Im März des Jahres 1800 konnte Ludwig van Beethoven seine Wiener Etagenwohnung nicht verlassen. Auf dem Plakat für sein nächstes Konzert stand zu lesen, dass man die Eintrittsbilletts beim Komponisten selbst kaufen solle. Ein Genie in bizarrer Mission: Es musste kassieren, Plätze zuweisen, Honneurs machen. Beethoven hasste diese Tage. Sollte er, der Inbegriff des neuen, freien und selbstständigen Künstlers, als Kalfaktor Karriere machen müssen?

Beethoven, so zeigt diese Episode, hatte keine andere Wahl. Zwar sah er zu, dass er seine Werke meistbietend an Verlage und Zuhörer verkaufte, doch in Krisenmomenten musste er den Demütigen geben. Das erstaunt uns angebliche Kenner seiner Biografie: Hatte Beethoven nicht lebenslang Gönner in höchsten Kreisen, standen ihm Türen nicht jederzeit offen, flog ihm die Sympathie des Publikums nicht frontal zu? Nein, keineswegs – und es ist das Verdienst des neuen Beethoven-Buches des belgischen Musikprofessors Jan Caeyers , dass wir über das mühsame, labile, aufreibende, mitunter krawallige Leben des Komponisten formidabel informiert werden.

Beethovens Vita ist uns allen bruchstückhaft präsent: Bonn, wo er 1770 zur Welt kam, und Wien, wo er 1827 starb, unruhige Lebensbahnen, aber wachsender Erfolg, schweres Gehörleiden, aufsässiger Charakter, Junggesellentum, Vereinsamung – das sind die wenigen Morsezeichen, die aus der Erinnerung an ein offenbar unvorteilhaftes, spaßfreies, einzig für höhere Zwecke bestimmtes Leben zu uns dringen. Caeyers öffnet uns auch den Alltag und vermittelt uns das Psychogramm eines verwirrenden Künstlers. Beethoven war das Gegenteil des Duckmäusers, ein zorniger Rebell, unbeugsam bis zur Sturheit – und diese Haltung brachte ihn mehr als ein Mal in Schwierigkeiten. Aber er besaß gegenüber seinen Vertragspartnern eine Form von Chuzpe, die sie ahnen ließ, dass dieser Mann den Rang seiner Kunst möglicherweise am besten zu taxieren wusste. Nun, Beethoven schrieb seinem Lehrer Neefe von Wien aus einen Brief mit dem gönnerhaft-selbstbewussten Finalsatz: »Werde ich einst ein grosser Mann, so haben auch Sie Theil daran.« Trotzdem musste selbst dieser große Beethoven sich immer noch katzbuckelnd an Respektabilitäten aus Adel und Kirche wenden und sich deren Wohlwollen, so Caeyers, auch mit »schleimhaltigen Komplimenten« erbitten.

Auf wohltuend analytische Weise hinterfragt Caeyers manche Klischees des handelsüblichen Beethoven-Schrifttums. Er widerlegt die Legende vom schäbig-teilnahmslosen Vater Jean van Beethoven, indem er dessen liebevolle und – was die Ausbildung des Sohnes betrifft – hellseherische Eigenschaften hervorhebt; er zeiht den Komponisten selbst der Verbohrtheit etwa im Umgang mit seinem Neffen Karl, lässt auch keinen Zweifel an Beethovens Unfähigkeit, in emotional schwierigen Momenten die Contenance zu wahren. Gleichwohl stellt Caeyers die Lernfähigkeit des Meisters heraus, sie äußerte sich allerdings meistens in kompositorischen Fragen. Diese Entwicklung vollzog sich notgedrungen privatissime und nahm beispielsweise keinerlei Notiz von den spieltechnischen Begrenztheiten der Wiener Musiker. Caeyers findet dafür das treffende Wort von der »Orchester-Paranoia«, die Beethoven entwickelte. Andererseits zitiert er auch jenen Bericht seines Klavierschülers Ferdinand Ries, der sich verwundert über Beethovens Großzügigkeit äußerte, wenn er mal schwer danebengegriffen hatte. Ries schrieb: »Nur wenn ich am Ausdruck oder am Charakter des Stücks etwas mangeln ließ, wurde er aufgebracht, weil, wie er sagte, das Erstere Zufall, das Andere Mangel an Kenntnis, an Gefühl oder an Achtsamkeit sei.« Gegenüber Ries, einem weiteren Bonner in Wien, war Beethoven alles andere als knickerig: Er gab ihm kostenlos Klavierunterricht und lieh ihm Geld, ohne es zurückzufordern.

Der Himmelsstürmer Beethoven arbeitete hart an seinen Visionen. Sie waren Kraftakte, seine Partituren sehen mitunter aus wie nach einem Bombenangriff. Doch tobt da nichts Äußeres, sondern nur ein innerer Selektionsprozess; Beethoven war ein gnadenloser Optimierer, geschult an den Größten seiner Zeit, denn er glaubte, »Mozarts Geist aus Haydns Händen« empfangen zu haben. Diese Ausgießung von Kompetenz empfing der junge Anarchist Beethoven, wie Caeyers beinahe maliziös mitteilt, ebenso aufrecht wie jammernd. Tadeln oder von höheren Mächten regieren ließ er sich ja ungern. Dünnhäutigkeit war allerdings eine Spezialität Beethovens, wie auch sonst, wenn einer von jungen Jahren an über merkliche gesundheitliche Störungen klagen musste – vor allem über seinen Hörverlust, der bis ins Alter wie ein Zersetzungsprozess verlief und den Komponisten vollständig in die Sphäre rein innerer Wahrnehmung trieb. Visionen einzig aus Fantasie und Vorstellung: Ob Beethoven ähnlich radikal komponiert hätte, wäre sein Hörvermögen erhalten geblieben?