des Alltags auftun. Eines Alltags, mit dem seine Figuren die Unzulänglichkeit ihrer Bemühungen zu überspielen versuchen, mit ihrem Elend zurande zu kommen. Doch obwohl er seine Figuren auf diese Weise vorführt, überwölbt eine über die soziale Tristesse empörte Erzählstimme den Roman. In pathetischer Emphase beklagt sie unablässig, dass früher alles anders gewesen sei und dass auch heute alles anders sein sollte – was leider gelegentlich in eine Larmoyanz kippt, die nur wenig überzeugt. Damit findet Helmut Kuhn in seinem Erzählgewirr am Ende doch noch zu einer Konstante: dem Bedauern darüber, dass er die Lebenswege seiner Figuren und damit seinen Roman so erzählen muss, wie er ihn erzählt.